Die Katholiken hatten früher ein Privileg: die Fasnet. Inzwischen gibt es in fast jedem Ort eine Narrenzunft, manchmal auch mehrere. Die Hüter der Traditionen beobachten die Entwicklung mit Sorge.
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PETRA WALHEIM
Villingen-Schwenningen Von einem gemütlichen Grillfest unter sternklarem Sommerhimmel bei lauen Temperaturen kann bei dem derzeitigen Wetter nur geträumt werden. Manche Grillpartys allerdings strahlen bis in den Winter hinein, und die Folgen sind noch bis Aschermittwoch auf den Straßen des Landes zu besichtigen. Das Internet ist voll mit Geschichten, in denen junge Menschen in bierseliger Laune auf die Idee kommen, sie könnten ihre eigene Fasnetsgruppe gründen. Vielleicht haben sie sich mit der Zunft, in der sie lange waren, zerstritten, oder es gab noch gar kein närrisches Treiben im Ort.
Oft genug folgt auf den Gedanken die Tat. Das Internet wird nach Anregungen durchforstet, welche Narrenfigur kreiert werden könnte. Die noch junge Zunft "Schussenteufel" aus Meckenbeuren im Bodenseekreis zum Beispiel hielt sich 2008 bei der Gestaltung von Häs und Maske an eine alte Sage, die man sich im Schussental erzählt. Das könnte bei den Präsidenten der diversen Narrenvereinigungen, -ringe und -verbände im Land gerade noch durchgehen. Doch oft genug schlagen sie die Hände über dem Kopf zusammen, wie Narrenzünfte entstehen und auftreten.
"Das hat oft mit dem eigentlichen Sinn der Fasnet nichts mehr zu tun", sagt Roland Wehrle, Präsident der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte (VSAN). In ihrem Ursprung sei die Fasnet ein großes Volksfest gewesen, das die Bevölkerung in den katholischen Orten vor Beginn der Fastenzeit miteinander und nur innerhalb ihrer Flecken gefeiert habe. "Früher war das eine einfache Dorffasnet ohne große Organisation, und die gehörte ganz selbstverständlich zum Jahreslauf." Das heißt auch, dass die Fasnet ihren festen Platz im Jahr hat und zeitlich begrenzt ist. Der Trend geht aber laut Wehrle immer mehr hin zu einer Sommerfasnet. "Da müssen wir ständig bremsen."
Er und seine zehn Kollegen aus der Arbeitsgemeinschaft der südwestdeutschen Narrenvereinigungen und -verbände sehen die zum Teil überbordenden Entwicklungen in der Fasnetslandschaft mit Sorge. In den 1950er Jahren gab es laut Wehrle im Verbandsgebiet der VSAN, das von Offenburg bis ins Allgäu und von Bad Cannstatt bis in die Schweiz reicht, maximal 150 Zünfte und Vereine. "Heute sind es 2500." Unter dem Dach der VSAN sind 69 Zünfte, darunter fünf aus der Schweiz, vereinigt, - und dabei soll es bleiben. Jedes Jahr würden fünf bis sechs Anfragen abgelehnt.
"Wir haben nichts dagegen, wenn sich neue Zünfte gründen", sagt Wehrle. Er kann verstehen, dass auch die protestantischen Orte ihre eigene Fasnet haben wollen, - obwohl noch 1929 von evangelischer Seite ein Fastnachtsverbot gefordert worden sei. Doch sie sollten sich an die fastnächtlichen Regeln halten: Dazu gehört die Pflege der Ortsfasnet mit den ortstypischen Narrenversen und -liedern, dem Narrenmarsch, den Masken und Gewändern. "Wenn die Zünfte in ihrem Ort feiern und maximal zwei Mal auswärts auftreten, dann ist dagegen nichts zu sagen", betont Wehrle. Er kennt jedoch Zünfte, die haben in den wenigen Wochen von Dreikönig bis Aschermittwoch über 40 Termine. "Dieser Fastnachtstourismus tut der Fasnet nicht gut."
Das sehen manche Initiatoren von neuen Zünften anders. Zum Teil bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als auswärts auf die Straße zu gehen. Die "Schussenteufel" aus Meckenbeuren zum Beispiel sind nach Aussage von Zunftmeister Markus Herrmann noch zu jung, um am örtlichen Umzug von Meckenbeuren in den Ortsteil Brochenzell teilnehmen zu dürfen. Der Umzug wird von der Narrenzunft Brochenzell organisiert, und die ist Mitglied im Alemannischen Narrenring (ANR). Dessen Statuten sehen vor, dass neue Zünfte sich erst drei bis fünf Jahre lang bewähren müssen, bevor sie zu Umzügen des Narrenrings eingeladen werden.
"Schlechte Erfahrungen mit neuen Zünften haben zu dieser Regelung geführt", sagt Markus Lanz, Zunftmeister der Narrenzunft Brochenzell. Frühestens nach zwei Jahren könne ein Verein als Gastzunft im ANR aufgenommen werden, sagt Michael Weinmann, der stellvertretende Narrenmeister des Rings. Die neuen Zünfte würden beobachtet, und es werde darauf geachtet, was ihnen wichtiger ist: Fastnachtsbräuche oder Partymachen.
Gegründet wurde der ANR 1969, und zwar deshalb, weil der VSAN keine Zünfte mehr aufgenommen hat. Nun hat der ANR seinerseits mit der Flut von neuen Zünften zu kämpfen. Derzeit sind in dem Ring 86 Vereine mit rund 26 000 Mitgliedern aus den Regionen Allgäu, Bodensee, Oberschwaben und Donau organisiert. Die Aufnahmekriterien wurden nach Aussage von Weinmann verschärft, weil der Ring sonst nicht mehr zu steuern wäre.
Als schlimm empfindet der VSAN-Präsident Roland Wehrle auch die ständigen Abspaltungen und Aufteilungen. Gebe es in einer Zunft eine Meinungsverschiedenheit, schon laufe ein Teil der Mitglieder davon und gründe eine eigene Zunft, und viel zu oft seien es Hexengruppen. So komme es, dass sogar in kleinen Orten zwei und mehr Zünfte nebeneinander her feierten. Ein Beispiel ist der Ortsteil Weiler des evangelisch geprägten Königsfeld im Schwarzwald. Weiler hat 650 Einwohner und zwei Narrengruppen: die "Hohwald-Hexen" und die "Schoaf-Hexen", die in dieser Fasnet zum ersten Mal auftreten. Die Macher der Schoaf-Hexen sehen sich jedoch nicht als Konkurrenz zur anderen Gruppe, sondern als Angebotserweiterung im Ort.
"Fastnacht ist Kultur". Damit wirbt der Ortenauer Narrenbund (ONB) auf seiner Internetseite. Weil auch ihm die vielen neuen Zünfte, die sich teilweise um Traditionen nicht scheren, über den Kopf wachsen, zieht er die Notbremse: Der ONB, der Verband Oberrheinischer Narrenzünfte und die Vereinigung badisch-pfälzischer Karnevalsvereine tun sich zusammen mit dem Ziel, den Erhalt der althergebrachten Bräuche mit örtlichem Bezug zu fördern. Und sie wenden sich gegen die "Party- und Wanderzünfte".