Monatelang haben Stuttgart-21-Gegner gehofft, den Abriss der Bahnhofs-Seitenflügel verhindern zu können. Vergeblich: Am Mittwoch fiel die erste Mauer. Für Wirbel sorgen warnende Stimmen in Sachen Geologie.
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ANDREAS BÖHME UND DPA
Stuttgart. Es war eine Art letzter Gruß der Demonstranten vom Dach eines der Symbole ihres Widerstands: Gestern Abend sind Gegner des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 auf das Dach des Nordflügels des Stuttgarter Hauptbahnhofs geklettert. Direkt neben der Stelle, an der ein Bagger gestern große Löcher in die Fassade des Gebäudes gerissen hatte, entrollten sie ein Plakat: "Brandstifter Schuster - raus aus dem Rathaus", hieß es mit Blick auf den Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU). Eigentlich hatte ein Großaufgebot der Polizei das Bahnhofsgelände großräumig abgesperrt und die Demonstranten vor den Bauarbeiten zurückgedrängt. Einige der Protestierenden mussten weggetragen werden. Gegner des Bahnprojekts stoppten zudem den Verkehr auf den Straßen um den Bahnhof.
Wenig später hatten unter lautstarkem Protest einiger hundert Demonstranten die Abbrucharbeiten begonnen: Ein Bagger riss nach und nach eine Seitenmauer ein. Ein Sprecher der Gegner sagte: "Das massive Polizeiaufgebot ist eine ziemliche Provokation." Der verkehrspolitische Sprecher der Landtags-Grünen, Werner Wölfle, bezeichnete den Abriss als "Provokation" und "Demonstration der Unbelehrbarkeit" der Projektbefürworter. Die abendliche Großdemo war schon seit Wochen für den "Tag X", den sichtbaren Beginn der Abrissarbeiten, angekündigt. Einer der Initiatoren des Protestes, Gangolf Stocker, kündigte eine Dauerblockade an. Er rief die Demonstranten dazu auf, zahlreich zu erscheinen. Sie sollten Lastwagen daran hindern, den Bauschutt des Abrisses am Nordflügel wegzufahren.
Unterdessen hat die Forderung eines Mitschöpfers von Stuttgart 21 nach dem Stopp des Bahnprojekts einigen Wirbel verursacht. Frei Otto, der für den Architekten des neuen Tiefbahnhofs, Christoph Ingenhoven, die "Lichtaugen" über den Bahnsteigen entworfen hatte, fürchtet plötzlich, der Neubau könne "wie ein U-Boot aus dem Meer" aufsteigen. Der Grund: Der Stuttgarter Talkessel sei von Mineralquellen und Gipsschichten mit hohen Anteilen von stark quellfähigem Anhydrit durchzogen. Ingenhoven indes sprach seinem einstigen Mitarbeiter die Kompetenz für derartige Aussagen ab: Otto sei weder qualifiziert noch habe er die Erfahrung für statische Berechnungen. "Ich finde es respektlos, dass sich Nichtfachleute, und das ist in diesem Fall auch Frei Otto, Urteile erlauben über Ingenieurbau und besonders im Tunnelbereich." Die Bahn habe die berühmtesten Ingenieure der Welt versammelt - denen könne man zutrauen, dass sie den Bau trotz der schwierigen geologischen Verhältnisse beherrschten.
Demonstranten blockieren die Heilbronner Straße.http://webcam.schrem.eu/
Auch die Projektträger wiesen die Vorwürfe als "Panikmache" zurück. "Die Äußerungen von Frei Otto sind fachlich nicht fundiert und entbehren einer soliden Grundlage", sagte Wolfgang Drexler (SPD), Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart - Ulm. In Stuttgart und im Bahnhofsumfeld seien auch sogar schon in tieferen geologischen Schichten Tunnel - etwa für die S-Bahn - gebaut worden, und es sei nichts passiert.
Auch ein Sprecher des Umwelt- und Verkehrsministeriums wies die Forderung Ottos zurück. Es sei unverständlich, dass ein Jahr nach dem Ausstieg aus der Projektgruppe derartige Äußerungen gemacht würden. Dennoch warnen auch Fachleute wie der Tübinger Geologe Jakob Sierig, die Risiken durch aufquellendes Anhydrit seien nicht ausreichend beachtet worden (siehe Infokasten). Als warnendes Beispiel nannte er die massiven Bodenhebungen im badischen Staufen.
Ein Bagger beginnt mit dem Abriss des Nordflügels.http://webcam.schrem.eu/
Bei dem 4,1 Milliarden Euro teuren Projekt Stuttgart 21 wird der Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation umgewandelt und mit einem Tunnel an den Flughafen und die Schnellbahnstrecke nach Ulm angebunden.