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Razzien, Racheakte und Rückzüge

Berliner Rocker-Szene im Umbruch: Neue Ableger nach Auflösungen von "Hells Angels"- und "Bandidos"-Gruppen

Deutschlands Rockerszene ist im Umbruch. Einen geplanten Sprengstoffanschlag in Berlin konnte die Polizei diese Woche offenbar vereiteln. Doch in der Hauptstadt könnte es jederzeit knallen, meinen die Ermittler.

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ARNE BENSIEK

Berlin Angesichts der Selbstauflösungen der vergangenen Wochen entsteht der Eindruck, die Rockerszene sei derzeit im Rückwärtsgang unterwegs: In Berlin, Potsdam, Bremen, Schwerin, Pforzheim und Hannover gaben die "Hells Angels" zuletzt das Ende einiger ihrer so genannten Charter bekannt. Meist reagierten sie damit auf Verbotsverfahren oder Razzien durch die Polizei.

Artikelbild: Berliner Rocker-Szene im Umbruch: Neue Ableger nach Auflösungen von "Hells Angels"- und "Bandidos"-Gruppen

Auch den Ableger "Berlin del Este" der verfeindeten "Bandidos" gibt es seit Mitte Juli nicht mehr. Lediglich der "Hells Angels MC Berlin City" bekam frühzeitig Wind von einer groß angelegten Durchsuchung und ging just einen Tag vorher auseinander. Noch immer sucht die Berliner Polizei nach der undichten Stelle in den eigenen Reihen.

Kollegen in Baden-Württemberg, Sachsen und Brandenburg leisteten diese Woche Amtshilfe und durchsuchten Wohnungen und Treffpunkte von Ex-Mitgliedern des aufgelösten Berliner Charters, unter anderem auch in Karlsruhe und Dresden. "Wir sind auf der Suche nach verbotenem Vereinsvermögen, versuchen Strukturen aufzudecken und haben dafür Computer, Dokumente und Kleidung mit Insignien des verbotenen Ablegers sichergestellt", sagt Volker-Alexander Tönnies, Sprecher der Berliner Polizei.

Der Aufwand lässt erahnen, dass die Ermittler nach mehr suchen als nur ein paar zehntausend Euro. In Berlin kontrolliert der vermeintliche Motorradclub das Rotlichtmilieu, betreibt Rauschgift- und Waffenhandel und erpresst Schutzgelder - sehr einträgliche Betätigungsfelder. Polizeisprecher Tönnies drückt es so aus: "Das ist kriminelle Energie in Reinform."

Bei den Razzien, die seit Monaten immer wieder bundesweit in der Rockerszene erfolgen, geht es der Polizei aber vor allem darum, Beweise zu finden, die Vereinsverbote rechtfertigen. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) hatte die "Hells Angels MC Berlin City" Ende Mai per Verfügung verboten. Das sei nur ein erster wichtiger Schritt gewesen, betont Henkel. "Wir werden die Rocker in einen Zustand der ständigen Ruhelosigkeit versetzen." Allerdings klagen die "Höllenengel" gegen Henkels Verfügung vor dem Berliner Verwaltungsgericht.

Ausschlaggebend für das Verbot sind die immer härteren, zum Teil sogar tödlichen Revierkämpfe mit den "Bandidos". Es geht um die Vormacht in Bordellen, Kneipen und Nachtclubs. Berlin und Umgebung gelten als lukratives Pflaster und sind daher Zentrum der Auseinandersetzungen. 2010 waren in der Hauptstadt etwa 80 "Bandidos" in einer nie dagewesenen Aktion zu den "Hells Angels" übergelaufen. Nach Rockermaßstäben entspricht das einem Hochverrat, der gerächt werden muss. Mit sechs Kugeln wurde in diesem Juni ein "Angels"-Oberer im Plattenbaubezirk Hohenschönhausen niedergestreckt. Der 47-Jährige überlebte nur knapp. Ein paar Wochen später fielen Schüsse auf zwei "Bandidos". Die Führungsriege kam gerade am Berliner Vereinsheim zusammen.

Wie zuletzt bekannt wurde, stoppten Ermittler Anfang Juli im Rostocker Hafen sogar ein schwedisches Hinrichtungskommando der "Bandidos" auf dem Weg nach Berlin. Im Kofferraum ihres Mietwagens hatten die drei Männer 700 Gramm Sprengstoff und einen Zünder versteckt. "Wir haben Erkenntnisse aus den Ermittlungen, dass ein Anschlag in Berlin geplant gewesen sein soll", sagt Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Ziel des Attentats sollen vermutlich Überläufer gewesen sein.

"Es ist übliche Praxis, dass für diese Jobs Gruppen aus dem Ausland kommen", sagt ein Kenner der Szene: "Die Wut gegen die Überläufer ist so groß, weil sie Geld haben mitgehen lassen." Die Gefahr ist laut Staatsanwalt Steltner nicht gebannt. Die Ermittler rechnen damit, dass es jederzeit knallen kann. Berlins Staatsanwaltschaft hat reagiert und betreibt mittlerweile eine eigene Taskforce zur Rockerkriminalität, die Polizei verfügt seit längerem über zwei Rockerkommissariate.

Doch nicht nur die Gefährdungslage wächst, auch die Zahl der "Hells-Angels"-Ableger nimmt zu - aller Selbstauflösungen zum Trotz. Seit dem Verbot der "Hells Angels MC Berlin City" hat die 1948 in den USA gegründete Bruderschaft in der Region allein vier neue Charter gegründet. Sie tragen die Namen "East Town", "South Town", "West Town" und "North Town". Mit "East District" wurde ein weiterer Umland-Charter gegründet. Von Rückwärtsgang kann keine Rede sein.

04.08.2012 - 08:30 Uhr

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