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Kommentar

Zwischen Lonetal und Legoland

Von Niederstotzingen haben in der hiesigen Gegend nur wenige Leute genaue Vorstellungen. Das knapp 5000 Einwohner zählende Städtchen am südöstlichen Rand der Schwäbischen Alb wirbt mit seiner Lage „zwischen Lonetal und Legoland“. Was Niederstotzingen mit Tübingen verbindet, erkennt man auf Anhieb am offiziellen Logo der Stadt: das eiszeitliche Wildpferd aus dem Vogelherd.

 

Nun hätte Niederstotzingen gerne das Original aus Tübingen, wohin es dessen Ausgräber Gustav Riek 1931 gebracht hat.

Rieks Verdienst war es, mit diesem und noch weiteren Eiszeit-Figürchen ein Kulturerbe von Weltrang entdeckt zu haben. Sich selbst hielt der Wissenschaftler freilich für bedeutender, denn sein letzter Wunsch war es, mit der Vogelherd-Menagerie begraben oder verbrannt zu werden. Er betrachtete sie als seinen persönlichen Besitz. Letztlich konnte die Universität – verwaltungsgerichtlich abgesegnet – die Eiszeitkunst für 31 000 Mark bei den Erben auslösen.

Gehören die Figürchen damit der Eberhard-Karls-Universität? Zumindest nicht in dem Sinn, dass sie damit uneingeschränkt machen kann, was sie will. Ohnehin muss sie sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die Pfunde, mit denen nun auch andere gerne wuchern möchten, nur allzu lange achtlos an abgelegenen Stellen unterbrachte. Hätte sie die Elfenbeinkunstwerke mit der Begeisterung bedacht, wie sie nun Boris Palmer beweist, und sie der Öffentlichkeit in ansprechendem Rahmen präsentiert, käme heute nirgends jemand auf die Idee, sie für eigene Zwecke zu reklamieren.

Gibt es überhaupt ein Recht der Fund-Orte, die wertvolle Eiszeitkunst für sich zu beanspruchen? Angeblich soll es dort sogar Übereifrige geben, die in ihren verbalen Rückholgefechten von Raubkunst reden, die nun von Tübingen zurückgegeben werden müsse. Davon kann selbstverständlich keine Rede sein. Am Werk waren und sind keine Raubgräber, sondern Wissenschaftler, die im öffentlichen Auftrag forsch(t)en. Sie benötigen für ihre Forschung den Eiszeit-Tierpark nicht vor der Haustür, haben aber auch ein Interesse, dass er nicht nach Legoland abwandert.

Auf ein Recht, der einzig mögliche Standort zu sein, kann im Grunde niemand pochen. Und wenn der Anspruch auch noch so altväterlich daher kommt: Den Zuschlag für Mammut, Wildpferd, Bison & Co sollte bekommen, wer damit einen Bildungsauftrag verbindet. Dieser verkümmert bislang in einer Ecke des Schlossmuseums, davon zeugen die Besucherzahlen außerhalb der Sonderausstellung. Wenn denn Tübingen das – auch dem Image förderliche – Privileg haben möchte, die älteste Kunst der Menschheit vorzeigen zu dürfen, kann der Oberbürgermeister nicht der einzige sein, der sich dafür stark macht. Wenn die übrige Stadt mit Stocherkahnrennen und Schokoladenmesse schon satt ist, reichen gelegentliche Sonderausstellungen als Appetithäppchen durchaus.

Hans-Joachim Lang

 

19.12.2008 - 08:30 Uhr | geändert: 18.09.2009 - 11:17 Uhr
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