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Ägypten am Abgrund

Anarchie und Lynchjustiz regieren - Jetzt kommen auch noch Heuschrecken

In Ägypten gehen die Getreidereserven zur Neige. Auch die Ernte im März ist in Gefahr. In einigen Gegenden regiert das Chaos: Bewohner gehen auf eigene Faust auf Verbrecherjagd. Der Staat sieht zu.

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MARTIN GEHLEN

Als ob Ägypten nicht schon geplagt genug wäre. Jetzt drohen im Süden des Landes auch noch Heuschrecken - wie vor neun Jahren, als sie gut ein Drittel der Ernte wegfraßen und sogar in Kairo einfielen. Trotz Sprühkampagnen mit Insektiziden dringen nach Angaben der Behörden immer mehr Schwärme entlang des Roten Meeres vor. Die UN-Welternährungsorganisation FAO warnt, man müsse in den kommenden Wochen mit weiteren Verheerungen rechnen - eine biblische Geißel, die für Ägypten zu keinem ungünstigeren Augenblick hätte kommen können.

Artikelbild: Anarchie und Lynchjustiz regieren - Jetzt kommen auch noch Heuschrecken Ägypten kommt nicht zur Ruhe. Auf den Straßen regiert das Chaos, so wie auf diesem Bild aus der Hauptstadt Kairo. Foto: afp

Denn Wirtschaftskrise und Devisenmangel schlagen erstmals auch auf die Getreideimporte durch. Im Oktober reichten die Reserven in den Silos noch für sieben Monate, inzwischen sind sie auf drei Monate gefallen. Die Zahl der Massengutfrachter, die in ägyptischen Häfen festmachen, hat sich im Januar im Vergleich zum Vorjahr halbiert, die gelieferte Tonnage ist sogar um zwei Drittel gesunken. Ägypten ist mit seinen 84 Millionen Einwohnern einer der größten Getreideimporteure der Welt. Zudem wird das Brot im Land mit Milliarden staatlich subventioniert - Geld, das die Regierung angesichts der Haushaltlöcher und der unter Mindestniveau gesunkenen Devisenreserven nicht mehr aufbringen kann. Das Dollarbudget 2013 für Dieselimporte ist komplett aufgezehrt. Endlose Schlangen an den Tankstellen. Schlägereien an den Zapfsäulen, der Schwarzmarkt blüht. Die Nil-Bauern können ihre Wasserpumpen nicht mehr betreiben. Kurz vor Erntebeginn Mitte März fehlt es an Treibstoff für Traktoren und Abtransport von den Feldern.

Gleichzeitig droht der Fernverkehr zusammenzubrechen. In Beni Suef 120 Kilometer südlich von Kairo haben Arbeiter die Gleise nach Oberägypten herausgerissen. Ihre Ziegelfabrik bekommt seit Anfang letzter Woche keinen subventionierten Treibstoff mehr für die Brennöfen. Das macht die Ziegel teurer, viele Arbeiter fürchten ihre Entlassung. Zehntausende aufgebrachter Reisender mussten in Beni Suef auf Minibusse umsteigen. Vor einer Woche verhafteten Polizeibeamte einen Verdächtigen, der angeblich bei einem Familienstreit einen ihrer Kollegen erschossen hatte, und prügelten ihn auf dem Friedhof vor den Augen der Trauergäste tot, darunter die gesamte Polizeiführung der Stadt plus Gouverneur. Auch in anderen Ortschaften gehen Bewohner längst auf eigene Faust auf Verbrecherjagd, lynchen angebliche Mörder und verbrennen ihre Leichen, ohne dass die Ordnungskräfte einschreiten.

Ägyptens politische Führung ist total konfus und gelähmt. Symptomatisch dafür war nicht zuletzt das große Interview von Präsident Mohammed Mursi zur Lage der Nation, angekündigt für Sonntagabend 20 Uhr zur besten Sendezeit mit dem Versprechen, der Staatschef werde zu allen Problemen frank und frei Stellung nehmen. Auf dem Bildschirm erschien Mursi jedoch erst gegen drei Uhr früh in der Nacht zu Montag, das Volk lag längst in den Betten. "Ich gehöre zu den hart schuftenden Leuten dieses Landes", deklamierte der gelernte Bauingenieur an die Adresse seiner schlafenden Nation und bezeichnete sich in den zwei Stunden bis zum Morgengrauen immer wieder als "Präsident aller Ägypter". Der Opposition bot er erneut einen "Nationalen Dialog" an, um Garantien für "faire und transparente" Parlamentswahlen zu diskutieren.

"Das macht mich krank - erst setzt er per Dekret den Wahltermin fest, anschließend will er mit uns darüber reden", schimpfte der Sprecher des Oppositionsbündnisses "Nationale Rettungsfront", Khaled Dawoud. Denn das Verfassungsgericht, das im Juni 2012 bereits das erste post-revolutionäre Parlament wegen des Wahlrechts aufgelöst hatte, befand letzte Woche auch das neue Regelwerk in fünf Punkten für verfassungswidrig. Daraufhin dokterte das Ersatzparlament, der Schura-Rat, in einer Nacht- und Nebelaktion noch einmal an dem Text herum, bevor ihn der Präsident kurzerhand per Dekret in Kraft setzte. Die Obersten Richter erneut zu befragen, kam ihm dagegen nicht in den Sinn.

Nach dem Willens Mursis soll nun von April bis Juni in vier Etappen gewählt werden, kurz vor dem Ramadan am 6. Juli das neue Parlament erstmals zusammentreten. "Angesichts der politischen Polarisierung und dem Zerfall der Staatsautorität", erklärte Friedensnobelpreisträger Mohammed el-Baradei, "ist dies der Weg in totales Chaos und Instabilität".

26.02.2013 - 08:30 Uhr

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