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Die doppelte Verfolgung

Ulmer Mediziner Hans-Joachim Seidels erforscht das Schicksal seiner Eltern in der NS-Zeit

Rassenwahn und Ausmerzen "bündischer Umtriebe": In der Hitler-Zeit gerieten die Eltern des Ulmer Professors Hans-Joachim Seidel in die Fänge der Nazis. Seidel hat das Kapitel Familiengeschichte aufgearbeitet.

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RUDI KÜBLER

Ulm Am Ende ist alles gut gegangen. Fast alles. Nach diesem "verhunzten mittleren Drittel des 20. Jahrhunderts". Hans-Joachim Seidel lehnt sich zurück und schließt die Augen. Fast zwei Stunden hat der 73-jährige Ulmer in seiner Familiengeschichte geblättert, in einer "Geschichte der Verfolgung". Er hat von Mutter Gabriele und Vater Hans erzählt, von der vom Hitler-Regime verbotenen Deutschen Jungenschaft dj.1.11., in der beide Mitglied waren, und von ihrer Verfolgung und Inhaftierung im KZ. Das ist nur ein Kapitel der Familiengeschichte, das andere: Sein Großvater mütterlicherseits, der Mediziner Ernst Schweitzer, war Jude "nach der Definition Herrn Globkes" (Hans Globke war Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassegesetze - Anm. d. Red.), obwohl dieser Zweig der Schweitzers mit dem Judentum nichts am Hut hatte. "Die Familie war vollkommen aufgegangen im Christentum und der bürgerlichen Kultur."

Artikelbild: Ulmer Mediziner Hans-Joachim Seidels erforscht das Schicksal seiner Eltern in der NS-Zeit Hans Seidel, aufgenommen wohl bei einer der Fahrten der Deutschen Jungenschaft dj.1.11. Foto: Privat

Beide Kapitel - die Vorwürfe wegen "bündischer Umtriebe", die Verfolgung aus rassischen Gründen - verquicken sich in der Familie Seidel auf "groteske Weise", wie Hans-Joachim Seidel betont. Er hat den 100. Geburtstag seines Vaters zum Anlass genommen, sich intensiv mit dem Nachlass der Eltern zu befassen - und deren Erfahrungen und Erlebnisse zu Papier zu bringen. Dass das alltägliche Familienleben ein anderes war, hatten er und seine vier Geschwister früh bemerkt, schreibt er in einem Privatdruck.

Wie die besondere Lebensgeschichte aussah? Sowohl Vater Hans als auch Mutter Gabriele, genannt Rele, hatten Wurzeln in der Deutschen Jungenschaft dj.1.11., die Eberhard Koebel am 1. 11. 1929 gegründet hatte. Hans Seidel (Jahrgang 1913) leitete die Stuttgarter Gruppe, Rele Schweitzer (Jahrgang 1916) gehörte als einziges Mädchen der Berliner Gruppe an. Die dj.1.11. wurde 1934 verboten. Etliche dj.1.11.-Horten hatten sich gleichschalten lassen, sie waren in der Hitler-Jugend aufgegangen. Koebel selber, der in der Kommunistischen Partei Mitglied war, wurde 1934 verhaftet, aber nach zwei Selbstmordversuchen wieder entlassen. Ihm gelang im Sommer 1934 die Flucht über Schweden nach England.

Hans Seidel hatte ihm geholfen, auch in den Jahren danach hatte er immer wieder Kontakt mit "tusk", wie Koebel unter seinem Fahrtennamen hieß. Er besuchte ihn in London, wo er 1935 auch seine spätere Frau Rele kennen lernte.

Dieser Nähe zu Koebel war es geschuldet, dass die beiden im Fokus der Nazis standen. Die Gestapo vermutete, dass der junge Stuttgarter als Koebels Stellvertreter in Deutschland fungierte und Rele für die dj.1.11. arbeitete. Die Nazis hatten noch andere Verbindungen um Koebel und Seidel ausgemacht: Helmut Hirsch, Sohn eines jüdisch-stämmigen US-Amerikaners, war Mitglied von Seidels Gruppe in Stuttgart gewesen. Um studieren zu können, emigrierte er 1935 nach Prag. Dort geriet er ins Fahrwasser von Otto Strasser und dessen Hitler-feindlichen Schwarzen Front. Hirsch erklärte sich bereit, einen Sprengstoffanschlag auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg am 24. Dezember 1936 zu verüben - obwohl ihn "tusk" und Seidel vor Einzelaktionen gewarnt hatten. In Stuttgart angekommen, wurde er von der Gestapo gefasst und vom Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode verurteilt, das Anfang Juni 1937 vollzogen wurde.

