Duisburg sollte über sich hinauswachsen. Mit Macht hatte OB Adolf Sauerland die Loveparade durchgesetzt.
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Bis zu 1,5 Millionen Besucher wollten die kommerzerpichten Veranstalter zur weltweit größten Techno-Party locken. Wie vielen Ruhrgebiets-Kommunen droht Duisburg durch den Wegzug von immer mehr jungen Leuten eine dramatische Überalterung. Da kamen die jugendlichen Raver den ehrgeizigen Kommunalpolitikern gerade recht und waren hochwillkommen. Doch Duisburg war dem Ansturm nicht gewachsen. Das Mega-Ereignis endete nach einer Massenpanik in einer entsetzlichen Katastrophe - mit 20 Toten und mehr als 500 Verletzten.
Obwohl die Staatsanwaltschaft mit ihren Ermittlungen ganz am Anfang steht, deutet derzeit vieles darauf hin, dass die Unglücksopfer vor allem Profilierungssucht und Profitgier geschuldet sind. Leitende Polizeibeamte beklagen, dass sie von der Rathausspitze in den letzten Monaten politisch unter Druck gesetzt worden seien, um ihre massiven Sicherheitsbedenken fallenzulassen. Der ehemalige Duisburger Polizeipräsident Rolf Cebin wurde vom örtlichen CDU-Chef, einem Parteifreund von Sauerland, als Spielverderber gemobbt, weil seine Beamten bereits im Februar vergangenen Jahres öffentlich bekundet hatten, dass es in Duisburg an geeigneten Flächen mit den notwendigen Zu- und Abwegen fehle.
Die Loveparade-Skeptiker haben nach behördeninternen Dokumenten frühzeitig darauf hingewiesen, dass sich der Eisenbahntunnel für die Massenströme als teuflisches Nadelöhr entpuppen könne. Auch in der Duisburger Stadtverwaltung gab es offenkundig solche Befürchtungen. Doch Bedenkenträger wurden von der Rathausspitze offenkundig kaltgestellt, um die Loveparade-Organisatoren nicht zu verprellen. Nach den Vorstellungen von Stadt und Veranstaltern sollten pro Stunde von zwei Seiten insgesamt 60 000 Menschen durch den Tunnel geschleust werden. Eine fatale Fehlplanung. Statt im Partyhimmel landeten viele Raver wie eine zusammengepferchte Tierherde in einer Tunnelhölle. Duisburg wird auf Jahrzehnte für diesen Dilettantismus und das Ende der Loveparade stehen. Für die klamme Revierstadt ist das ein Image-Gau.
Einen Tag nach der Katastrophe haben die Verantwortlichen derart gemauert, dass selbst erfahrene Medienvertreter ihre Contenance verloren. Differenzen zwischen der Stadt und Polizei über das Sicherheitskonzept wurden geleugnet oder kleingeredet. Die Teilnehmerzahlen wurden von der Stadt bis auf 150 000 herunter geschätzt, während die Veranstalter am Vortag noch 1,4 Millionen gemeldet hatten. Stadt und Veranstalter stehen mit der Wahrheit erkennbar auf Kriegsfuß. Seriöse Polizeischätzungen gehen von 300 000 bis 350 000 Partygästen aus.
Kenner des Veranstaltungs-Business haben in Duisburg überforderte Behörden und inkompetente Organisatoren ausgemacht. Der einzige Ein- und Ausgang durch einen 200 Meter langen Bahntunnel sei "eine Todesfalle", das Drama von Duisburg "kein tragisches Unglück, sondern ein Verbrechen" gewesen, empört sich ein erfahrener Konzertveranstalter. Und der steht mit seiner Wut nicht alleine. Für viele Duisburger ist ihr einst populärer Oberbürgermeister zum Buhmann geworden. Nachdem der OB am Unglücksort mit Buh-Rufen empfangen wurde, dämmert ihm offenbar, dass persönliche Konsequenzen unumgänglich sind. Am Tag zwei nach der Katastrophe hat sich Sauerland erstmals reumütig gezeigt. Die Rolle der Stadt werde kritisch beleuchtet, versicherte der Rathauschef. Und am Ende der Ermittlungen werde er sich die Frage nach seiner "persönlichen Verantwortung" stellen.
Die Antwort wird wohl nur Rücktritt heißen können.