Er zog ins Sparkassen-Carré ein und eroberte sein Publikum im Sturm: CSU-Wirtschaftsminister Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg bescherte seiner CDU-Parteifreundin Annette Widmann-Mauz am Mittwoch zu ihrem Wahlkampfauftakt ein volles Haus.
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Renate Angstmann-Koch
Tübingen. Die 600 Sitzplätze waren am frühen Nachmittag im Nu belegt. 300 weitere Besucher mussten stehen, um zu hören, wie Freiherr zu Guttenberg für die „Soziale Marktwirtschaft als Kompass in der Krise“ warb. Bevor er kam, kontrollierten Ordner am Eingang Taschen.
Auch sonst überließ die Tübinger CDU nichts dem Zufall. Das Kleid der Bundestags-Kandidatin war farblich ebenso auf den Dress ihrer Helfer abgestimmt wie die Gladiolen in den Blumensträußen an Rednerpult und Bühnenaufgang.
Rüdiger Ruf und Band machten zum Auftakt Stimmung. Die Crew um den Rottenburger Trompeter hatte eigens ein „Konzert für Annette Widmann-Mauz“ zusammengestellt. Dabei griffen die Musiker auf eine „Flugplatz“-Seite unserer Jugendredaktion zurück, der die Bundestagsabgeordnete Auskunft über ihren Musikgeschmack gegeben hatte.
Vor dem Eintreffen des Hauptredners verstummte das Ensemble, auf der Großleinwand lief ein Film über „60 Jahre BRD“ an. „Deutschland ist stark“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ernstem Augenaufschlag, ehe die Reihe ihrer CDU-Vorgänger ins Bild kam: Adenauer, Erhard, Kiesinger, Kohl – von den Ruinen nach dem 2. Weltkrieg bis zum Mauerfall und Aufbau Ost.
Ein Raunen ging durch den Saal, als sich Tübingens Grünen-OB Boris Palmer zu den Ehrengästen in den vorderen Reihen gesellte. Unter ihnen neben CDU-Politikern auch Vertreter von Kommunen, Verbänden und anderen Parteien – so der FDP-Bezirksvorsitzende Pascal Kober, der als Reutlinger Bundestagskandidat dem Wunsch-Koalitionspartner seine Aufwartung machte.
Der Beifall für den Film ging über in den Willkommens-Applaus. Das „Team Annette Widmann-Mauz“ marschierte in orangefarbenen Polohemden voraus – gefolgt von der Kandidatin selbst mit zu Guttenberg an ihrer Seite. Zuletzt kamen die Sicherheitsleute des Ministers.
„Es macht Freude, in einem Teil Deutschlands unterwegs zu sein, wo Grüß Gott auch verstanden wird“, schmeichelte der Oberfranke dem schwäbischen Publikum. Er komme gerade aus einem mittelständischen Betrieb in Waiblingen. Das sei der Grund für seine Verspätung – und nicht, dass er seinen Dienstwagen nicht gefunden hätte, wandte er sich an die „liebe Annette“. Sie habe sich einen Themenkomplex herausgesucht, der geradezu als „Strafappell“ erscheine, sagte der 37-Jährige. Nun sei sie für die Unions-Fraktion die führende Gesundheitsexpertin.
In einer „veritablen Krise“ könne man es sich nicht leisten, bereits Ende Juli in einen „brachialen Wahlkampf“ einzusteigen, kam zu Guttenberg zur Sache. Es handele sich aber um keine Systemkrise, allenfalls „eine Systemvergessenheitskrise“. Der Finanzmarkt habe unter Vertrauensverlusten gelitten und keine Kredite mehr vergeben. Nun könne sich der Vorgang wiederholen, wenn 2010 wegen der diesjährigen Bilanzen der Banken eine „ungute Gemengelage“ entsteht. Doch Deutschland verfüge über „Leistungspotenzial, Kreativität und Innovationskraft“. Er werde sich nicht den Mund verbieten lassen, das zu betonen, erklärte zu Guttenberg. Allerdings hatte das auch niemand versucht.
Auch auf Raimund Kirschniak als Hausherrn ging der Wirtschaftsminister ein. Der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse hatte gebeten, die regionalen Sparkassen rechtlich selbstständig zu lassen. „Es gibt auch ein gesundes Unternehmertum, das bereit ist, über Generationen zu denken und zu handeln und auch für den Misserfolg einzustehen“, bestätigte zu Guttenberg. Ein Unternehmertum, das sich auch gegenüber den Beschäftigten verantwortlich zeige. Sonst war die drohende Arbeitslosigkeit kein Thema. Der Minister sprach nur davon, dass die Zahl der Beschäftigten eines Unternehmens kein Maßstab für staatliche Hilfe sei, sondern Systemrelevanz und tragfähige Konzepte.
Bei 450 Milliarden Euro Bürgschaften und direkten Hilfen für Banken und Unternehmen komme es jetzt „auf jeden einzelnen Euro Steuergelder an“. Überdies sei „die Insolvenz von heute nicht mehr der Konkurs von gestern und die Pleite von vorgestern“. Es könne durchaus sein, dass ein Unternehmen mit seinem Markennamen und den Beschäftigen weiterarbeiten könne.
Die Kraft des Südens
Der Süden der Republik dürfe ob seiner wirtschaftlichen Kraft „auch mal Selbstbewusstsein ausstrahlen“, fand zu Guttenberg. Er habe das Gefühl, auf dem „sehr starken süddeutschen Boden im Verhältnis zum Berliner Treibsand wieder Kraft gewonnen zu haben“.
Widmann-Mauz dankte dem zweifachen Vater mit Kinderbüchern – darunter einem Band der Kinder-Uni – und einer orangefarbenen Krawatte mit Tiermotiven. „Man braucht eine klare Zielvorgabe, und er hat uns den richtigen Kompass gezeigt“, sagte CDU-Kreis-Chef Klaus Tappeser. Eine Menschentraube folgte zu Guttenberg, um dem Mann in der Dienstlimousine nachzuwinken.