Tübingen. Gestern begann das Jahr des Tigers. Am Vorabend des chinesischen Neujahrstags zeigten Schüler des Wushu-Vereins Tübingen die ganze Bandbreite, von den fließenden, nach innen gerichteten Bewegungen in Tai Chi und Qi Gong, zu den explosiven im Kung Fu und anderen nach außen gerichteten Kampfkünsten. Außerdem spielte die Musikerin Zhenfang Zhang auf der Erhu, einer Kniegeige, und auf der chinesischen Zither.
Nahezu 700 Zuschauer kamen in die Hermann-Hepper-Halle. Aktive und ehemalige Wushu-Schüler sowie deren Verwandte machten den Hauptteil des Publikums aus, in dem Chinesen deutlich in Unterzahl waren. Und diejenigen die da waren, waren überwiegend Studenten an der Tübinger Universität, erklärte Truc Nhu Tran, Ehefrau des Tübinger Wushu-Meisters Haojun Zhuo.
Zwei Hellebarden, zwei Tänzer: Der Wushu-Verein Tübingen feierte das chinesische Frühlingsfest „im Zeichen des Tigers“. Bild: Ulmer
Ihr Schwippschwager Felix Ulmer-Zhuo freute sich, dass die chinesische Form des Breitensports allmählich auch hierzulande Fuß fasst: „Viele Leute, die in den letzten Jahren als Besucher kamen, sind heute als Sportler da.“ So weit sieht sich die Tübingerin Katrin Petodnig noch nicht. Nach etwas Reinschnuppern ins Qi Gong fing sie vor zwei Jahren endgültig Feuer, als sie die Vorführungen der Wushu-Schüler beim Frühlingsfest in der Uhlandhalle, sah. „Mir fehlt allerdings der mönchische Ehrgeiz, den man zur Perfektion braucht“, so die 36-Jährige.
Ehrgeiz und jugendliche Unbekümmertheit legte Ludwig Chan-Steiger an den Tag. Hinter einer Maske mit unergründlichem, fernöstlichem Gesichtsausdruck verborgen und in goldenes Satintuch gehüllt, gab der Elfjährige aus Esslingen den Unerschrockenen, der es während des Löwentanzes gleich mit drei von jeweils zwei Athleten dargestellten Wildkatzen aufnahm.
Ludwigs Mutter, die aus Hongkong stammende Kityee Chan, lächelte zufrieden. Sie selbst fahre immer wieder nach Tübingen, um an der Wushu-Schule Bewegungsformen zu üben, denn sie vergesse immer wieder die Reihenfolge. Und allein zu üben sei eine gefährliche Sache, denn wenn das Qi – die Energie – fließe, müsse es gelenkt werden: „Es klingt exotisch“, erklärte Kityee Chan, „aber man kann die Energie in jedes Körperteil bewegen.“ Eben auch in das falsche, wenn man allein sei und nicht aufpasse.