"Kreuzberger Nächte sind lang" hieß es einst. Heute sind Kreuzberger Nächte vor allem laut. Lärmgeplagte Anwohner schlagen Alarm. Denn der Kiez ist eine internationale Ausgeh- und Absturzzone geworden.
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PETER GÄRTNER
Andrang vor einem der bedeutendsten Clubs Berlin: Das "SO 36" hat jetzt eine Lärmschutzwand. Foto: Prokura Nepp
Berlin Die Mauer ist da. Sie sichert die Existenz, das Überleben einer Institution. Vor mehr als 30 Jahren eröffnete in Kreuzberg das "SO 36". Der frühere Punkschuppen in der Oranienstraße ist zwar nicht mehr die Nummer eins in der Clubszene der Hauptstadt; derzeit ist das Berghain angesagt. Doch im "Esso", wie das Tanzlokal in der Szene knapp genannt wird, spiegeln sich beispielhaft die Veränderungen in dem Kiez.
Während es einst hieß "Kreuzberger Nächte sind lang", sind sie heute vor allem laut. Es hagelte Beschwerden bei Konzerten und wegen der zahlreichen wartenden Partygäste vor der Tür. Am 13. August letzten Jahres, dem Mauerbau-Gedenktag, begann daher die Errichtung der massiven Lärmschutzwand an der Außenseite der Konzerthalle. Jetzt ist sie fertig; in einem der bedeutendsten Clubs der Stadt kann weiter gefeiert werden.
Doch nicht alle Kreuzberger freuen sich darüber. Denn ob Oranien-, Wiener oder Schlesische Straße - Bars und Kneipen reihen sich an Imbissbuden und Spätverkauf-Läden. Immer neue Billig-Hostels und Fahrrad-Verleih-Stationen öffnen. Der Kiez verwandelt sich in eine zunehmend internationale Ausgeh- und Absturzzone mit einem Publikum, das hier nur mit "U 25" tituliert wird.
Galt vor wenigen Jahren noch der Ostteil der Stadt zwischen Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain als hip, cool und sexy, so schlägt das Pendel jetzt zurück in jene Gegend, in die das einstige West-Berlin im Schatten der Mauer die Aussteiger, Alternativen und türkischen Gastarbeiter mit günstigen Mieten lockte. Nur - die Bewohner sind in die Jahre gekommen und können saufenden und grölenden Jugendlichen wenig abgewinnen, vor allem dann, wenn sie in Massen auftreten.
Gerade hier, wo man immer etwas anders als die anderen sein wollte, fällt es offenbar schwer, Gäste zu ertragen, die meinen, es sei Platz genug für jeden noch so schrägen Lebensentwurf.
Nicht nur Grüne schreien bereits um Hilfe: die Gäste bringen das lokale Ökosystem aus dem Gleichgewicht, sie zelebrieren Landnahme als Party ohne Ende. Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) hat Verständnis für den Unmut der lärmgeplagten Anwohner: "Man sollte nicht einfach darüber hinweggehen, sondern offen darüber reden." Dazu gehört etwa, dass immer mehr Mietwohnungen als Ferienwohnungen genutzt werden und so der Wohnraum verknappt wird - nur eines von vielen Problemen.