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Warten auf den Rentierflug

Ehepaar züchtet Zugtiere des Weihnachtsmannes

Eine Frage stellen Kinder immer wieder: "Können die wirklich fliegen?" Nur an Weihnachten, antwortet ein Ehepaar aus Hohenlohe, das sich Rentiere zugelegt hat. Die Herde soll auf zehn Köpfe anwachsen.

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HANS GEORG FRANK

Pfedelbach Flora und Flocke fremdeln. Die Rentiere - Mutter und Tochter - durften zum ersten Mal ihr Gehege verlassen. In einem Viehanhänger reisten sie dreieinhalb Kilometer weit zu einem Weihnachtsmarkt. Dort sollte das exotische Duo bestaunt werden. Flora und Flocke schienen sich auf den Kurztrip gefreut zu haben. "In den Hänger gingen sie gleich", sagt Eckhard Dietle, ihr Besitzer. Nach einer halben Stunde hatten sie sich an die neue Umgebung gewöhnt.

Artikelbild: Ehepaar züchtet Zugtiere des Weihnachtsmannes Zweimal täglich füttern Rosemarie und Eckhard Dietle aus dem hohenlohischen Pfedelbach ihre Rentiere, auf dem Speisezettel steht auch spezielle Kost aus Schweden. Der Züchter möchte in absehbarer Zukunft mindestens eines der Tiere vor eine Kutsche spannen, das Geschirr dafür hat er schon gekauft. Foto: Hans Georg Frank

Eckhard Dietle (58) aus Pfedelbach im Hohenlohekreis ließ sich von einer Fernsehreportage zu seinem animalischen Hobby animieren. Bei einem Züchter in der Uckermark (Brandenburg) wurde der Pflasterbauer und Chef von neun Mitarbeitern fündig, als er einen Ausgleich für seine aufreibende Arbeit - "von morgens fünf bis abends zehn" - suchte. "Gäule hat doch jeder", sagte Dietle damals. Auch mit Schafen hatte er nichts im Sinn, wollte er seine Tiere doch vor eine Kutsche spannen.

Der Anfang endete aber tödlich. Kaum waren die drei bestellten Rentiere in ihrer neuen Heimat angekommen, büxten sie auch schon aus. Weil das in Hohenlohe eher fremdartig anmutende Trio wie von Heimweh gepackt zur Autobahn strebte, sperrte die Polizei die Fernstraße und ließ die Ausreißer von einem Jäger erschießen.

Der zweite Anlauf hat im Januar 2009 bestens geklappt. Dietle besorgte sich erneut Rentiere in Ostdeutschland. Auch ein ausreichend dimensioniertes Grundstück war gefunden. Aus anfangs drei Tieren ist mittlerweile ein Quintett geworden, nachdem Dancer (5) Flocke (4) mit Flora (anderthalb) und Feeli (7 Monate) zu Mutterfreuden verholfen hat. Molly (4) blieb bislang ohne Nachwuchs. Wenn die Herde, wie geplant, auf zehn Köpfe aufgestockt wird, muss Dancer wohl seine Manneskraft einbüßen und einem zeugungsfähigen Artgenossen den Vortritt lassen. "Ich möchte doch keine Inzucht", sagt Züchter Dietle.

Seine Frau Rosemarie (59) kümmert sich neben der Buchhaltung um das Wohlergehen der tierischen Lieblinge. Täglich zweimal bringt sie Futter. Spezielle Pellets werden aus Schweden importiert, aus heimischen Gefilden stammen Äpfel und Rüben. Bis zu drei Kilogramm vertilgt ein Ren am Tag. Leckerbissen sind auch Grashalme, die unter dem Schnee gesucht werden.

Das Klima in Hohenlohe scheint den Tundra-Bewohnern keine Probleme zu bereiten. Im Winter hüpfen sie übermütig durch den Schnee, im Sommer suchen sie Schatten in einem Wäldchen oder Unterstand.

Mit dem Einspannen sind Eckhard Dietle keine nennenswerten Fortschritte gelungen. Zwar hat er schon ein für Rentiere zugeschnittenes Geschirr gekauft, aber eine Kutsche wurde damit nicht gezogen. Ihm fehle wegen voller Auftragsbücher leider die Zeit für das Training: "Da müsste man jeden Tag drei Stunden lang üben." Die Kutsche wäre dann schnell beschafft: "Die krieg" ich von heute auf morgen."

Wann immer eine Gruppe aus dem Kindergarten des angrenzenden Dorfes zu den Rentieren spaziert, bleibt eine ganz bestimmte Frage nicht aus. "Die Kinder wollen wissen, ob die auch fliegen können und die Kutsche vom Weihnachtsmann ziehen", erzählt Rosemarie Dietle. Sie hat sich zur Befriedigung der Neugier eine Standardantwort ausgedacht: "Nur an Heiligabend." Es darf angenommen werden, dass manche junge Pfedelbacher vor der Bescherung den Himmel nach Dietles Rentieren absuchen.

Prächtige Geweihe, wie auf Illustrationen, können ihre Schützlinge noch nicht vorweisen. Aber wie bei den Hirschen nimmt das Geweih mit dem Alter an Größe zu. Dancer brachte es schon zu einem stattlichen Horngebilde, doch weil er sich damit in einem Zaun verhedderte und gefährdete, musste er es absägen lassen. Ein Veterinär bekam es als Geschenk, "weil er sich so intensiv um die Tiere gekümmert hat".

Das Fleisch eines Rens wird von Samen und anderen Feinschmeckern geschätzt, weil es mager ist. Zwar können sich Dietles vorstellen, dass eines ihrer Tiere geschlachtet wird, aber essen wollen sie davon nichts. Keine Wurst, keinen Braten: "Dafür ist die Beziehung doch viel zu eng."

25.12.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 26.12.2012 - 10:46 Uhr

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