Gisela Mayer, die Mutter der getöteten Referendarin Nina, über eine Zeit voller Schmerz, Wut und Zusammenhalt
Ich habe Angst vor dem Tag, an dem sich der Tod unserer Tochter jährt, weil ich nicht weiß, ob ich dem Schmerz standhalten kann. Für unsere Familie ist es, als sei Nina vor einer Woche gestorben.
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Gisela Mayer (52) ist Ethiklehrerin und überzeugt davon, dass Kindern heute oft Liebe und Anerkennung fehlen. Den Eltern des Amokläufers wirft sie vor, dass sie nicht gemerkt haben, wie verzweifelt ihr Sohn war. Foto: Martin Wagenhan
Unser Zeitgefühl ist ein anderes als das der Menschen um uns herum. Ich bin immer noch dabei, mir selbst zu erzählen, dass sie tot ist - und weigere mich, es zu akzeptieren. Doch dieser Jahrestag führt uns die Endgültigkeit vor Augen.
Die Gedenkfeier findet in der Halle statt, in der ich erfahren habe, dass Nina nicht mehr lebt. Ich bin mit meiner jüngeren Tochter, die heute 15 Jahre alt ist, nach Winnenden gefahren, nachdem wir von dem Amoklauf erfahren hatten. Zuvor hatte ich Nina eine SMS geschickt. Dass keine Antwort kam, hat mich nicht beunruhigt. Ich dachte, sie wird sich um ihre Schüler kümmern. In Wirklichkeit war sie zu diesem Zeitpunkt längst tot.
In der Halle, die zum Info-Zentrum umfunktioniert worden war, habe ich nach ihr gefragt. Eine Viertelstunde später hieß es, es sehe schlecht aus. Da habe ich angefangen, mir Sorgen zu machen. Nach vielem Hin und Her kamen sie zu dritt zu uns, doch noch immer haben sie es nicht ausgesprochen - bis plötzlich meine Tochter sagte: "Mama, verstehst Du, was man uns sagen will? Nina ist tot."
Bis heute komme ich nicht darüber hinweg, dass man mir verwehrt hat, meine Tochter zu sehen, sie in den Arm zu nehmen. Alle konnten an ihr vorbeilaufen, Minister, Polizeibeamte, fremde Menschen - und Nina war ihren Blicken ausgesetzt. Nur die eigene Mutter durfte nicht zu ihr. Es hat mich tief verletzt, dass man mich angelogen hat, um mich loszuwerden. Es hieß, die Leichen seien schon in die Gerichtsmedizin transportiert worden. Das aber ist erst am Abend geschehen. Mein Mann und ich haben Nina das letzte Mal gesehen, als sie im Sarg lag, gekämmt und hergerichtet, es war so, als hätten sich Fremde unserer Tochter bemächtigt. Nina wurde am 17. März beerdigt, an ihrem 25. Geburtstag.
Seit sie tot ist, fühle ich mich wie ein Mensch, der mit Höhenangst in der Achterbahn sitzt und nicht aussteigen kann. Man rauscht von einem Angstzustand in den anderen: Es gibt Tage, da gelingt es mir, konzentriert zu arbeiten, und dann gibt es Stunden, in denen ich denke: Ich will und ich kann nicht mehr.
Manchmal spüre ich entsetzliche Wut, eigenartigerweise richtet sie sich nicht gegen den Täter, sondern gegen seine Eltern. Sie stellen sich dem Ganzen nicht. Ihr Anwalt hat Briefe an alle Angehörigen der Opfern verschickt - eine Art Entschuldigung, aber es wurden nicht einmal die Namen der Toten erwähnt. Unter einigen Briefen fehlte sogar die Unterschrift, ein ganz und gar unpersönliches Schreiben.
Diese Eltern verstecken sich, sie wollen nichts davon wissen, dass ihr Sohn in psychiatrischer Behandlung war, sie haben alles versucht, um juristisch ungeschoren davonzukommen. Umso wichtiger ist es, dass der Vater sich jetzt vor Gericht verantworten muss, dass er und seine Frau gezwungen werden, sich dem Geschehenen zu stellen.
Mir geht es nicht um Strafe. Sie bringt mir Nina nicht zurück. Ich will, und deshalb trete ich als Nebenklägerin auf, die Eltern sehen, sie fragen, wie es um ihre Verantwortung steht, ich will wissen, was die Gründe für diese schreckliche Tat waren. Diese Gründe gibt es, davon bin ich überzeugt. Ich werfe dieser Familie vor, dass sie nicht gemerkt hat, wie verzweifelt ihr Sohn war, dass sie auch hier gleichgültig geblieben ist. Ich will versuchen zu verstehen, was sich abgespielt hat. Vielleicht, weil ich glaube, dass dann alles leichter zu ertragen ist.
