Auf Müllhalden suchen Kinder in Ghana nach Metallen
Tausende Tonnen Elektroschrott aus Deutschland werden jedes Jahr nach Ghana verschifft. Dort zerlegen Kinder Computer und Fernseher. Die Altmetalle bringen ein paar Cent - und den frühen Tod
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GABY HERZOG
Ein giftiger Arbeitsplatz: Die Müllkippe für Elektroschrott in Agbogbloshie in Ghana. Kinder, die hier nach Kabeln und Metallen graben, haben meist keine lange Lebenserwartung. Giftige Dämpfe und verseuchtes Wasser setzen ihrer Gesundheit zu. Foto: Laif
Die Anderen haben den Schatz tatsächlich übersehen. Nur eine kleine Ecke des grauen Gehäuses lugt unter dem Eisenschrott vor. Daniel Kwame Adgei wartet, bis seine Freunde weiter gegangen sind und zieht triumphierend lächelnd den Game Boy hervor. Dann sucht er einen Stein, zertrümmert die Plastikummantelung, löst die Leiterplatten aus dem Gehäuse und lässt sie schnell in seinem Rucksack verschwinden.
Für den 12-Jährigen ist ein Game Boy kein Spielzeug. Wenn Geräte wie diese in seinen Händen landen, reagieren die Tasten schon lange nicht mehr, der Bildschirm bleibt schwarz. Daniel hat es auf die "Innereien" abgesehen. Alles was aus Kupfer oder Aluminium ist, bringt ihn seinem Ziel ein bisschen näher: einer Portion Reis mit scharfer Tomatensauce. Doch bisher ist Daniels Beutel erst viertelvoll und er zieht weiter über die Müllkippe von Agbogbloshie. Am Rand der ghanaischen Hauptstadt Accra ist der größte Elektroschrottplatz des Landes. Computergehäuse, Fernseher, Kühlschränke, Scanner und Kabel auf mehr als einem Quadratkilometer. Toxic City nennen die Menschen diesen Ort. Seit vier Jahren ist Daniel hier zu Hause. Er lebt alleine und sammelt wie rund 300 andere Kinder jeden Tag Metallreste.
Als Second-Hand-Ware deklariert kommt der Sondermüll vor allem aus Europa und Nordamerika hier her. Dass die alten Bildschirme Blei und krebserregendes Kadmium enthalten und aus den Kühltruhen giftige Flüssigkeiten tropfen, interessiert niemanden. Die Pfützen schimmern in Regenbogenfarben. Im Fluss Densu, der schwarz und zäh mitten durch die Halde fließt, schwimmen keine Fische mehr.
Kupfer ist das Gold der Armen. In den vergangenen Jahren haben sich die Weltmarktpreise von 2,8 Euro pro Kilo auf 6,2 Euro mehr als verdoppelt. Auch Aluminium steht hoch im Kurs: 2001 kostete das Kilo 0,97 Euro, heute sind es rund 1,85 Euro. Die Nachfrage steigt, das Geschäft boomt.
"Bis vor 15, 20 Jahren war hier eine grüne Wiese, auf der sogar Flamingos standen", erklärt Patience Atakora, Mitarbeiterin von CAS (Catholic Action for Street Children). Die Organisation wird vom deutschen Kindermissionswerk "Die Sternsinger" unterstützt und kümmert sich seit vielen Jahren um die Kinder auf der Müllkippe. "Heute sieht es hier aus wie auf dem Vorplatz zur Hölle. Wer ein paar Stunden bleibt, dem brennen die Augen, der Hals schnürt sich zu. Niemand weiß, wie viele Menschen durch die giftigen Dämpfe und das verseuchte Wasser sterben." Fest steht: Kaum jemand auf der Deponie ist älter als 25 Jahre. "Jeden Tag kommen Kinder mit Ekzemen, Verätzungen oder Magenkrämpfen zu uns in die Krankenstation." Erst vergangene Woche war Daniels Freund Alhasan (9) bei CAS, um sich behandeln zu lassen. Eine Scherbe hatte sich durch das Plastik seines Flip-Flops und dann in die Ferse gebohrt. "Nicht gut", sagt er, "jetzt brauche ich neue Schuhe."
Eine schwarze Wolke steigt ein paar Meter entfernt auf. Ein rot glühender Feuerball peitscht den Rauch flach über die Erde. Damit es besser brennt, werfen die Jugendlichen gelbe Isoliermasse, die sie aus den Türen der Kühlschränke gezogen haben, dazu. Jetzt ist das Feuer so heiß, dass sich in Sekunden die Plastik-Ummantelung der Kabel löst, das Kupfer liegt frei.
