Den meisten Menschen geht er einfach nur auf den Wecker. Für viele Vögel aber bedeutet der lange Winter das Todesurteil. Auch winterharten Frühblühern macht der eisige Wind zu schaffen.
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Uschi hahn
Eine Mütze aus Schnee schützt Frühblüher wie diese Krokusse vor Frostschäden. Archivbild: Grohe
Kreis Tübingen. Selten sieht man so viele tote Vögel auf der Straße liegen wie in diesem Frühjahr. Seit der Rückkehr von Frost und Schnee finden sich auch in den Vorgärten immer wieder verendete Piepmätze. Schuld ist tatsächlich der lange Winter, bestätigt Richard Schneider vom Mössinger Vogelschutzzentrum. Vor allem die heimgekehrten Zugvögel hat es offenbar eiskalt erwischt. Zum Beispiel den Singdrosseln machten die gar nicht frühlingshaften Witterungsverhältnisse „zu schaffen“, wie Schneider sagt.
Was ein richtiger Raubvogel ist, der findet auch bei Schnee und Eis seine Beute – wie dieser Turmfalke, der an der Steinlach eine Taube verspeist. Archivbild: Franke
Die Singdrosseln – sie sind etwas kleiner als Amseln – haben ihr Winterquartier nicht in Afrika, sondern überwintern im Mittelmeerraum oder an der Atlantikküste. Sie sind von allen Zugvogelarten die ersten, die nach Deutschland zurückkehren. Normalerweise lebt die Singdrossel in lichten Laubwäldern oder Parkanlagen und macht Jagd auf Kleingetier, das im Boden lebt. Weil sie an Würmer oder Insekten bei Bodenfrost und Schnee nicht herankommen, weichen die Vögel in Vorgärten aus, wo sie Beeren von Ziersträuchern picken. Dort aber, so Schneider, werden die geschwächten Drosseln leicht Opfer von Katzen, fliegen gegen Fenster- oder Windschutzscheiben.
Doch auch Erlenzeisige – eine Finkenart – gehören zu den Frostopfern, zumindest indirekt. Den gerne in Schwärmen auftretenden Vögeln werden im Spätwinter oft Futterhäuschen zum Verhängnis. Dort holen sie sich Parasiten und andere Krankheiten. „Wir beobachten gerade häufig Salmonellen“, berichtet Vogelschützer Schneider. Dagegen helfe nur Hygiene: Schneider zum regelmäßigen Säubern der Futterplätze und empfiehlt Handschuhe zum Selbstschutz.
Kummer bereiten den Vogelschützern auch Grünfinken. Sie sind durch den langen Winter eh schon geschwächt und dadurch umso anfälliger für eine tödliche Infektion mit mikroskopisch kleinen Geißeltierchen. Sie lösen bei den Vögeln Entzündungen im Schlund aus. „Die können die Nahrung nicht mehr schlucken“, beschreibt Schneider die Folgen.
Die größten Probleme haben aber wohl jene Vögel, die jetzt schon begonnen haben zu brüten. Im Siedlungsgebiet sind das Tauben und Amseln. Doch auch manche Wanderfalken haben schon Eier gelegt und sind an ihren Nistplätzen in Felshöhlen oder hohen Türmen der Witterung besonders ausgesetzt.
Selbst dem Eisvogel bereite der andauernde und strenge Winter Probleme, weiß der Vogelexperte. Weil die Gewässer so lange zugefroren sind, findet der Vogel des Jahres 2009, der sich von Fischen, Wasserinsekten, Larven und Kleinkrebsen ernährt, kaum Nahrung. Da wird es mit dem Nachwuchs schwierig: „Vögel, die ausgemergelt aus dem Winter kommen, haben Schwierigkeiten, zu brüten“, beschreibt Schneider die Spätfolgen der allzu kalten Jahreszeit. Statt wie üblich drei Mal werde der Eisvogel dieses Jahr wohl nur zwei Mal brüten.
Kummer haben dieser Tage auch jene Gartenfreunde, die fest aufs Winterende gesetzt und erste Primeln gepflanzt haben. Die sind spätestens im eisigen Ostwind erfroren. Ein Schicksal, das in ungeschützten Lagen selbst Schneeglöckchen ereilte.
Und doch muss man sich angesichts von Schnee und Eis derzeit um die Flora offenbar noch wenig Sorgen machen. Sagen jedenfalls Hannelore und Friedrich Herter, Gärtnerin und Obergartenmeister im Tübinger Botanischen Garten. „Den Krokussen macht das nichts aus. Die sind das gewöhnt“, sagt Hannelore Herter über die schneebedeckten bunten Blüten. Auch um die zumindest in Südlagen schon recht weit aus dem Boden sprießenden Narzissen ist der Gärtnerin nicht bange: „Die müssen das abkönnen, sonst wären sie ja nicht winterhart.“
Wie sie bleibt auch ihr Mann bei den eisigen Minusgrade ganz cool. Er habe noch keine Pflanzen gesehen, „die mehr ausgetrieben haben als normal“. Dazu sei die wärmere Phase zu kurz gewesen. Der Schnee, der seit gestern wieder die Vorgärten bedeckt, sei überdies ein „guter Schutz“, so Friedrich Herter. Seine Frau Hannelore hat für Hobbygärtner noch einen Tipp parat: Die Abdeckungen, mit denen empfindliche Pflanzen vor Winterfrösten geschützt werden, sollte man „lieber noch drauf lassen“.