Im Kantelmarsch ziehen nur Männer zu den Froschkutteln
Narrensitzung im Mohren mit anschließendem Abrutschen
Für die Riedlinger Narren ist das der Höhepunkt der Fasnet: Das Froschkuttelessen und das anschließende Abrutschen auf den Marktplatz. Wir haben uns auf den Weg gemacht, um das Gericht auszuprobieren.
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RAIMUND WEIBLE
Riedlinger Fasnet: Nach dem Festmahl gehts auf die Rutsche. Archivfoto
Riedlingen In der Vorhalle des Riedlinger Rathauses gilt Rauchverbot. Aber Bürgermeister Hans Petermann höchstpersönlich verteilt dicke Zigarren an die Ankömmlinge. Auch wenn es nirgendwo geschrieben steht: An diesem Tag, am Fastnachtsdienstag, ist im Rathaus das Rauchen erlaubt. Zumindest im Foyer.
Die Herren mit Hut - Kopfbedeckung ist Pflicht - begrüßen sich lautstark. Einer davon erhält besonders häufig Schläge auf die Schultern. Sie nennen ihn "Kretsche", bürgerlich Winfried Kretschmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag. Der ist zwar kein eingeborener Riedlinger, aber seit seiner Schulzeit im Redemptoristen-Internat St. Gerhard mit dem Riedlinger Fasnets-Virus infiziert. Und steter Gast bei der Riedlinger Fasnet. Lustvoll ziehen die Männer, und es sind ausschließlich Mannsbilder, an ihren Stumpen und lassen sich registrieren für den eigentlichen Anlass des Treffens, das Froschkuttelessen.
Froschkuttelessen! Da zieht sich manchem, wenn er das nur hört, der Magen zusammen. Was mag das sein? Gibt es hier wirklich Eingeweide von Amphibien zu essen? Um das zu erkunden, reihen wir uns in den Zug ein, der gegen 8.45 Uhr das Rathaus verlässt. 320 Männer fassen sich an den Schultern und machen sich im "Kantelmarsch", einer Art Polonaise, auf den Weg. Schaukelnden Schritts geht es durch die Gassen. Auf dem Marktplatz erwartet die Menge johlend die Männer.
Sie werden von den Frauen mit dem Spruch gefoppt: "Gell, du hast an Schoppen zviel". Ein gängiger Spruch auf der Riedlinger Fasnet, mit dem man sich gegenseitig neckt, und man neckt sich gerne und oft. Mit dem Schoppen-Spruch bedacht werden auch die Prominenten im Zug. Viele Stammgäste sind darunter, neben Kretschmann der frühere Biberacher Landrat Wilfried Steuer, Sparkassenpräsident Peter Schneider und Regierungspräsident Hermann Strampfer.
Ihre Frauen haben sie auch mitgebracht, aber die sind erstens zu der Männer-Veranstaltung nicht zugelassen und zweitens treffen sie sich mit den Riedlinger Närrinnen zum eigenen Froschkuttelessen im "Hirsch". Die Männer ziehen in den "Mohren" ein, zwängen sich auf schmalen Bierbänken im oberen Saal. Man singt die 17 Strophen des "Gole-Lieds". Zunftmeister Thomas Maichel begrüßt die Männer und kündigt eine Reihe von Narrenkünstlern an. Sie erzählen Episoden vom vergangenen Jahr. Die Zuhörer füllen ihre Gläser mit Wein aus Halbliter-Flaschen.
Nach vielen Liedern, darunter das Zunftlied "Der Narre schmückt sein graues Haupt mit dir, du Doppelspitze", ertönt der Ruf "Do rei, Kuttla rei". Schon kommen die Froschkutteln auf den Tisch. Das Gericht heißt nur so, es erweist sich als saure Kuttelsupp mit Nieren-Einlage. Riedlingen sei eine Storchenstadt, und Störche fräßen Frösche, früher habe man im "Storchen" getagt, so sei der Name Froschkuttelessen entstanden, versucht der Zunftmeister eine Erklärung für die seltsame Bezeichnung. Die Männer verspeisen die Kutteln mit Appetit. Inzwischen haben "die Weiber von der Stadt" die Eingangstür des "Mohren" vernagelt. Nur über eine Rutsche am Fenster des ersten Stocks kommt man raus.
Auf dem Marktplatz erwarten gut 1000 Menschen das Hauptereignis der Riedlinger Fasnet: Das Runterrutschen der Froschkuttel-Esser auf den Platz. Einer nach dem anderen stürzt sich hinunter. Die einen rutschen auf dem Rücken, andere auf dem Bauch, jede besondere Einlage wird bejubelt. Kräftige Helfer fangen die Rutschenden auf, so mancher entfernt sich schwankend.
Wiederum im Kantelmarsch geht es "um den Stock", rein in die nächste Wirtschaft, das "Kreuz". Dort erzählen die Männer, wiederum bei vernagelter Tür, deftige Witze, und wenn es zu derb wird, straft der Zunftmeister ab.