Gesundheitsminister Bahr will alternative Wohnformen fördern
Die Zahl der Pflegebedürftigen könnte bis 2050 von 2,3 auf 4,5 Millionen steigen. Wer kümmert sich um sie? Minister Bahr will Alten-Wohngemeinschaften fördern. Ein Ausweg aus dem Pflege-Dilemma?
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BASIL WEGENER, DPA
Berlin Henning Scherf lebt es vor. Der Bremer Alt-Bürgermeister (73) wohnt mit teils ebenfalls betagten Freunden unter einem Dach. "Wohngemeinschaft" nennt er es, eigentlich ist es eher ein Mehrgenerationenhaus mit verschiedenen Wohnungen. Geht es nach Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), sollen solche Beispiele vor allem für Pflegebedürftige und Demente Schule machen.
Ist die Pflege-WG ein Zukunftsmodell? "Die Menschen wollen so lange wie möglich zu Hause bleiben und nicht ins Heim", sagt Bahr. Deswegen sollen neue Wohnformen für Pflegebedürftige gefördert werden. "Auf lange Sicht kann es auch Kosten sparen." Mit neu hinzukommenden 200 Euro pro Monat und Betroffenem soll etwa eine vierköpfige Wohngruppe in Pflegestufe 1 bis zu 3460 Euro für Pflege- oder Hilfskräfte bekommen können.
Mit einer neuen 10 000-Euro-Förderung für so eine WG soll es künftig bis zu 20 228 Euro geben, wenn ein Bad und andere Teile der Wohnung behindertengerecht eingerichtet werden sollen.
SPD-Fraktionsvize Elke Ferner hat zwar nichts gegen eine solche Förderung einzuwenden. Schließlich stieg schon Ex-SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt mit ihrer Pflegereform in solche Modelle ein. Doch sie moniert, Bahr plane dafür keine frischen Mittel ein, sondern wolle 30 Millionen Euro verwenden, die für Pflegestützpunkte nicht gebraucht würden. Und: "Die Pauschale für Pflegehelfer reicht nicht zum Leben und nicht zum Sterben." Wegen geringen Umfangs der Förderung bleibe der Erfolg wohl aus. Der Paritätische Wohlfahrtsverband zeigt sich ebenfalls skeptisch.
Elisabeth Scharfenberg, Pflegeexpertin bei den Grünen, sagt hingegen: "Bahr folgt damit einem Grünen-Trend." Scharfenberg propagiert schon seit langem Alternativen zum Heim oder zur Pflege durch oft überforderte Angehörige. Doch sie mahnt: "WGs alleine reichen nicht." So bauen Pflegeheime nicht selten ihre Einrichtung um - und fertig ist ein Haus mit mehreren WGs. "Wir wollen keine Förderung von Schein-WGs", sagt sie . Bereits heute gibt es Wohngemeinschaften, Häuser mit mehreren Generationen unter einem Dach sowie Pflegefamilien. Entweder gaben die Betroffenen oder Verwandte den Anstoß. Scharfenberg sagt auch: "Man darf das nicht durch die rosarote Brille sehen. Manchmal scheitert es daran, dass es zwischenmenschlich kriselt."
Dass die Förderung missbraucht werden könnte, hat das Bahr-Ministerium im Blick. Qualitätsstandards und Qualitätssicherung sollen helfen Mängel zu erkennen.