Manchmal stehen Passanten an der Mühlstraßen-Baustelle und wetten, dass auf der betonierten Piste keine zwei Busse ungestreift aneinander vorbei kommen. Jetzt ging das Gerücht, die Verantwortlichen des Stadtverkehrs seien nicht bereit, hier zu fahren. Letzteres wurde dementiert.
Die grundlegende Sanierung der Mühlstraße kostet mehr als geplant und beim Umbau geht manches schief. Dafür wird die Stadtverwaltung wohl auch noch einige Zeit kritisiert. Sollte sich allerdings zeigen, dass sie den Bus-Begegnungsverkehr, für den sie unter anderem hergerichtet wird, nicht aufnehmen kann, so wäre das ein ausgewachsener Skandal.
Die neue Fahrbahn ist sechs Meter breit. „Eigentlich schmaler, als zwei Busse“, sagte Ortwin Wiebecke, der oberste Stadtverkehrs- und Stadtwerke-Chef. Ein Stadtbus misst 2,55 Meter in der Breite (Regionalbusse sind etwas dicker) plus zwei Seitenspiegel von je 30 Zentimetern. Was nicht zu passen scheint, geht rechnerisch zusammen, weil die Chauffeure gehalten sind, so hart rechts zu fahren, dass ein Spiegel komplett über die Fahrbahn hinausragt.
Die Straßenplaner wollten dafür vor Baubeginn seitlich 35 Zentimeter Luft lassen. „Das war uns zu wenig“, sagte Wiebecke, „wir haben reklamiert und der OB hat uns recht gegeben, also wurde mit 50 geplant.“ Trotz Zusage des Tiefbauamts bekam der Stadtverkehr die Pläne aber vor Baubeginn nicht zu Gesicht. Oberbürgermeister Boris Palmer soll einen dicken Hals gekriegt haben, als er von diesem Versäumnis erfuhr. Beim Nachmessen waren schließlich doch nur 35 Zentimeter Abstand eingehalten. Panne oder Absicht? Jedenfalls mussten diese Woche die Bordsteine raus und neu gesetzt werden.
Seitlicher Luftraum hin oder her – ist die Sechs-Meter Fahrbahn überhaupt breit genug? Bei zwei sich begegnenden Bussen nähern sich ihre Spiegel rechnerisch auf 30 Zentimeter an. Und praktisch? Wenn es glatt ist? Wenn es schneit, und der Schnee vom Räumfahrzeug an den Bordstein geschoben wird? „Die Busse werden hier 20 bis 30 Kilometer pro Stunde fahren“, sagte Wiebecke. Praktiker behaupten, gerade langsam fahrende Gelenkbusse würden etwas schlingern. Das konnte der Stadtwerke-Chef nicht bestätigen. Aber dass auf die Fahrer „erhöhte Anforderungen“ zukommen, räumte er ein.
Für Hans-Jürgen Hennig, den TüBus-Abteilungsleiter der Stadtwerke, geht „Sicherheit in jedem Fall vor Pünktlichkeit“: „Ich reiße keinem Fahrer den Kopf ab, wenn er drei Minuten hinterm Fahrplan her ist. Aber wenn er 65 fährt, dann kriegt er Ärger mit mir“. Bedeutet dies, dass die neue Mühlstraße ein Bremsklotz sein wird im Projekt Bus-Beschleunigung und Bus-Bevorrechtigung? „Nicht automatisch“, antwortete Wiebecke, falls doch, sei der Fahrplan anzupassen.
Die Richtlinien für Stadtstraßen sehen für „zweistreifige“ Fahrbahnen „mit Linienbusverkehr“ eine Breite von „6,50 Meter“, bei „großer Begegnungshäufigkeit“ „7 Meter“ vor. Nur bei „geringem Linienbusverkehr mit geringem Nutzungsanspruch“ werden 6 Meter empfohlen. Sind 2000 Stadtbusse pro Tag in diesem Sinne eine „geringe Nutzung“?
„Gewiss nicht“, sagte Wiebecke, und weiter: „Sechs Meter sind das absolute Minimum, natürlich wären 6,50 Meter besser gewesen, aber die schwierige räumliche Lage dort hat das nicht zugelassen. Es war auch abzuwägen zwischen den Anforderungen des Verkehrs und dem Wunsch, zu gestalten.“ Er findet, dass verglichen mit dem alten Zustand der Mühlstraße der Busverkehr nach dem Umbau „nicht schlechter, aber auch nicht besser dasteht“. Der öffentliche Personen-Nahverkehr werde „nicht zu den Gewinnern der Sanierung gehören – leider!“ Gleichwohl: Wiebecke nannte die neue Situation unter dem Strich „vertretbar, natürlich fahren wir, alles andere ist Quatsch.“