Die Elektrogeräte haben eine lange Reise hinter sich. In ihren Herkunftsländern müssten sie in Spezialanlagen teuer entsorgt werden. Ein Kostenfaktor, den viele gerne umgehen. Zwar ist es schon seit 1989 mit der Basler Konvention verboten, giftigen Müll zu exportieren - aber es gibt einen Trick: Die Geräte werden als Gebrauchtware deklariert und in Entwicklungsländer verschifft. Der Zoll winkt diese Transporte ohne strengere Kontrollen durch. Nach einer Schätzung des Bundesverbandes für Sekundärrohstoffe und Entsorgung werden weniger als 30 Prozent des anfallenden Elektroschrotts auch in Deutschland entsorgt.
Sobald der Schrott mit dem Schiff im Hafen von Accra ankommt, wird er weiter verkauft. Unbesehen übernehmen die Händler containerweise die Ware. "Wie viele der Scanner, Bügeleisen und PCs funktionieren, ist Glückssache", erklärt Mike Yeboah, der einen Elektromarkt am Kaneshie Market betreibt. "Wir sind geschickt", erklärt er. "Rund 30 Prozent kriegen wir wieder flott, bei dem Rest können wir Ersatzteile ausbauen."
Was dann noch übrig bleibt, wird mit dem Handkarren von Müllhändlern abgeholt - gegen Cash. Während Erwachsene auf dem Schrottplatz mit Hammer und Meißel die Metallmäntel von alten Kompressoren aufbrechen, blieben für die Jungen die Reste. Dass sie dafür auch Geld bekommen ist ungewiss. "Die Älteren beklauen uns", sagt Daniel. "Manchmal geben einem die Händler kein Geld, weil sie behaupten, dass man sie bestohlen hat."
Heute hat Daniel Glück. Als er seine Fundstücke und Kabel am Nachmittag zu Ebrahim Tethte, dem Boss im Viertel bringt, ist der in Geberlaune. Das Büro des 28-Jährigen ist ein alter Frachtcontainer. Rund um das Areal stehen Kühltruhen, die als Zaun und Tresor dienen. "Nächste Woche kommen die Großhändler, ein Engländer und ein Deutscher und holen die Ware", erklärt Tethe. Rund die Hälfte des Weltmarktpreises bekommt er für Recycling-Kupfer. Im Elektroschrott sieht er ein Geschäft mit Zukunft. "Ein Computer der heute als Revolution gefeiert wird, ist morgen technisch überholt und landet dann in Accra. Das ist doch toll."
Daniel steht ein wenig abseits und wartet, bis er aufgefordert wird, sein Altmetall auf die Waage zu legen. "Das sind 2,5 Cedi", verkündet Tethte gönnerhaft und wedelt mit einem Bündel Geldscheine. "Ich gebe dir drei." Daniel nimmt das Geld. "Danke, Sir". 1,40 Euro, das ist so viel wie seine Mutter am Tag für die Ernährung der sechsköpfigen Familie zur Verfügung hatte.
Mit acht Jahren ist Daniel aus dem Norden Ghanas in die Hauptstadt gekommen. "Hier gibt es Kinos und ich habe fast immer etwas zu Essen", erklärt er. 61 500 Kinder leben wie er in Accra auf der Straße. Gewalt, Prostitution und Krankheit gehören zum Alltag, dennoch sind sie freiwillig da. "Schwer vorzustellen. Aber viele sehen selbst in ihrem Leben auf der Müllkippe eine echte Alternative", erklärt Patience Atakora von CAS. "Im Norden, wenn der Sand aus der Sahara kommt, verdunkelt sich wochenlang die Sonne. Es ist schrecklich heiß, gibt kaum Wasser, wenig zu essen. Die Familien sind oft zerrüttet, Alkoholismus ist ein großes Problem."
Daniel spricht nicht gerne über zu Hause. Nur Patience und ihre Kollegen erzählt er davon. Sie sind die einzigen in Toxic City, die ihm zuhören und Hilfe anbieten. "Im Zentrum kann ich umsonst duschen. So lange, bis der Dreck wirklich ab ist", erklärt Daniel. "Und danach spiele ich mit den andern im Hof Fußball." Auf einem Spielfeld ohne Glassplitter und Ölseen.