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Kondolenzakt und Vorwürfe in Duisburg

Keiner sieht die Schuld bei sich

Duisburg am dritten Tag nach der Loveparade-Katastrophe: Die Ministerpräsidentin trägt sich in ein Kondolenzbuch ein, Veranstalter, Polizei und Duisburger Stadtverwaltung schieben sich die Schuld zu.

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JOHANNES NITSCHMANN
Artikelbild: Keiner sieht die Schuld bei sich Fassungslos: Ministerprä- sidentin Hannelore Kraft.

Duisburg Minutenlang verharrt Hannelore Kraft vor dem Kondolenzbuch in der Bürgerhalle des Düsseldorfer Landtags. "Nordrhein-Westfalen und seine Bürgerinnen und Bürger sind betroffen und tief erschüttert von dem tragischen Unglück bei der Loveparade", schreibt die 49-jährige Ministerpräsidentin (SPD) in klaren Buchstaben. Immer wieder setzt sie ihren Füllfederhalter ab. Sie ringt erkennbar um Worte.

Die Duisburger Loveparade-Katastrophe mit 20 Toten und 511 Verletzten ist für Kraft unbegreiflich. "Ich stehe selber immer noch unter Schock." Die elf Frauen und neun Männer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren waren ausschließlich durch das Gedränge der Menschenmassen zu Tode gekommen. An allen Leichen haben die Pathologen Brustquetschungen mit Todesfolge festgestellt. Niemand sei - wie von Stadt und Polizei zunächst behauptet - an einem Sturz gestorben.

"Was ist da schief gelaufen?", fragt Kraft und drängt auf "dringende Konsequenzen". Eine hat die Düsseldorfer Regierungszentrale bereits gezogen. Auf ihrer Web-Site löschte sie die Erklärung des Innenministers Ralf Jäger (SPD) vom Tag vor der Loveparade. Text: "Wir sind in der Lage, schnell zu helfen und bestmöglichen Schutz für die Menschen zu gewährleisten."

Drei Tage nach der Massenpanik steht die Polizei unter Beschuss. Der Chef der Loveparade, Reiner Schaller, sagte, es habe am Samstagnachmittag eine Anweisung der Polizei-Einsatzleitung gegeben, alle Zugangs-Schleusen vor dem westlichen Tunneleingang zu öffnen. Damit habe der Hauptstrom der Raver ungebremst in den Tunnel zum Veranstaltungsgelände fließen können. Die Folge sei eine drangvolle Enge der Menschenmassen gewesen - und ein heilloses Chaos mit Panik und Hysterie.

Schaller zufolge hatte sein Ordnungspersonal bis 14 Uhr bereits zehn der 16 Schleusen geschlossen, weil die Überfüllung des 200 Meter langen Tunnels gedroht habe. Er wisse nicht, warum die Polizei die Schleusen öffnen lassen wollte. Innenminister Jäger zeigte sich zurückhaltend: "Wir lassen das derzeit detailliert aufklären." Im Gegenzug wurde aus dem Düsseldorfer Innenministerium der Vorwurf laut, die Loveparade-Organisatoren hätten in dem Tunnel viel zu wenige Ordner eingesetzt.

Tatsächlich hat die Stadt Duisburg den Loveparade-Machern Zugeständnisse bei den Sicherheitsauflagen gemacht. So gestand das Amt für Baurecht und Bauberatung dem Veranstalter Lopavent am 21. Juli schmalere Fluchtwege und den "Verzicht auf Feuerwehrpläne" zu. Behörden-Insider sind überrascht, dass dieser Genehmigungsbescheid nicht vom Duisburger Planungsdezernenten Jürgen Dressler, sondern nur von einem Sachbearbeiter unterzeichnet ist. Im Rathaus kursiert das Gerücht, die Verwaltungsspitze habe lange nach einem Mitarbeiter gesucht, der die heikle Genehmigung der Loveparade unterschreibt. Denn die Warnung von Polizei und Berufsfeuerwehr wegen der beengten Zu- und Abwege zum Partygelände waren bekannt.

Für Dressler ist die Tragödie "augenscheinlich" durch "eine Kommunikationspanne" von Veranstaltern und Polizei ausgelöst worden. Als der Ansturm aufs Gelände zu groß geworden sei, hätten nach seiner Wahrnehmung Ordner den Tunnelausgang gesperrt. "Da hat man wohl vergessen, auch die andere Seite zu sperren, so dass immer mehr Menschen hinein gedrängt sind."

28.07.2010 - 08:30 Uhr

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