24.12.2012 Drucken Empfehlen
 per eMail empfehlen


   

Auf der Suche nach Marita

Eine argentinische Mutter kämpft seit zehn Jahren gegen Menschenhändler

Auf der Suche nach ihrer entführten Tochter trotzt die argentinische "Mutter Courage" allen Widrigkeiten. Auch nach einem Skandal-Freispruch für Menschenhändler gibt Susana Trimarco ihren Kampf nicht auf.

Anzeige


SANDRA WEISS

Puebla Zweimal hat sie Attentate überlebt, die Todesdrohungen zählt sie schon gar nicht mehr; einmal hat man ihr Haus angezündet, und alles nur, weil sie ihre Tochter sucht. Die Presse nennt sie "Die Mutter Courage Argentiniens". Jetzt hat ein skandalöses Gerichtsurteil in ihrem Fall Massenproteste ausgelöst. Susana Trimarco wurde für den Friedensnobelpreis nominiert, und sogar Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner rief bei ihr an: "Susana, viel Kraft, ich weiß nicht, wie du das alles aushalten kannst."

Artikelbild: Eine argentinische Mutter kämpft seit zehn Jahren gegen Menschenhändler Susana Trimarco sucht seit zehn Jahren nach ihrer Tochter, die von einem Menschenhändlerring verschleppt wurde. Die Mutter schleuste sich in die Welt der Zuhälter ein, erwirkte Razzien und brachte viele Fälle vor Gericht. Das Bild zeigt die "Mutter Courage" Argentiniens im Jahr 2007. Foto: afp

Trimarcos Tochter Marita verschwand nicht einfach so - sie wurde von Menschenhändlern entführt. Und ihrer verzweifelten Mutter gelang es, sich in die Welt der Zuhälter einzuschleusen. Nur mit der Hilfe eines befreundeten Polizisten deckte die 58-Jährige aus der nordargentinischen Provinz Tucumán finsterste Zustände auf. Seit 2008 wurden offziellen Angaben zufolge 3500 argentinische Frauen aus der Zwangsprostitution befreit, aber nur 122 Prozesse angestrengt, von denen gerade einmal 40 in einem Urteil endeten.

Zehn Jahre sind vergangen seit dem fatalen 3. April 2002, doch noch immer schmerzen die Erinnerungen daran. "Marita war zu einem Arzttermin ins Krankenhaus gegangen", erzählt Trimarco. "Als es spät wurde und sie noch immer nicht kam, ahnten mein Mann und ich gleich Schlimmes. Wir alarmierten sofort die Polizei und gingen los und fragten überall nach ihr." Von der Polizei - die, wie sich später herausstellte, mit den Verbrechern unter einer Decke steckte - kam keine Hilfe. Nur dank eines Tipps fand Trimarco einen Augenzeugen, der gesehen hatte, wie die 23-jährige Marita - Mutter einer dreijährigen Tochter - von drei Personen geschlagen und in ein Taxi gezerrt wurde. Kurze Zeit später war der Augenzeuge verschwunden, aber Trimarco hatte einen Plan: Sie verkleidete sich als Zuhälterin, ging in die Bordelle und gab vor, auf der Suche nach neuen Mädchen zu sein. "Es waren 14-jährige Kinder darunter, vielen stand das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben", schildert sie.

So klapperte sie mehrere Bordelle in Tucumán ab. Drei Monate später erwirkte sie einen Durchsuchungsbefehl in einer Bar. "Mein Mann und ich haben uns auf die Tanzfläche gestellt und den Mädchen gesagt, dass diejenigen, die gegen ihren Willen festgehalten werden, mit uns kommen können", erzählt die hagere Frau. Ein Mädchen rannte sofort auf sie zu und umarmte sie. Später avancierte Anahí zu einer wichtigen Informantin und Zeugin. Sie hatte Marita gesehen, aber die Razzia kam zu spät: der Menschenhändlerring hatte sie bereits weggebracht. Das Telefonbuch eines Polizisten brachte die Mutter auf die nächste Spur - doch immer war Marita schon weg.

