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Fest der Liebe endet mit einer Tragödie

Augenzeuge: Es war die Hölle auf Erden

Erstickt und zu Tode gequetscht - nach der Katastrophe auf der Loveparade trauern Besucher und Duisburger um die Opfer. Sie wollen aber auch wissen, wer das absolut vermeidbare Chaos zu verantworten hat.

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JOHANNES NITSCHMANN

Vor dem Tunnel liegen umgerissene metallgraue Sicherheitszäune und zerdrückte hellblaue WC-Häuschen. Es sieht aus wie auf einem Schlachtfeld. Die Polizei hat die 200 Meter lange und 16 Meter breite Tunnelröhre abgesperrt. Im Schutze provisorischer Sichtblenden suchen Kriminaltechniker auf dem ehemaligen Güterbahnhofsgelände im Duisburger Stadtteil Neuendorf noch nach Spuren - mitten in einer Menschenfalle. Während einer Massenpanik sind hier am Vortag beim Ansturm Hunderttausender auf die Loveparade 19 Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren gestorben, weitere 342 Raver wurden zum Teil schwer verletzt. Für viele endete der Glücksrausch zur weltweit größten Tanzveranstaltung im Horrortrip.

Artikelbild: Augenzeuge: Es war die Hölle auf Erden Riesige Menschenmassen bewegen sich von zwei Seiten her auf das Festivalgelände der Loveparade zu. Die Tunnelröhren öffnen sich an der Auffahrtrampe zum stillgelegten Güterbahnhof (Mitte). Dort ist das Gedränge am größten. Die Eingepferchten suchen nach Auswegen: In panischer Angst erklimmen sie einen Abhang (links), klettern auf einen Masten (Mitte) oder schieben und wuchten sich eine Treppe hinauf (rechts). Fotos: dpa

Mittendrin im Gemenge war der 27-jährige Techno-Fan Martin Hahn. Er kam mit dem Schrecken davon. Einen Tag nach der Katastrophe ist der gertenschlanke Raver an den Unglücksort in der Karl-Lehr-Straße zurückgekehrt, um vor dem Todes-Tunnel Blumen niederzulegen. Dort wo bereits zahllose angezündete Kerzen, Grab- und Teelichter stehen. "Warum? - Es ist so sinnlos", steht auf einem DIN-A-4-Blatt in krakeligen Buchstaben. Hahn trägt eine graue Jogginghose und ein T-Shirt, das dutzendfach die goldfarbene Aufschrift "happy" trägt.

Der 27-Jährige hat Glück im Unglück gehabt. "Es war die Hölle auf Erden", beschreibt er das Getümmel vor, im und nach dem Tunnel. "Von den Seiten fielen Menschen herunter. Die Leute sind einander auf den Köpfen rumgetrampelt." Viele Partybesucher versuchen an diesem Samstagnachmittag, der sich vor dem Tunnel stauenden Masse zu entkommen. Sie flüchten auf die Tunnel-Rampen, auf eine gesperrte Nottreppe oder auf ein Lautsprechergerüst. Für manchen ein Ausweg in den Tod. Kurz vor 17 Uhr fallen plötzlich Menschenkörper auf die zum Loveparade-Gelände drängenden Besuchermassen. Hysterie bricht aus. "Die Leute hatten unglaublich Panik, da stand Todesangst in ihren Gesichtern." WDR-Reporter Stefan Domke beobachtet von seinem nahestehenden Ü-Wagen das Geschehen. Ein anderer Augenzeuge berichtet: "Überall lagen Menschen auf dem Boden herum. So stelle ich mir Krieg vor."

Der Tunnel, einziger Zu- und Abgang zu dem 240 000 Quadratmeter großen Festivalgelände, wird zum tödlichen Nadelöhr. Hunderttausende strömen aus zwei Richtungen den wummernden Powerbässen und Technobeats entgegen. Zwischen zwei Bahnunterführungen prallen die Massen aufeinander. Die vor den Tunneleingängen postierten Polizisten können das Chaos nicht bändigen. Es kommt zu einer der größten Katastrophen bei Massenveranstaltungen in Deutschland. Menschen fallen in Ohnmacht, ersticken oder werden zu Tode gequetscht.

Gegen den Veranstalter und die Stadt Duisburg werden gestern schwere Vorwürfe laut. Fahnder filzen das Rathaus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt aufgrund von zwei Strafanzeigen wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt. Sie beschlagnahmt sämtliche Sicherheitskonzepte zur Loveparade. Den Ermittlern steht eine schwierige Arbeit bevor. Schon beim Schätzen der Teilnehmer gehen die Angaben weit auseinander. Der Veranstalter spricht von 1,4 Millionen, später von einer Million Besuchern. Dagegen erklärt der Duisburger Rechtsdezernent Wolfgang Rabe, es gebe nur eine belastbare Zahl von 105 000 Ravern, die mit der Bahn angereist seien. "Und das ist der weitaus größte Teil."

