13.11.2009 Drucken Empfehlen
[X]
 Diesen Artikel versenden   


   

Zu viele Klausuren, zu volle Säle

In Tübingen entlädt sich Unmut der Studierenden in einer Besetzung

In Tübingen ärgern sich Studenten über überfüllte Anfänger-Vorlesungen und zu hohem Leistungsdruck. Deswegen besetzten sie einen Hörsaal. Der Rektor machte gestern von seinem Hausrecht Gebrauch.

RAIMUND WEIBLE
Artikelbild: In Tübingen entlädt sich Unmut der Studierenden in einer Besetzung Tübinger Studierende demonstrieren gegen Studiengebühr und Studienbedingungen. Foto: Ulrich Metz

Die 22-jährige Jaana trägt einen weißen Arbeitskittel mit der Aufschrift "Leistungsjäger". So angetan reiht sie sich gestern in die Demonstration ein, die am Nachmittag durch Tübingen zieht, von der Neuen Aula zum Marktplatz und von dort zu den Gymnasien am Neckar. Die Studentin der Soziologie und der Politikwissenschaften im fünften Semester fühlt sich unbehaglich an ihrer Hochschule. Es nerven sie die Klausuren, insbesondere, wenn sie sich zum Semesterende häufen. Jaana: "Einmal musste ich an einem Tag drei Klausuren schreiben." Bei der Jagd nach Leistungspunkten (credit points) und den vielen Klausuren bleibe keine Zeit mehr zur Reflexion. "So schnell wie möglich fertig zu werden mit dem Studium, das ist ein erheblicher Druck", sagt Jaana.

Artikelbild: In Tübingen entlädt sich Unmut der Studierenden in einer Besetzung Transparent an der Universität in Heidelberg. Foto: dpa

Wenn diese Tempojagd auch noch mit überfüllten Hörsälen und Tutorien einhergeht, dann macht dies besonders verdrießlich. Der Geografie-Student Martin, auch im weißen Arbeitskittel, wünscht sich ebenfalls bessere Bedingungen im Studium. Der 26-jährige Diplomstudent ärgert sich darüber, dass es für ihn und die anderen "Diplomer" zu wenig Lehrkräfte gibt. Die Kapazität sei abgezogen worden, um den Bedarf im Bachelor-Studiengang zu decken, berichtet er. Dort müssten die Anfänger, wie in einigen anderen Fächern auch, zusammenrücken. Statt etwa 70 wie in normalen Jahren, drängen sich im Moment 134 Erstsemester in den Vorlesungen, in die Tutorien pressen sich manchmal bis zu 50 Leute.

Überfüllte Hörsäle, die Pflicht, schnell abzuschließen, die Zwänge durch die neuen Bachelor-Studiengänge, die Studiengebühren - das sind einige der Punkte, weshalb zahlreiche Studenten derzeit sauer sind. In Tübingen machten Studenten ihrem Ärger Luft, indem sie vor einer Woche einen der größten Hörsäle der Hochschule, den Hörsaal 25 im Vorlesungszentrum Kupferbau, besetzten. Damit war gestern morgen Schluss. Schon am Vortag hatte Unirektor Bernd Engler ein Ultimatum ausgesprochen, nachdem ihm die Studenten nicht das Versprechen abliefern wollten, keine Veranstaltungen mehr zu stören.

Am Donnerstag früh um sieben forderte Kanzler Andreas Rothfuß die Besetzer zweimal auf, das Hörsaalgebäude zu verlassen. Angesichts einer starken Polizeipräsenz brachen die rund 200 Studenten die Besetzung ab. Die Polizei verzichtete darauf, die Personalien der Demonstranten aufzunehmen, die Hochschule versicherte, keinen Strafantrag zu stellen. Engler war sehr erleichtert darüber, dass es zu keiner Konfrontation kam, dass die Aktion friedlich endete.

Einer der Gründe dafür, weshalb das Rektorat von seinem Hausrecht Gebrauch machte, war die Furcht, in die Besetzergruppe könnten sich im Lauf der Woche Leute von außen einschleichen, die es nicht so friedlich meinen. Das wollte die Hochschulleitung unbedingt verhindern. Engler kündigte aber an, er sei stark daran interessiert, mit den Studierenden in einem "konstruktiven Dialog" zu bleiben. "Dieses Rektorat fühlt den Puls. Wir sind bereit", versicherte er, "berechtigte Forderungen aufzunehmen und einzubeziehen." Als äußeres Zeichen der Dialogbereitschaft wertete er die Möglichkeit der Studenten, sich stärker in den Gremien einbringen zu können. So könnten die Studierenden in doppelter Anzahl an den Sitzungen der Kommissionen teilnehmen.

Heftige Kritik hatte sich die Hochschulleitung anhören müssen wegen der Verhältnisse im Erstsemester der neuphilologischen Fächer und der Soziologie. Nach der Aufhebung der Zulassungsbeschränkung wurden die Fächer überlaufen, in der Anglistik kämpften bis zu 700 Anfänger um einen Platz in den Hörsälen. Inzwischen hätten sich die Bedingungen verbessert, sagte Engler: "Die sofort eingeleiteten Notmaßnahmen vermochten endgültig zu befriedigen."

Die Demonstranten vor der Neuen Aula haben eine andere Wahrnehmung als die Rektoren. Sie bekräftigen ihre Kritik an den Studienbedingungen. Unterstützung kommt von der Grünen-Landtagsabgeordneten Ilka Neuenhaus. "Macht weiter mit der Debatte und lasst nicht locker", fordert sie in ihrem Grußwort die Studenten auf. Die Bundestagsabgeordnete Heike Hänsel (Linke) wirft Engler einen "destruktiven Kurs" vor.

Ein anderer Politiker indes macht sich unbeliebt. Unvermittelt steht auf dem Marktplatz Jörg Tauss auf dem Pflaster und kritisiert die Universitätsleitung wegen des Polizeieinsatzes. Dem früheren SPD-Generalsekretär und jetzige Aktivist der Piratenpartei, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen des Besitzes von Kinderpornografie ermittelt, wird "purer Populismus" vorgeworfen. Die höfliche Bitte, zu schweigen hindert Tauss nicht, die Demonstration bei ihrem Zug vor die Altstadt zu begleiten.

Vergeblich versuchen die Demonstranten, in die Schulen zu gelangen. Dort stehen Polizisten und verwehren ihnen den Zutritt. Die Kommunikation mit den an den Fenstern stehenden Schülern beschränkt sich auf Zurufe und fröhliches Winken.

13.11.2009 - 08:30 Uhr
Nachrichten aus ...
Regionalkarte, Klicken Sie die Ortschaft fuer Nachrichten aus dieser Region Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfhaeslach Ammerbuch T�bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Anzeige


Anzeige


Gedruckt

Am Freitag im TAGBLATT

  • Wissenschaftler der Universitäten in Tübingen und Mainz haben sie einen Bluttest entwickelt, der Gendoping bei Sportlern zuverlässig nachweisen lässt. Auch nach längerer Zeit noch.
  • Weniger neue Lehrverträge: Doch laut Arbeitsagentur-Chef Ulrich Häfele hat sich der Markt entspannt.
  • Tübinger Molkerei firmiert in Zukunft unter dem Namen TüBio.
Aktuelle Serviceseiten
  • Aktives Alter
  • Ärztetafel
  • Internet
  • Service
  • Hof und Garten
Ihr Kontakt zur Redaktion

Single des Tages