Selbstständige Frauen werden in der indischen Gesellschaft oft als Bedrohung wahrgenommen. Das sagt der Wissenschaftler Amiya Divyaraj.
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ELISABETH ZOLL
Wie kommt es zu dieser ausgeprägten Gewalt gegen Frauen, der im Dezember eine 23-Jährige zum Opfer gefallen ist?
AMIYA DIVYARAJ: In Indien haben wir das Mainstream-Indien und die Welt von Stammesvölkern, die acht bis zehn Prozent des Landes ausmachen. Sie unterscheidet die patriarchalische Einstellung. In den nicht-hierarchisierten Stammesvölkern wie den Adivasi haben Frauen mehr Freiheit. Das Patriarchat ist in Mainstream-Indien stärker als in Europa, da Indien sich in einer Übergangsphase von einer Agrargesellschaft zu einer industriellen Gesellschaft befindet. Sexuelle Gewalt ist ein Problem der Mainstream-Gesellschaft, also des Indiens, das wir gemeinhin im Kopf haben.
Auch in den Städten?
DIVYARAJ: Man könnte vermuten, dass es für die Frauen in den Städten leichter ist. Aber es stimmt nicht. Das hat mehr mit Machtstrukturen zu tun. Wo Hierarchien stark sind, geht das einher mit der Unterwerfung von Frauen. Deshalb spreche ich auch von mehreren Indien, wo in der ersten Linie Machtverhältnisse die besten Kriterien sind.
Welches Frauenbild prägt moderne Zentren wie Neu Delhi oder Mumbai?
DIVYARAJ: Es drückt sich aus in einem Dialog aus einem Bollywood-Film: Wer bist Du, wenn Du keine Schwester, keine Tochter, keine Mutter und keine Ehefrau bist? In diesen Worten erkennt man deutlich, da ist kein Platz für eine unabhängige, selbstständig lebende Frau. Die Realität hat sich jedoch geändert. Die neue urbane Mittelschicht kann nur bestehen, wenn beide - Mann und Frau - arbeiten. Deshalb sind Frauen, die gut gebildet sind, mehr unterwegs und werden auch immer mehr unterwegs sein. Da ändert sich etwas ganz radikal. Diese neue Freiheit ist eine bedrohliche Freiheit für die Gesellschaft.
Ist die Gewalt ein Bildungs- oder Schichtproblem oder gar eine Frage des Kastenwesens?
DIVYARAJ: Nein. Da geht es um die Machtfrage. Die Gewalt, die den Frauen angetan wird, hat tiefe Wurzeln. Doch gibt es heute die Bereitschaft, ein anderes Frauenbild wahrzunehmen. Die Wut von Bürgern gegen diese Auswüchse ist sehr groß. Kein etablierter Politiker traute sich, mit den Demonstranten Solidarität zu üben. Die Wut und das Misstrauen gegen Politiker, überhaupt gegen das Establishment sind sehr deutlich spürbar.
Das alles ist sehr widerspruchsvoll. DIVYARAJ : Ja. Indien ist auch ein Land der Göttinnen. Die Frauen werden verehrt - oder unterworfen. Als gleichwertige Geschöpfe mit Schwächen und Stärken akzeptiert werden sie nicht.
Amiya Divyaraj lehrt Moderne Südasienkunde und Hindi an der Universität Tübingen.
25.01.2013 - 08:30 Uhr
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