Die Polizei schätzt zwischen 250 000 bis 350 000 Besucher. Das für 500 000 bis 600 000 Gäste ausgelegte Festgelände sei "zu keiner Zeit gefüllt gewesen". Dennoch ist der Platz mehrfach wegen Überfüllung geschlossen worden, was den Rückstau in den Tunnelröhren erklärt. Mit diesen punktuellen Sperrungen habe der Zustrom entzerrt werden sollen, erklärt der Duisburger Vize-Polizeipräsident Detlef von Schmeling. Hat die Polizei mit dieser Einsatzstrategie am Ende eine fatale Fehlentscheidung getroffen?

Unter Beschuss stehen aber vor allem die Stadt Duisburg und deren Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU). Der schwergewichtige Rathauschef hatte das erkennbar fragile Sicherheitskonzept noch in der Katastrophennacht hartnäckig verteidigt. Für den Tod der 19 Menschen seien "individuelle Schwächen" verantwortlich, sagt er und schiebt die Schuld den Opfern zu. Der ehrgeizige OB hatte sich um die Austragung der Techno-Party beworben, nachdem die Nachbarstadt Bochum die Veranstaltung abgelehnt hatte. Die Bochumer glaubten, für hunderttausende berauschte Raver keine ausreichende Sicherheit gewährleisten zu können. Schließlich ist die Loveparade kein Kirchentag.

Aus Kreisen der Polizei und Feuerwehr ist der Vorwurf zu hören, die bettelarme Stadt Duisburg habe sich mit der Austragung der Party übernommen. Weiterreichende Sicherungsmaßnahmen etwa mit einer großflächigeren Anreise der Partygäste seien frühzeitig aus Kostengründen abgelehnt worden. Loveparade-Gründer Matthias Roeingh ("Dr. Motte") gibt den Veranstaltern die Schuld an der Katastrophe. "Da ging es doch nur ums Geldmachen. Die Veranstalter haben nicht das geringste Verantwortungsgefühl für die Menschen gezeigt", sagt er. Es sei "ein Skandal", die Menschen nur durch einen einzigen Zugang auf das Partygelände zu lassen. Ein Sprecher der Polizeigewerkschaft erklärt, die Menschen seien "Opfer materieller Interessen" geworden. Trotz "eindringlicher Warnungen aus dem Sicherheitsbereich", habe der Veranstalter der Loveparade die Stadt "in die Enge getrieben" und etliche Auflagen abgelehnt.

Bei einer Pressekonferenz im Rathaus gibt sich der sichtlich übernächtigte OB einsilbig. Mit Rücksicht auf die laufenden Strafermittlungen lehnt er konkrete Angaben zum Unfallgeschehen und zu möglichen Lücken im Sicherheitskonzept ab. Doch schon werden Rücktrittsforderungen gegen den arg überfordert wirkenden Rathauschef laut, der wie ein Häufchen Elend in seinem Stuhl versinkt.

Der für die Polizei zuständige nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) ist nach dem Regierungswechsel erst seit elf Tagen im Amt. Ausgerechnet eine Katastrophe in seiner Heimatstadt Duisburg bringt den 49-jährigen Sozialdemokraten ("Ich bin entsetzt und traurig") schon nach wenigen Amtstagen in Bedrängnis. Als Oppositionspolitiker war der wortflinke Jäger, den der politische Gegner deshalb "Jäger 90" nennt, mit Rücktrittsforderungen bei Polizeiskandalen und Justizaffären rasch bei der Hand.

CDU-Oppositionsführer Karl-Josef Laumann will von Rücktrittsforderungen nichts wissen: "Wir alle sollten uns vor vorschnellem Vorverurteilen hüten." Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) zeigt sich fassungslos nach einem Besuch beim Krisenstab im Duisburger Rathaus und verzichtet auf nach solchen Geschehnissen übliche Politiker-Stehsätze.

Als die Toten vor dem Tunnel des ehemaligen Güterbahnhofs am Vorabend geborgen werden, wummern die Technobässe auf dem Partygelände weiter. Um eine weitere Massenhysterie zu vermeiden, wird die Loveparade erst um 23 Uhr für beendet erklärt. Für immer, wie deren Veranstalter Rainer Schaller gestern verkündet: "aus Respekt vor den Toten und deren Angehörigen." Die Loveparade sei immer eine fröhliche und friedliche Veranstaltung gewesen, betont Schaller. "Sie wäre in Zukunft stets von den tragischen Ereignissen in Duisburg überschattet worden. Das bedeutet das Aus für die Loveparade."

26.07.2010 - 08:00 Uhr | geändert: 26.07.2010 - 08:02 Uhr

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