Wie Internetnutzer mit dem Unglück in Duisburg umgehen
Eindrücke, Emotionen, Entsetzen: Im Internet melden sich unzählige Nutzer zu Wort. Sie trauern um die 20 Todesopfer der Loveparade in Duisburg - und viele machen auch ihrer Wut Luft.
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OLIVER HEIDER
Kondolenzbücher sind nur eine von vielen Möglichkeiten, mit denen Trauernde sich im Netz zu Wort melden. Foto: epd
Duisburg "Ich verstehe es nicht!" Die 22-jährige Julia P. ist immer noch geschockt, fassungslos, traurig. Mit vier Freundinnen war die Duisburgerin auf der Loveparade. Sie hatte sich eigentlich auf das Techno-Festival gefreut, das dann für 20 Menschen zur Todesfalle wurde. Julia kam mit dem Schrecken und Prellungen davon.
Auf "juliasloveparade.blog.de" will sie sich den "Dreck von der Seele" schreiben, ihre Erlebnisse schildern. Ein Junge, zwischen 16 und 20 Jahren alt, habe neben ihr im Gedränge gestanden, geschrien, keine Luft mehr bekommen. "Ich konnte keinen Zentimeter meines Körpers bewegen und musste hilflos zusehen, wie er immer weiter runterglitt." Später sei auch sie unter der Menschenmenge begraben worden. "Dann hörte und sah ich nichts mehr, um mich herum wurde alles schwarz." Als sie wieder zu Bewusstsein kam, habe sie dem Jungen ins Gesicht geblickt. Er war "bereits blau angelaufen und regte sich nicht mehr". Er ist tot.
Julias Erlebnisse haben tausende Internetnutzer gelesen. Der Link zum Blog kursierte in sozialen Netzwerken. Bei Facebook und Twitter mischten sich in den Kommentaren aus dem In- und Ausland, von denen gestern zeitweise 50 pro Minute eingingen, Trauer, Wut und Bestürzung. Auf dem Video-Portal YouTube hat "DjJro84" Schwarz-Weiß-Bilder vom Unglücksort aneinander gereiht - unterlegt mit sanfter Klaviermusik. Der Nutzer "nos1000ps" kommentierte: ". . . von der Love zur Deathparade . . . einfach nur schrecklich was passiert ist."
In ein digitales Kondolenzbuch eintragen kann sich die Netzgemeinde auf "http://www.loveparaderavercount.de". Die Betreiber wollen damit beweisen, dass mehr als die von der Polizei genannten 150 000 Menschen gefeiert haben. "Das kann niemand glauben, der dabei gewesen ist! Helft mit, die genauen Zahlen zu ermitteln und die Besucher zu zählen!" Bis gestern Abend hatten rund 90 000 User den Link angeklickt.
Mehrere Twitter-User kündigten für heute, 12 Uhr, eine Schweigeminute an. Doch nicht alle wollen schweigen: Polizei, Organisatoren, Oberbürgermeister - sie alle wurden an den virtuellen Pranger gestellt. So schrieb "primagoethe": "Dance or Die! Vorfahrt für den Profit - Es handelte sich um VORSATZ."
Die Schuldzuweisungen sind aber in der Twitter-Gemeinde selbst umstritten. "DerBulo" klagt: "Social media ist . . . wenn alle glauben, SIE hätten die Katastrophe selbstverständlich verhindern können." Ein Nutzer namens "hightatras" schließt sich an: "Twitter scheint ein regelrechter Tummelplatz für hochbegabte Großveranstaltungsorganisatoren, Medientopchecker und Bohrlochexperten zu sein."
Auch die Medienwelt von "Bild" bis "Spiegel online" muss sich viel gefallen lassen - ebenso wie die interviewten Beteiligten. Im Portal "DerWesten.de" klagt "StefanDernbach", die Trauernden hätten sich nicht bereitwillig vor die TV-Kameras stellen, sondern Journalisten lieber schroff zurückweisen sollen.
Der Bloggerin Julia indes war es wichtig, der Öffentlichkeit über das Erlebte zu erzählen. Allerdings will auch sie wissen, wie es zum Unglück kommen konnte: "Ich frage mich, ,WARUM? Doch mein Kopf erlaubt mir noch kein Denken. . ."