Die Zahl der Kältetoten in Europa steigt drastisch: Mindestens 120 Menschen sind bereits erfroren, darunter auch mehrere in Deutschland. Geistliche und Politiker mahnen zu mehr Solidarität mit Obdachlosen.
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EPD/DPA
Frostige Zeiten, auch in Berlin. Bei anhaltenden Minustemperaturen hat sich die Spree in einen Eis-Fluss verwandelt. Foto: afp
Magdeburg Erstmals in diesem Jahr ist offenbar ein Obdachloser in Deutschland der Winterkälte zum Opfer gefallen. Bei dem Toten, der gestern Morgen leblos auf einer Bank in Magdeburg gefunden wurde, handele es sich um einen 55-Jährigen ohne festen Wohnsitz, teilte die Polizei mit.
In Niedersachsen starb ein gehbehinderter Rentner in der Eiseskälte. Ein Spaziergänger habe die Leiche des 69-Jährigen gestern auf einem Feldweg zwischen Harderode und Bremke entdeckt, teilte die Polizei mit. Es spreche alles dafür, dass der Mann in der eiskalten Nacht an Unterkühlung gestorben sei.
Bei Stendal in Sachsen-Anhalt war bereits am Mittwoch eine Rentnerin in einem Kiessee ums Leben gekommen. Sie soll dort regelmäßig zum Eisbaden gewesen sein.
Der Deutsche Wetterdienst erwartet für ganz Deutschland bis Ende der Woche weiter strengen Dauerfrost. Die Nacht auf heute sollte die kälteste dieses Winters sein. "Es kann noch einmal zwei, drei Grad kälter werden", sagte Meteorologe Helmut Malewski gestern. In den östlichen Gebieten werde das Thermometer nachts auf Minustemperaturen von bis zu 20 Grad fallen.
Die Polizei rief die Bevölkerung dazu auf, angesichts der eisigen Temperaturen besonders darauf zu achten, ob sich Personen in Gefahr befinden. Ein rechtzeitiger Hinweis könne möglicherweise Leben retten.
Der nordrhein-westfälische Sozialminister Guntram Schneider (SPD) rief wegen der klirrenden Kälte zur Hilfe für Obdachlose auf. Er appellierte gestern in Düsseldorf an die Städte, Obdachlosen den Aufenthalt in U-Bahnschächten und an anderen geschützten Orten zu erlauben. Der Einzelhandel solle dulden, dass sich Betroffene im Eingangsbereich von Einkaufszentren aufwärmen.
"Bei diesen Temperaturen brauchen Menschen den besonderen Schutz und die Solidarität der Gesellschaft", betonte Schneider. "Wenn Vorschriften dagegen sprechen sollten, brauchen wir unkonventionelle Lösungen, um Obdachlose vor der Kälte zu schützen."
Wegen des Ansturms auf die Notunterkünfte in Berlin werden in der Heilig-Kreuz-Kirche kurzfristig 40 weitere Schlafplätze für Wohnungslose eingerichtet. "Die Kirche ist bis Montag rund um die Uhr geöffnet", sagte Gemeindepfarrer Peter Storck. In Kiel wurde jetzt erstmals ein Extra-Wohncontainer ausschließlich für Frauen aufgestellt.
Indessen steigt die Zahl der Kältetoten in Europa drastisch: Mindestens 120 Menschen sind bereits erfroren. Vor allem im Osten Europas ist die Lage dramatisch. In Polen starben nach Angaben des Innenministeriums in Warschau bisher 29 Menschen.
In der Ukraine erhöhte sich die Zahl der Erfrorenen um 20 auf 63, wie das Zivilschutzministerium gestern mitteilte. Bei Temperaturen von stellenweise minus 30 Grad Celsius wurde die Lage in der Ukraine immer dramatischer, wie Medien gestern berichteten. Die meisten Kälteopfer dort waren Obdachlose. Nach Ministeriumsangaben wurden in den vergangenen sechs Tagen mehr als 900 Menschen wegen Erfrierungen und Unterkühlungen in Krankenhäuser gebracht. Die Zahl der Wärmestuben stieg auf mehr als 2000.
In Rumänien wurden bisher mindestens 22, in Bulgarien zehn Tote gezählt. In Tschechien kostete die Kälte seit Wochenbeginn mindestens sieben Menschen das Leben.
An der südlichen Adria lag gestern Schnee, was dort sehr selten ist. Auch an den kroatischen Küsten schneite es.
Der strenge Winter macht auch den Menschen in der Türkei zu schaffen: Dort störten Schneefälle auch gestern den Verkehr und die Energieversorgung. Auf dem Atatürk-Flughafen in Istanbul seien am Vortag 180 Flüge ausgefallen, berichteten türkische Medien gestern. Eine Frau starb in den Trümmern ihres von einer Lawine verschütteten Hauses in dem Dorf Secmen im Südosten der Türkei.