2007 gründete Susana Trimarco eine Stiftung für ausgebeutete Frauen. Mehr als 800 Fälle hat sie seither vor Gericht gebracht, mehr als 400 Frauen konnten gefunden und befreit werden, ein Gesetz gegen Menschenhandel wurde verabschiedet. Doch Marita blieb verschwunden. Und nicht nur das: 2010 starb Trimarcos Mann nach schweren Depressionen. Und der Frauenhändlerring, der dank ihrer Ermittlungen aufflog, landete zwar vor Gericht. Aber Mitte Dezember wurden alle 13 Personen freigesprochen - darunter Polizisten und Bordellbetreiber - trotz vieler belastender Zeugenaussagen von Frauen, die mit Marita in Bordellen waren.

Auch Marita wurde demzufolge von ihrem Zuhälter José Fernando Gómez alias Chenga vergewaltigt und gezwungen, ein Kind auszutragen. Von dem Geld, das ihre Tochter verdiene, würde er die Anwaltskosten bezahlen, ließ er Trimarco ausrichten. Von einer "Schande" sprachen nach dem Urteil Menschenrechtler, Kriminologen und sogar Präsidentin Kirchner. Doch Susana Trimarco gibt nicht auf. Sie ging in Berufung und strengte ein Amtsenthebungsverfahren gegen die Richter an: "Solange ich Marita nicht finde, habe ich keinen Frieden. Und ich werde dafür sorgen, dass ihr ihn auch nicht habt."

24.12.2012 - 08:30 Uhr

Anzeige

(c) Alle Artikel, Bilder und sonstigen Inhalte der Website www.tagblatt.de sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.

Bildergalerien und Videos

Demo gegen Antisemitismus in Tübingen

Der Erweiterungsbau am Uhland-Gymnasium ist fertig

Mahlzeit in Bildern: Natter verschlingt Kröte

Überschwemmungen nach heftigen Regenfällen im Kreis Tübingen

150 Jahre Feuerwehr Ofterdingen

Jazz & Klassik in Rottenburg

Rock of Ages 2014

Von der Bauruine zum Hotel an der Blauen Brücke

Afrikafest in Tübingen

700 Jahre Bürgerwache Rottenburg

Dorfstraßenfest Kirchentellinsfurt

10. Tübinger Rosenfest

Der zehnte 24-Stundenlauf von Dettenhausen

Drei Tage umsonst und draußen: Das achte KuRT-Festival hat eröffnet

Grillen wie ein Profi

Tübingen fiebert mit der National-Elf im Finale

So feierten Tübingen und Reutlingen den WM-Titel

Hoch zu Ross: Die Stadtgarde feierte

Anzeige


Nachrichten aus ...
ReutlingenWannweilPliezhausenWalddorfh�slachAmmerbuchT�bingenDettenhausenKirchentellinsfurtKusterdingenGomaringenDusslingenOfterdingenMössingenNehrenBodelshausenHirrlingenNeustettenRottenburgStarzachHorb
Anzeige


Die Woche im Rückklick
Marode Fertigteile: An den Lärmschutzwänden vor und hinter dem B27-Tunnel löst sich der Leichtbeton ...

Wissen, was war

Die Woche vom 26. Juli bis 1. August: OB-Wahlkampf-Auftakt, bröckelnder Lärmschutz und viel Schulisches vor den Ferien

Aktive Singles auf
date-click
Anzeige


Zeitzeugnisse

Ein Haus mit schönen Töchtern

Die Neckarhalde galt als „reizvolle Lage mit schönen Gärten bis an den Fluß“. So beschrieb das SCHWÄBISCHE TAGBLATT in seiner Rubrik „Die Straße der Berühmtheiten“ die Neckarhalde in der Ausgabe vom 1. August 1947. Namentlich erwähnt wurde darin auch das Gebäude in der Neckarhalde 32, das andere Eigentümer hatte, bevor es 1931 in den Besitz der evangelischen Kirchengemeinde überging.

Anzeige


Ihr Kontakt zur Redaktion