Der Schiedsrichter führte nach außen ein perfektes Leben, mit dem er nicht mehr zurechtkam
Auf Facebook gibt es eine Anti-Rafati-Seite: Schiedsrichter sind ungeschützt Anfeindungen ausgesetzt. Rafati musste viel einstecken, ließ sich lange nichts anmerken - bis zu seinem
Suizidversuch am Samstag.
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CHRISTOPH DANNOWSKI, DIRK TIETENBERG UND DPA
Der Bundesliga Schiedsrichter Babak Rafati hat am Samstag versucht sich das Leben zu nehmen. Die Diskussion über den steigenden Druck auf die Unparteiischen ist in vollem Gange. Ein Umdenken wird gefordert. Foto: Actionpress
Für den Boulevard ist er schon mal "Babak Tomati", für die Fans oft eine Pfeife und für so manchen Fußball-Profi ein rotes Tuch: Babak Rafati gehört nicht zu den Beliebtesten einer ohnehin ungeliebten, aber unverzichtbaren Zunft. Der Schiedsrichter aus Hannover schockte am Samstag mit einem Selbsttötungsversuch den deutschen Fußball. Mit Kritik umzugehen, das musste der 41-Jährige in den vergangenen Jahren lernen wie kaum ein anderer Spitzenreferee.
Es ist still am Sonntagmittag, niemand kommt vorbei. Das Haus wirkt sauber und gepflegt hinterlassen. Die Umbauarbeiten am Fenster machen am Feiertag Pause. Stünde der Name "Rafati" nicht auf dem Briefkasten, man würde vermuten, das Zweifamilienhaus wäre unbewohnt. Ist es aber nicht. Hier lebt der Fifa-Schiedsrichter Rafati. Seine neue Freundin zog vor einiger Zeit von Frankfurt zu ihm nach Anderten. Bei Bekannten, Förderern und Kollegen gilt Rafati als korrekt bis in die Haarspitzen.
Die Trennung von seiner Frau vor zwei Jahren und die Scheidung vor einem Jahr kratzten an Rafatis glatter Oberfläche. Mit seiner neuen Freundin lässt er sich nur selten öffentlich sehen. Die Suche nach dem "Menschen Rafati" in Hannover ist schwierig, weil er wenig Spuren hinterlässt - er hält Privates geheim.
"Er war Banker und Leistungssportler, aber das wollte er mit dem Privatleben nie vermischen", erzählt Herbert Ruppel. Der Präsident von Rafatis Verein Niedersachsen Döhren bekam mit, wie sich der Schiedsrichter immer weniger bei seinem Klub blicken ließ, "je höher er als Schiedsrichter aufstieg".
Seit 20 Jahren ist Rafati Mitglied in Döhren. Der Verein war am Samstag der erste Anlaufpunkt für die Suche der Medien nach dem Menschen hinter dem Schiedsrichter. Zwei Kamerateams filmten das Döhrener Bezirksliga-Spiel gegen Engelbostel. "So viel Aufmerksamkeit bekommt man sonst nicht", weiß Ruppel, der im Aktuellen Sportstudio gesagt hatte, wie nahe ihm der Selbstmordversuch Rafatis gehe. "Vielleicht ein Hilferuf", vermutet Ruppel. "Ich hatte das Gefühl, dass er ein sehr fairer Mensch ist."
Das Spiel in Döhren verlief nicht fairer als woanders. Ein normaler Kick. Nur Abteilungsleiter Günter Frixe stand unter Dauerbefragung. Antworten fand er nicht. "Wie kann so etwas passieren, auf einmal? Ich kann mir das nicht vorstellen." Frixe telefonierte früher häufig mit Rafati. Zuletzt immer weniger. "Er hat keinen so richtig an sich rangelassen", sagt Frixe.
Nicht einmal auf die 100-Jahr-Feier seines Vereins wagte sich der Schiedsrichter. "Das ist nicht seine Welt", glaubt Ruppel. Rafati fürchtete um seine Neutralität als Schiedsrichter, wenn er sich zum Jubiläum seines Klubs als Aushängeschild zeigt. Alles einwandfrei, aber auch merkwürdig kleinlich.
"Er war sehr zufrieden", sagte Vater Djalal im Kölner "Express" über den Sohn und dessen Schiedsrichter-Job. Aber wie geht einer damit um, wenn er bei der halbjährlichen Umfrage des Fachmagazins "kicker" unter Bundesliga-Fußballern dreimal zum schlechtesten Schiedsrichter gewählt wird? Zuletzt konnte Rafati die zweifelhafte Auszeichnung an WM-Referee Wolfgang Stark und Deniz Aytekin weitergeben.
Die Unparteiischen finden solche Umfragen nicht okay, zumal auch nicht der schlechteste Profi gewählt wird. Dabei stehen die Spielleiter ohnehin unter einer enormen Drucksituation. "Ich denke, bei ihm ist die Entwicklung, die man erwartet hatte, ausgeblieben", kommentierte Markus Merk einmal die erneute Wahl Rafatis. Der Deutsch-Iraner, der in Teheran aufwuchs, durfte zwar nie zu einer EM oder WM, aber er machte nicht nur Karriere als Filialleiter bei der Sparkasse Hannover: Als Nachfolger von Merk wurde Rafati 2008 Fifa-Schiedsrichter. 84 Bundesliga-Spiele pfiff er bis heute, 2 A-Länderspiele und 6 Europacup-Spiele. Für 2012 hat ihn der DFB allerdings von der Liste seiner internationalen Referees genommen. Weil einige Unparteiische in den nächsten Jahren die Altersgrenze von 45 erreichen, müsse ein ständiger Austausch stattfinden - heißt es beim DFB.
Rafati muss auf seiner Karriereleiter einen Schritt zurück. "Als Schiedsrichter hast du viele Vorteile. Du hast beispielsweise die Möglichkeit, dich persönlich weiterzuentwickeln, denn das Pfeifen fordert und fördert deine Teamfähigkeit, deine Stressbeständigkeit - in schwierigen Situation gilt es cool zu bleiben - und dein Selbstbewusstsein." So wirbt Rafati auf der Homepage seiner Bank für Nachwuchs.
Wenn es die Zeit erlaubte, besuchte Rafati mit seiner Lebensgefährtin die Spiele von Hannover 96 als Zuschauer. Stammgast ist er im griechischen Restaurant "Bei Christos". Mit seiner Freundin gehe er dort mindestens einmal im Monat Essen. "Er war ein liebenswerter Gast, gab immer großzügig Trinkgeld", erzählt Wirt Hassa Ahkdar.
"Freundlich, offen, hilfsbereit", beschreiben Kollegen den Banker. Vier Jahre war er Filialleiter der Sparkassen in Badenstedt. Zuletzt arbeitete er nur noch einmal die Woche. Hannovers Sparkassenchef Walter Kleine beschreibt Rafati "als diszipliniert und sehr beherrscht". Und ergänzt: "Rafati kann immer zu mir kommen, das weiß er hoffentlich."
In einer perfekten Welt wäre Rafati der perfekte Schiedsrichter. Ein wenig zu perfekt. Durch den Selbstmordversuch sendete Rafati ein deutliches Signal: Nichts stimmte mehr in seiner Welt.
Auf der "Anti Babak Rafati"-Seite bei Facebook diskutierten die User gestern, ob sie den Schiedsrichter gemobbt hätten. Und ob man diese Seite nicht besser löschen sollte.