Noch im Oktober 1937 hatte Hans Seidel "tusk" in London besucht, "die Reise wurde wohl überwacht", sagt Hans-Joachim Seidel. Anfang November schlugen die Nazis im Rahmen einer großangelegten Razzia zu. "Wir waren schon einige Zeit das Gefühl nicht los geworden, dass wir verfolgt und beobachtet wurden", erinnerte sich Rele Schweitzer an den Abend des 1.11.1937. Mit ihrem Freund Hans Seidel wurde sie wegen Vorbereitung zum Hochverrat verhaftet. Sie kam ins KZ nach Lichtenburg, er saß in Sachsenhausen und im Polizeigefängnis Alexanderplatz in Berlin ein - "das am stärksten einschneidende Ereignis", wie ihr Sohn Hans-Joachim Seidel sagt.

Seine Mutter scheint die Haft wesentlich besser verkraftet zu haben, "ich habe mich auf der Lichtenburg ganz gut durchschlagen können", fasst sie später die acht Monate zusammen. Sein Vater Hans schreibt von einer "schrecklich toten Zeit", einer "ziemlichen Nervenprobe" und von den "Dämonen Hoffnungslosigkeit und Gleichgültigkeit".

Nach neun Monaten kommt er frei, nicht ohne der Gestapo gegenüber erklärt zu haben, sich künftig bündischen Umtrieben fern zu halten und nichts über die KZ-Haft verlauten zu lassen. Sie, die Haft, hat ihm sehr zugesetzt. Seine Schwester berichtet in einem Brief, "wie gebrochen er danach heimkam". Hans Seidel aber rafft sich auf, er bringt sein Studium in Tübingen zu Ende - trotz einer schweren nervösen Störung, die er diagnostiziert.

Depressionen setzen ihm zu. Nach der Approbation wird er im Sommer als Arzt zur Wehrmacht eingezogen. Und Rele? An eine Heirat ist nicht zu denken: Sie ist Halbjüdin, Mischehen sind verboten laut "Herrn Globke". Mit 14 erst erfuhr sie, dass ihr Vater jüdischer Abstammung ist - damals hatte sie einen Juden seines Aussehens wegen als Geigenlehrer abgelehnt. Und ausgerechnet sie, die im Biologie-Unterricht als "Germanin" präsentiert wurde, sie war Halbjüdin.

Mit dem Judentum hatte die Familie Schweitzer aber nichts zu tun. Bis 1933. "Erst durch die Politik war die Familie wieder zu Juden gemacht worden", schreibt Hans-Joachim Seidel über die Familie seiner Mutter. Ihr Vater, Dr. Ernst Schweitzer, war Arzt, jüdische Patienten aber behandelte er nicht. Ihr Onkel Carl-Gunther hatte evangelische Theologie studiert, er war Superintendent der Mark Brandenburg. Reles Familie geriet in finanzielle Not, weil die Nazis ihrem Vater den Arztberuf verwehrten. Die Familien Schweitzer emigrierten 1938/39 - nur Rele selber, die Halbjüdin, blieb in Deutschland, wo sie 1940 ihr erstes Kind gebar: Hans-Joachim.

Und der sagt heute, dass er großen Respekt vor den Eltern hat, wie sie es trotz Vorgeschichte geschafft haben, "ihre Kinder völlig unbelastet aufwachsen zu lassen". Freilich, am Ende war nicht alles gut. Hans Seidel nimmt sich 1969 das Leben. Warum? War er den Dämonen seiner Haftzeit nicht gewachsen? Definitive Aussagen wagt sein Sohn nicht, ein Urteil darüber zu fällen, fände er vermessen. Mutter Rele stirbt 2003. Sie hatte die Erfahrung der Verfolgung anders verarbeitet als ihr Mann Hans. Selbst im hohen Alter setzte sie sich noch im Freundeskreis Asyl für Flüchtlinge ein.

03.01.2014 - 08:30 Uhr

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