Der Hegau ist reizvolle Vulkanlandschaft und Burgenland zugleich
Burgen, Burgen und kein Ende: In der Vulkanlandschaft Hegau westlich des Bodensees ist es leicht, auf den Spuren von Raubrittern zu wandeln. Mächtige Vulkankegel faszinieren nicht nur Hobby-Geologen.
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ROLAND MÜLLER
Schroffe Felsspitze umgeben von dichten Wäldern: Der Hohenkrähen (Bild oben) ist einer der markantesten Vulkanberge im Hegau. Zu den Highlights gehören die Aachquelle (Bild rechts) und die Festung Hohentwiel. Wer auf alternative Wanderungen steht, kann die Region auch mit Packtieren durchwandern (Bild links). Fotos: Roland Müller (3), Falk Packtiertouren (1)
Singen Es ist ein steiler, schmaler Pfad, der durch dichten Wald den Berg hinauf führt. Hin und wieder versperren umgestürzte Bäume den Weg und erfordern Klettergeschick. Nach einigen Minuten wird auch endlich der Lärm der nahen Autobahn und der Bahntrasse von der Umgebung geschluckt, und der Wanderer stapft allein durch eine Art Märchenwald, setzt seinen Fuß auf knorrige Wurzeln und lauscht dem Wind, der durch die Blätter streicht. Am Ende des Aufstiegs gibt der Wald dann den Blick frei auf die Burg Hohenkrähen: die Ruine einer verwegenen, irregulären Bastion, die die Brüder Heinrich und Hermann de Craien im 12. Jahrhundert auf die schroffe und eigentlich viel zu schmale Felsspitze pflanzten
Der Hohenkrähen mit seiner Ruine ist einer von vielen Vulkanbergen, die im Hegau zu erkunden sind. Vor allem im Mittelalter wurde eine Vielzahl von Burgen auf den dafür vortrefflich geeigneten Hegauvulkanen errichtet - 380 gibt es insgesamt im Umkreis von 20 Kilometern, was den Hegau zur burgenreichsten Region Deutschlands macht. Nicht alle Ruinen jedoch sind so spektakulär und gleichzeitig so gut gesichert wie die Burg Hohenkrähen, die erst seit Juni diesen Jahres nach umfangreichen Arbeiten wieder freigegeben wurde. Stahlseile sichern jeden Meter des finalen Aufstiegs über zerklüfteten Fels auf den spukhaft steilen Felsenturm. Die überwucherte Burg selbst bietet atemberaubende Ausblicke über das Singener Umland. Schwindelfrei sollte der Besucher aber sein: Hinter den Außenmauern fällt der Blick in tiefe, senkrechte Abgründe. An die Bergflanken des Hohenkrähen schmiegt sich der größte Lindenwald Westdeutschlands, der Heimat einer der bundesweit größten Siebenschläferpopulationen ist.
Im Hegau ist es so: Wer will, kann wochenlang auf Burgenwandertouren gehen, ohne eine von ihnen zweimal zu besuchen, 15 Wanderungen finden sich in einem der Freizeitführer, die im Tourismusbüro in Singen erhältlich sind. An einem Tag mehr als zwei oder drei von ihnen zu erklimmen, will man seinen Beinmuskeln aber vielleicht eher nicht zumuten. Während der Hohenkrähen vor allem durch schroffen Charme besticht, bietet die Festungsruine Hohentwiel das Gegenprogramm. Der Berg ist nicht nur gnädiger zu den Waden, die Festung ist touristisch hervorragend erschlossen: Im Infostadel am Fuße des Bergs informieren Schautafeln und Filme über ihre Geschichte, und auf dem ausladenden Plateau der Karlsbastion, die den Eingang zur Oberen Festung markiert, laden ein Kiosk und eine Grillstelle zum Verweilen und Verschnaufen ein.
Die mit neun Hektar größte Festungsruine Deutschlands, die sich über mehrere "Etagen" in den Berg krallt, ist gut erhalten und liefert monumentale Ausblicke. Die "Wilhelmswacht" etwa überblickt ganz Singen bis zu den weißen Segelspitzen, die in der Ferne den Bodensee tupfen. Der mächtige Eindruck der Trutzburg trügt übrigens nicht: Die Festung, die seit dem Frühmittelalter unter wechselnden Besitzern immer weiter ausgebaut wurde, hat sich - im Gegensatz zu den Burgen im Umland - trotz fünfmaliger intensiver Belagerungen im Dreißigjährigen Krieg als uneinnehmbar erwiesen. Erst in den Wirren der Revolutionskriege wurde sie 1801 von den Franzosen geschleift - die Verteidiger waren freiwillig abgezogen.
Doch nicht nur für Burgenfans und historisch Interessierte ist der Hegau als Ausflugsziel interessant. Touristisch lebt die Region natürlich primär von der Nachbarschaft zu Bodensee und Schwarzwald. Doch für ein touristisches "Hinterland" ist die Region erstaunlich vielfältig und gut erschlossen: Die Zahl der Touren auf Wander- Rad- und Reitwegen ist kaum überschaubar, die Beschilderung vorbildlich.
Landschaftlich reizvoll ist der Hegau allemal - und die erdgeschichtlichen Besonderheiten der Vulkanlandschaft locken auch Hobbygeologen wie Josef Wissmann aus Zürich an. "Für mich ist das hier der Startpunkt, um die Region zu erforschen", sagt Wissmann und blickt auf das pulsierende Wasser in der Aachquelle. Aus dem Karstgestein entspringt in Aach die größte Quelle Deutschlands. Jahrhundertelang rätselten die Menschen, woher das Wasser stammt; heute ist klar, dass es Donauwasser ist, das zwölf Kilometer nördlich bei Immendingen versickert - und in der Aachquelle mit einer Schüttung von durchschnittlich 8300 Liter pro Sekunde wieder austritt und ein munteres Wiesenflüsschen speist. Mit dem allerdings nach nur 14 Kilometern schon wieder Schluss ist, denn dann ergießt es sich in den Bodensee. "Die geologischen Spuren der Eiszeit in der Region sind auch sehr interessant", sagt Wissmann. Die Gletscher haben die Vulkanlandschaft erst zu dem gemacht, was sie heute ist: Denn bei den heutigen Vulkanbergen handelt es sich um erkaltete Magma, die vor etwa neun Millionen Jahren nach oben drängte - aber noch vor Durchbrechen der Oberfläche zum Stillstand kam. Erst später schabten Gletscher die weicheren Gesteinsschichten ab, das harte Phonolith- und Basaltgestein der Magma-Quellkuppen blieb übrig. Die die Landschaft prägenden Vulkankegel nennt man im Hegau "des Herrgotts Kegelspiel". Die markantesten sind (neben Hohentwiel und Hohenkrähen) der Hohenhewen bei Engen, der Hohenstoffeln bei Binningen und der Mägdeberg bei Mühlhausen-Ehingen.
Wer das Zusammenspiel von Feuer, Eis und Wasser erforschen will, das den Hegau formte, kann unter insgesamt 14 geologischen Touren wählen, die in einer Broschüre zusammengefasst sind. Und am Petersfels bei Engen gibt es mit dem Eiszeitpark eine bedeutende steinzeitliche Fundstelle zu besichtigen.