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Nach dem einsamen Tod von Emma H.

Wie lassen sich solche Fälle verhindern?

Leserbriefe, E-Mails und Anrufe in unserer Redaktion zeigen: Das einsame Sterben der 81-Jährigen, die sich vergeblich um einen Heimplatz bemüht hatte, geht vielen nahe. Was tun, damit so etwas nicht wieder passiert?

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Renate Angstmann-KocH

Tübingen. „Oft müssen chronisch kranke, behinderte Menschen und deren Angehörige sich zur Wehr setzen, mit Kassenmitarbeitern streiten, um die nötige Hilfe zu erhalten. Der Diskussionsbedarf ist riesig!“, schrieb eine Leserin, die anonym bleiben möchte. Letztlich, berichtete sie am Telefon, übernahm die AOK alle Pflegekosten für sie selbst während einer schweren Erkrankung und für ihren behinderten Sohn. Doch erst nach langem, mühsamem Kampf und Anwaltsschreiben.

Der Notärztin Lisa Federle geht das Schicksal von Emma H. nicht aus dem Kopf. „Ich habe schon viel erlebt. Aber es gibt selten Fälle, in denen man medizinisch sieht, dass jemand noch verzweifelt um sein Leben gekämpft hat.“ Die alte Frau wurde erst drei Tage nach ihrem Tod gefunden. Die kranke Rentnerin hatte sich lange vergeblich bemüht, als Pflegefall anerkannt zu werden und einen Heimplatz bezahlt zu bekommen. Sie befürchtete, eines Tages hilflos in ihrer Wohnung zu liegen. Der Medizinische Dienst der Krankenkasse stellte keine entsprechende Pflegebedürftigkeit fest. „Wenn jemand berechtigter Weise solche Angst und Panik hat, muss man ihm helfen“, findet Federle jedoch.

Susanne Blessing Susanne Blessing

Sie hielte in solchen Fällen ein zweites Gutachten für nötig, und das Urteil des Hausarztes sollte mehr Gewicht erhalten. Vor allem müsse die Kasse verpflichtet werden, den Weg zum Sozialamt oder einer Beratungsstelle zu weisen, wenn sie die Einstufung als Pflegefall ablehnt: „Man kann nicht von jedem erwarten, dass er sich damit auskennt, wohin er sich wenden muss.“

Lisa Federle Lisa Federle

„Es hilft nur die Sozialstation oder der Hausarzt“, sagt die Tübinger Ärztin Susanne Blessing, die ähnliche Fälle kennt. Die IAV-Stellen seien meist überlastet. Pflegebedürftigkeit lasse sich schwer feststellen. Das Verfahren sei sehr standardisiert, „es ist entwürdigend für Menschen, nur nach Minuten beurteilt zu werden“. Ein Problem bestehe auch darin, dass praktisch nur körperliche Beschwerden berücksichtigt würden. Möglicherweise wäre es hilfreich, wenn es mehr Pflegestufen gäbe.

Das Hauptproblem sieht Blessing in der heutigen „betriebswirtschaftlichen Denkweise“ in Pflege und Medizin. Überall werde gespart, eventuell gebe es auch unter der Hand Quoten für die Eingruppierung in Pflegestufen. „Die Medizin ist industriell durchorganisiert. Das System ist unmenschlich und krank, es steht kurz vor dem Kollaps“, warnt die Hausärztin. Archivbilder

Man kann auch ohne Pflegestufe ins Heim

Auch wer nicht in Pflegestufe I, II oder III eingruppiert wird, kann eventuell Geld von der Pflegekasse bekommen: wenn seine „Alltagskompetenz dauerhaft in mindestens erheblichem Maße eingeschränkt ist“. Wichtig ist, sich beraten zu lassen, wie es weitergeht und Pflege und Betreuung finanziert werden können. In Tübingen helfen die Koordinationsstelle für Senioren in der Fruchtschranne 5 und die IAV-Stelle, Kirchgasse 1.

02.06.2010 - 08:30 Uhr

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