01.09.2010 Drucken Empfehlen
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Der Blitzsammler

Elektrische Entladungen lassen ominöse Gebilde im Boden entstehen

Richard Riediger sammelt Blitzröhren. Damit hat er es bis ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Kein anderer hat so viele der ominösen Quarzgebilde zusammengetragen wie der 76-jährige Westfale.

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GABY HERZOG

Übach-Palenberg Schlechtes Wetter im Sommer ist Richard Riediger am liebsten. Wenn nach einem warmen Tag Wolken aufziehen und sich der Himmel verdunkelt, setzt sich der 76-Jährige mit einer Flasche Bier an das Panoramafenster in seinem Wohnzimmer und wartet darauf, dass das Spektakel beginnt. "Gewitter haben mich früher nie interessiert", sagt er und schlurft in Pantoffeln zu einer Vitrine an der gegenüberliegenden Wand. "Aber dann habe ich einen Blitz gefunden, und alles war anders."

Riediger schiebt die Glasscheibe zur Seite und nimmt ein gerade mal fünf Zentimeter großes, graues Stäbchen heraus. "Mein erster Blitz", sagt er und lächelt stolz. Bei Ausgrabungen an einem steinzeitlichen Fundplatz hat der Hobby-Archäologe ihn vor rund 30 Jahren gefunden. Erst wusste Riediger nicht, was er da in seinen Händen hielt. Er legte den Fund in eines der grauen Pappkästchen in der Schublade, wo er auch Pfeilspitzen und Hackbeile von Urmenschen aufbewahrt.

Aber das Rätsel um das sonderbare Etwas ließ ihn nicht mehr los. "Ich fühlte sofort, dass das etwas Besonderes ist", sagt er. "Es war so ganz anders als alles, was ich kannte." Das "ominöse Ding" wog deutlich weniger als ein Stein, hatte an einem Ende eine zusammengeschmolzene, glatt glänzende, runde Öffnung, die spitzen Zacken waren mit feinem Sandstaub bedeckt. Auf einer Mineralienmesse lernte Riediger einen Mann kennen, der ganz ähnliche Formationen präsentierte, die er in der Sahara gefunden hatte. Der Afrikaner erklärte, dass es sich bei dem Fund um einen Flugurit handle und führte Riediger in die Blitz-Kunde ein.

Auch wenn in Deutschland jedes Jahr rund zwei Millionen Blitze vom Himmel zucken und sich dabei mit bis zu 100 000 Ampère entladen, so hinterlassen doch nur äußerst wenige eine Gesteinsschmelze. "In der Regel schlagen Blitze in hohe Bäume oder Kirchtürme ein", erklärt Riediger. "Aber so eine Blitzröhre entsteht nur, wenn sich der Lichtbogen in trockenem Quarzsand entlädt. Dann lässt der etwa 1500 Grad heiße Blitz den Sand zu einer gläsernen Zick-Zack-Säule schmelzen."

Schon an die 30 Mal hat der pensionierte Stadtgärtner in seinem Heimatort Übach-Palenberg, der 20 Kilometer von Aachen entfernt liegt, "ganz nebenbei" einen bizarren Glas-Blitz gefunden. So viele wie kein Zweiter. "Ich drehe jeden Stein um", sagt Riediger, der einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde hat.

Seinen persönlichen "Superflash" entdeckte er auf einem Truppenübungsplatz in der Teweniger Heide. Riediger hatte eine Kamera dabei. Damit ihm niemand vorwerfen sollte, er würde militärisches Gelände ausspionieren, entschied sich der Hobbyforscher, einen Umweg zu machen und kletterte auf eine Sanddüne. Da oben fiel sein Blick auf eine Röhre, die nur einen Fingerbreit aus dem Boden ragte. "Am nächsten Tag kam ich mit meiner Ausrüstung wieder und begann zu graben. Ich grub und grub."

Erst in zwei Metern Tiefe endete die Röhre, die auf den ersten Blick wie die Häutung einer Schlange anmutet. Ein Sensationsfund. "Das muss ein extrem kraftvoller Blitz gewesen sein. Ein Experte erzählte mir, dass im Umkreis von 40 Metern von der Einschlagstelle ein Mensch von der Energiewucht getötet worden wäre." Über das Alter des Blitzes ist hingegen wenig bekannt. "Vielleicht ist er schon vor vielen hundert Jahren eingeschlagen - und wurde dann erst von mir entdeckt." Die mit 5,4 Metern längste Blitzröhre der Welt, mit zarten wurzelartigen Verästelungen, wurde schon 1805 gefunden und ist im Lippischen Landesmuseum in Detmold zu bestaunen.

Wenn Riediger zu einem wissenschaftlichen Symposium fährt und seinen Blitz mitnimmt, transportiert er ihn in einem langen, schmalen Kasten. "Jedes Mal kommt am Bahnhof oder am Flughafen die Bundespolizei auf mich zu und fragt streng, was ich denn da transportiere. Man hat mich unter Terrorverdacht und denkt, ich hätte eine Waffe im Handgepäck."

In seinem Privatmuseum im Keller seines Hauses stellt der Hobbyforscher seine Fundstücke aus. Wieviel so ein zwei Meter langer Super-Blitz wert ist? Wieviel er bekäme, würde er ihn verkaufen? Riediger zuckt mit den Schultern: "Soviel wie ein Narr bereit ist, dafür zu zahlen."

01.09.2010 - 08:30 Uhr
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