25.01.2013 Drucken Empfehlen
 per eMail empfehlen


   

Interview mit Wissenschaftler Amiya Divyaraj

Indische Frauen: Verehrt oder unterworfen

Selbstständige Frauen werden in der indischen Gesellschaft oft als Bedrohung wahrgenommen. Das sagt der Wissenschaftler Amiya Divyaraj.

Anzeige


ELISABETH ZOLL

Wie kommt es zu dieser ausgeprägten Gewalt gegen Frauen, der im Dezember eine 23-Jährige zum Opfer gefallen ist?

AMIYA DIVYARAJ: In Indien haben wir das Mainstream-Indien und die Welt von Stammesvölkern, die acht bis zehn Prozent des Landes ausmachen. Sie unterscheidet die patriarchalische Einstellung. In den nicht-hierarchisierten Stammesvölkern wie den Adivasi haben Frauen mehr Freiheit. Das Patriarchat ist in Mainstream-Indien stärker als in Europa, da Indien sich in einer Übergangsphase von einer Agrargesellschaft zu einer industriellen Gesellschaft befindet. Sexuelle Gewalt ist ein Problem der Mainstream-Gesellschaft, also des Indiens, das wir gemeinhin im Kopf haben.

Auch in den Städten?

DIVYARAJ: Man könnte vermuten, dass es für die Frauen in den Städten leichter ist. Aber es stimmt nicht. Das hat mehr mit Machtstrukturen zu tun. Wo Hierarchien stark sind, geht das einher mit der Unterwerfung von Frauen. Deshalb spreche ich auch von mehreren Indien, wo in der ersten Linie Machtverhältnisse die besten Kriterien sind.

Welches Frauenbild prägt moderne Zentren wie Neu Delhi oder Mumbai?

DIVYARAJ: Es drückt sich aus in einem Dialog aus einem Bollywood-Film: Wer bist Du, wenn Du keine Schwester, keine Tochter, keine Mutter und keine Ehefrau bist? In diesen Worten erkennt man deutlich, da ist kein Platz für eine unabhängige, selbstständig lebende Frau. Die Realität hat sich jedoch geändert. Die neue urbane Mittelschicht kann nur bestehen, wenn beide - Mann und Frau - arbeiten. Deshalb sind Frauen, die gut gebildet sind, mehr unterwegs und werden auch immer mehr unterwegs sein. Da ändert sich etwas ganz radikal. Diese neue Freiheit ist eine bedrohliche Freiheit für die Gesellschaft.

Ist die Gewalt ein Bildungs- oder Schichtproblem oder gar eine Frage des Kastenwesens?

DIVYARAJ: Nein. Da geht es um die Machtfrage. Die Gewalt, die den Frauen angetan wird, hat tiefe Wurzeln. Doch gibt es heute die Bereitschaft, ein anderes Frauenbild wahrzunehmen. Die Wut von Bürgern gegen diese Auswüchse ist sehr groß. Kein etablierter Politiker traute sich, mit den Demonstranten Solidarität zu üben. Die Wut und das Misstrauen gegen Politiker, überhaupt gegen das Establishment sind sehr deutlich spürbar.

Das alles ist sehr widerspruchsvoll. DIVYARAJ : Ja. Indien ist auch ein Land der Göttinnen. Die Frauen werden verehrt - oder unterworfen. Als gleichwertige Geschöpfe mit Schwächen und Stärken akzeptiert werden sie nicht.

Amiya Divyaraj lehrt Moderne Südasienkunde und Hindi an der Universität Tübingen.

25.01.2013 - 08:30 Uhr

Anzeige

(c) Alle Artikel, Bilder und sonstigen Inhalte der Website www.tagblatt.de sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.

Bildergalerien und Videos

Die Welt der Alraune Siebert

Das neue Glockenspiel der Stiftskirche

Stiftskirchenorganist Braun stellt das Glockenspiel vor

Verbraucherminister Bonde in der UDO-Großküche

Abtauchen im Uhlandbad: Gäste unter Wasser

Bodelshausen spielt gegen Poltringen/Pfäffingen 3:3 Millipay Micropayment

Senfit: die Seniorenmesse in Tübingen

104:64 - Tigers wie entfesselt im Abstiegskampf

Guerilla-Merketing mit der Laserkanone

Tübinger Nacht im April 2014

Video-Zusammenfassung: TV Derendingen - SC Freiburg II 1:0 Millipay Micropayment

Wendelsheim unterliegt Hirschau 0:2 Millipay Micropayment

Eine Zinser-Modenschau präsentiert aktuelle Sommertrends

SV Pfrondorf - TSV Hirschau 0:0 Millipay Micropayment

Endlich wieder ein Sieg: Tigers gegen Trier 74:67

Fuchs und Dachs in der Mörikestraße

SV Wurmlingen - TSV Dettingen 2:0 Millipay Micropayment

Hinter den Kulissen der Neckarmüllerei

Anzeige


Nachrichten aus ...
ReutlingenWannweilPliezhausenWalddorfh�slachAmmerbuchT�bingenDettenhausenKirchentellinsfurtKusterdingenGomaringenDusslingenOfterdingenMössingenNehrenBodelshausenHirrlingenNeustettenRottenburgStarzachHorb
Anzeige


Die Woche im Rückklick
Die beiden Neuankömmlinge im Glockengebälk: Sie stehen (beziehungsweise hängen) für das ...

Wissen, was war

Die Woche vom 12. bis 17. April: Tübinger tauchen ab, ein verdächtiger Patient und ein Glockenspiel für die Stiftskirche

Aktive Singles auf
date-click
Anzeige


Zeitzeugnisse

Vor 50 Jahren: Kanzler Erhard besuchte Tübingen

Das „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit verkörperte Ludwig Erhard wohl wie kein anderer: Der CDU-Mann war wohlgenährt, hatte stets eine Zigarre im Mundwinkel „und eine gesunde Farbe des Erfolgs im Gesicht“, bemerkte der TAGBLATT-Chronist, als Erhard zu seinem ersten – und einzigen – Staatsbesuch nach Tübingen kam. Das war vor 50 Jahren, am 24. Februar 1964.

Anzeige


Ihr Kontakt zur Redaktion