Die Kraft, das durchzustehen, gibt mir mein Mann, der auf eine sehr stille und doch sehr tätige Weise trauert: Er pflegt Ninas Grab mit großer Hingabe. Alles entscheidend für mich ist, dass meine jüngere Tochter mich braucht. Sie ist tapfer, aber sie leidet sehr. Nina und sie hatten ein inniges Verhältnis. Sie vermisst ihre Schwester unendlich.
Ich denke viel an Nina: Zu dem Zeitpunkt, als sie sterben musste, war sie in ihrem Leben dort angelangt, wo sie hinkommen wollte. Sie unterrichtete Deutsch, Kunst und Religion, sie war glücklich, dass sie ihre Berufung gefunden hatte. Nina hat das Leben geliebt, sie fand alles, was lebte, schützenswert. Sie hatte Freude am Umgang mit jungen Menschen - in einer gar nicht betulichen, sondern einer helfenden und lebensbejahenden Weise.
Was ich nicht kann, ist, so zu tun, als sei Nina bei einem Unfall ums Leben gekommen. Es ist ein Verbrechen geschehen, und das verlangt nach Gegenwehr. Deshalb haben wir Angehörigen das Aktionsbündnis Winnenden gegründet, das sich zum Ziel gesetzt hat, Aufklärungsarbeit zu leisten, damit sich das Schreckliche nicht wiederholt.
Leider sorgt die Politik nicht dafür, dass Schusswaffen aus Privathaushalten verschwinden. Noch wichtiger wäre, sie würde ein neues Schulfach zur Pflicht machen, in dem es um den Erwerb sozialer Kompetenzen geht. Schüler und Lehrer brauchen Raum, um als Menschen miteinander umzugehen. Schule muss mehr sein als Wissensvermittlung - auch, um Fehlentwicklungen zu erkennen.
Schlimm ist, dass dem Aktionskreis inzwischen auch Gleichgültigkeit, sogar Aggression entgegenschlägt. Als wir gegen Killerspiele demonstriert haben, hat man uns auf offener Straße gesagt, es müsse Schluss mit dem Trauerterror sein. Wir erhalten auch Mails, in denen es heißt, man solle die Gesellschaft endlich in Ruhe lassen mit diesem Thema, der Tod unserer Kinder sei doch eine persönliche Angelegenheit. Genau das ist er eben nicht.
Oft werde ich gefragt, wie ich es schaffe, wieder als Ethiklehrerin zu arbeiten, im Aktionsbündnis aktiv zu sein und jetzt noch ein Buch zu veröffentlichen. In diesem Buch führe ich meine Gespräche mit Nina fort - über all die Dinge, die uns bewegt haben, über Eltern, Erziehung, Schule und das, was Kindern heute oft fehlt: Anerkennung, Zuwendung und Liebe. Es ist sicher so, dass ich auf diese Weise versuche, Ninas Tod im Nachhinein noch einen Sinn zu geben.
Was würde es nützen, mich zu verkriechen? Das Ganze ist keine Grippe, die sich auskurieren lässt, mir geht es in vier Wochen nicht anders als heute. Und ich wollte auch meine Schüler nicht sitzenlassen. Sie sind sehr einfühlsam, haben nach Antworten gesucht, wie so etwas geschehen kann. Sie haben mir ehrlich gesagt, dass sie nicht wissen, wie sie mir begegnen sollen. Diese Ehrlichkeit hätte ich mir auch von vielen Erwachsenen gewünscht, dann wäre manches Gespräch leichter gewesen. Das Unsensibelste, was ich erlebt habe, war ein Journalist. Er wollte, dass ich vor der Kamera weine. Das werde ich niemals tun.
In der Familie gehen wir seit Ninas Tod sehr vorsichtig miteinander um. Wir verschwenden keine Zeit mehr an Menschen, die uns nicht interessieren, und wir machen keine Dinge mehr nur um des lieben Friedens willen. Dafür ist die Zeit zu kostbar. Man sieht klarer, wird deutlicher in den eigenen Positionen. Das ist ein gutes Gefühl.
Der Kern unserer Trauer ist das Wissen darum, was Nina genommen worden ist. Die schönen Tage sind die schlimmsten. Es tut weh, etwas zu tun, das sie auch gerne tat: gemeinsam Essen zu gehen, die ersten wärmenden Sonnenstrahlen zu genießen. Nina und ich haben Tulpen geliebt und uns im März oft gegenseitig einen Strauß geschenkt. Das letzte Mal vor einem Jahr.
Was ich mir wünsche? Dass meine jüngere Tochter es schafft, nach all dem ein halbwegs glückliches Leben zu führen. Mein Mann und ich hoffen, dass dieser tiefe Schmerz eines Tages weicht. Bis dahin hält mich die Liebe zu meinen Kindern am Leben.
PROTOKOLL: ANTJE BERG
Info
"Die Kälte darf nicht siegen - Was Menschlichkeit gegen Gewalt bewirken kann", heißt das Buch von Gisela Mayer, das jetzt im Ullstein Verlag,