Stuttgart 21: Mehrere zehntausend Menschen zogen zum Landtag
Bahnchef Grube schlägt "Runden Tisch" vor
Trotz schlechten Wetters trafen sich am Freitagabend beim Stuttgarter Hauptbahnhof wiederum mehrere zehntausend Menschen, um gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 zu demonstrieren. Die Polizei hat rund 30.000, die Veranstalter haben 50.000 gezählt. Nach dem "Schwabenstreich", einer einminütigen Lärmbeschallung mit Vuvuzelas, Trillerpfeifen, Kochtöpfen, Rasseln und Sirenen sowie der Kundgebung zogen die Demonstranten zum baden-württembergischen Landtag. Bahnchef Rüdiger Grube will sich nun mit Stuttgart 21-Gegnern treffen.
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Manfred Hantke
Um 19 Uhr versammelten sich die Stuttgart 21-Gegner am Freitagabend auf der Heilbronner Straße vor dem Nordflügel des Hauptbahnhofs. Es war die erste große Kundgebung nach dem Baggerbiss am Nordflügel.
Nach der Kundgebung beim Nordflügel zeigte sich der Himmel gleich mit einem doppelten Regenbogen.Hantke
Trotz des zuvor einsetzenden Regens war der Platz proppenvoll. Die Polizei schätzte die Zahl auf 30.000, die Veranstalter legten noch eine Schippe drauf: 50.000. Die Redner gaben sich gewohnt kämpferisch, machten nicht den Eindruck, nach dem am Mittwochnachmittag begonnenen Abriss des Nordflügels zurückweichen und klein beigeben zu wollen. Sie wollen den friedlichen Protest gegen das Bahnprojekt weitertreiben und ungehorsamen Widerstand üben. Solange, bis sie Stuttgart 21 gestoppt haben, machten sie deutlich.
Sie beklagten, dass das Landesdenkmalamt aus den Vorgesprächen herausgehalten worden sei, forderten den sofortigen Baustopp, nannten OB Wolfgang Schuster den "Nero von Stuttgart", einen "Oberbürgermeister ohne Bürger", forderten dessen Rücktritt, eine Bürgerbefragung und mahnten die Demonstranten, nicht mehr die Kreuzungen zu besetzen, um die Autofahrer nicht zu verärgern. Vielmehr solle der Bauzaun am Nordflügel blockiert werden.
Stuttgart 21: Kundgebung und Menschenkette beim Landtag
Nach der Kundgebung hellte sich der Himmel ein wenig auf, zwei Regenbogen überspannten den Hauptbahnhof. Zeichen für die Demonstranten, dass der Wettergott auf ihrer Seite steht. Die Bahn hatte während der Kundgebung die Türen zum Nordeingang verriegelt, auch der linke Eingang am Arnulf-Klett-Platz war geschlossen. An den Türen prangte dennoch ein "Herzlich willkommen".
So zog der Protestzug gegen 19.50 Uhr zum Landtag. Wie auch vor dem Nordflügel standen vor dem Landtag die Polizisten dicht an dicht. Auch eine Reiterstaffel war abgeordnet. Um den Landtag herum bildeten die Demonstranten eine Menschenkette, forderten im Wechsel die Rücktritte von Ministerpräsident Stefan Mappus und OB Wolfgang Schuster, skandierten "Lügenpack", "Wir sind das Volk" und "Oben bleiben".
Zwischen 30.000 und 50.000 Demonstranten zogen am Freitagabend vom Stuttgarter Hauptbahnhof durch die Innenstadt zum Landtag, um gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 zu protestieren und einen sofortigen Baustopp zu fordern.Hantke
Nachdem die Kette geschlossen war, missachteten laut Polizei gegen 20.45 Uhr zahlreiche Demonstranten die Bannmeile. Polizeikräfte mussten sich daraufhin vor dem Landtagsgebäude postieren und die Demonstranten teilweise wegdrängen. Sie kamen bis ans Gebäude heran, schauten den im Restaurant Sitzenden beim Essen zu. Jene dort drinnen sahen die da draußen aber eher verständnislos an.
Gegen 21.10 Uhr seien zahlreiche Teilnehmer unkoordiniert in verschiedene Richtungen abgewandert, sod ei Polizei. Dabei sei es immer wieder zu Verkehrsbehinderungen gekommen, weil sie teilweise wahllos Hauptstraßen benutzten.
Eine Marschkolonne mit knapp 2.000 Teilnehmern bewegte sich auf der Konrad-Adenauer-Straße in Richtung Gebhard-Müller-Platz und Schillerstraße, um zurück zum Hauptbahnhof zu gelangen. Die Kundgebung und der Marsch auf den Landtag blieben jedoch ohne große Zwischenfälle.
Bahnchef Grube schlägt "Runden Tisch" vor
Die Demonstranten finden nun bei Projektbefürwortern Gehör. Nach der bislang größten Demonstration der Stuttgart 21-Gegner meldeten sie sich am Samstag. So kritisierte der einstige Bahnchef Johannes Ludewig im Deutschlandradio die Landesregierung, den Zeitpunkt für Stuttgart 21 verpasst zu haben. Weil die Landesregierung sich finanziell nicht beteiligen wollte, habe er 1999 das Projekt gestoppt. Damals habe es diese Proteste nicht gegeben. Dennoch sei das Projekt heute noch sinnvill, so Ludewig.
Kritik kommt auch vom baden-württembergischen CDU-Generalsekretär Thomas Strobl. Er schimpfte im Deutschlandfunk auf die schlechte Öffentlichkeitsarbeit der Projektleitung. Jahrelang habe man die PR für Stuttgart 21 vernachlässigt. Somit sei eine Lücke entstanden, die nun von den Gegnern ausgenutzt werde.
Eine Kommunikationslücke hat wohl auch Bahnchef Rüdiger Grube ausgemacht. Wie "Spiegel Online" und andere Medien berichten, hatte sich Grube bereits am Freitagabend gemeldet. Er regte einen "Runden Tisch" mit den Projekt-Gegnern an. Einen Meinungsaustausch könne er sich bereits im September vorstellen. Bedingungen allerdings wolle er vor dem Treffen nicht akzeptieren.