Wie Tübingen das Feuerwerksverbot an Silvester durchsetzen will
Silvester kann kommen, Tübingen ist gerüstet. Die Altstadt ist für Feuerwerk gesperrt und wird kontrolliert. Wer dennoch böllert, muss mit einem Platzverweis und Bußgeld rechnen.
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Marike Schneck
Tübingen. „Nach dem Brand am Marktplatz im vergangenen Jahr war klar, dass wir umgehend handeln müssen“, sagt Richard Heß, Fachbereichsleiter des Tübinger Bürgeramts. Zur Erinnerung: Eine Feuerwerksrakete hatte in der Silvesternacht am Tübinger Marktplatz ein Haus in Brand gesetzt und großen Schaden angerichtet. Das so genannte „Abbrennverbot“ soll das künftig verhindern.
Seit Monaten schon laufen unter der Federführung Rainer Kaltenmarks vom Ordnungsamt die Vorbereitungen für die diesjährige Silvesternacht. „Keine leichte Aufgabe“, sagt er. „Aber wir haben das alles so gut vorbereiten können, dass wir zuversichtlich in die Silvesternacht starten können.“
In der kompletten Tübinger Altstadt herrscht der neuen Anordnung nach ein Feuerwerksverbot. Gestützt wird es auch durch das bundesweit verschärfte Sprengstoffgesetz, das seit dem 1. Oktober Feuerwerk in unmittelbarer Nähe von Fachwerkhäusern verbietet. Weil nicht jedes Fachwerkhaus von außen als solches zu erkennen ist, setzt Tübingen eine klare Grenze: Sie verläuft von der Uhlandstraße über die Eberhardsbrücke, die Mühlstraße rauf und den Stadtgraben sowie die Kelternstraße entlang bis hin zur Belthlestraße. Von dort aus führt sie weiter am Haagtor vorbei, die Haering-Staffel hinter Schloss Hohentübingen entlang und über die Alleenbrücke zur Uhlandstraße zurück. „Damit“, so Kaltenmark, „ist der Verbotsbereich ganz klar und nachvollziehbar abgegrenzt.“
Damit sich in der Silvesternacht keiner aus der Affäre ziehen und behaupten kann, er habe von nichts gewusst, hat die Stadt 14 Verbotsschilder (siehe nebenstehendes Bild) fertigen lassen. Sie werden am Silvestermorgen überall dort aufgestellt, wo eine Straße oder Gasse in den Verbotsbereich hineinführt.
Das Ordnungsamt legt an Silvester Sonderschichten ein und wird den gesamten Verbotsbereich bis in den frühen Neujahrsmorgen hinein kontrollieren. Unterstützung bekommen die städtischen Ordnungshüter von der Polizei. Neben den verstärkten Streifen, die zum Jahreswechsel ohnehin unterwegs sind, sind Einsatzkräfte der Bereitschaftspolizei angefordert, die ebenfalls durch die Altstadt patrouillieren.
Präventiv hat die Stadtverwaltung zudem Info-Flyer in fünf verschiedenen Sprachen drucken lassen und sie in der vergangenen Woche bereits in sämtlichen Gaststätten des Sperrbereichs und all jenen Geschäften ausgelegt, die zu Silvester Feuerwerk verkaufen. Das Verbot gilt für Feuerwerk der Klasse II, zu der alles zählt, was brennt, knallt und knistert. Dazu gehören nicht nur Silvesterraketen, sondern auch kleine und große Kracher, Schwärmer und sogar Batterien. Erlaubt sind in der Altstadt lediglich unproblematische Silvesterartikel wie zum Beispiel Tischfeuerwerk.
„Das Problem bei Feuerwerk der Klasse II ist, dass es durch seine lange Brenndauer und die große Hitze in der Lage ist, durchaus einen Holzbalken zu entzünden“, so Kaltenmark. Er hat sich eigens bei der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung in Berlin erkundigt und erfahren, dass Silvesterfeuerwerk bis zu drei Minuten lang brennt. „Eine lange Zeit, in der viel passieren kann.“ Deshalb sind die Ordnungshüter im Zweifel nicht zimperlich, wenn’s darum geht, das Abbrennverbot durchzusetzen.
Wer es vorsätzlich missachtet, muss mit einer Geldbuße von 125 Euro rechnen. Weiter wird ein Platzverweis erteilt, und die Feuerwerkskörper werden beschlagnahmt. „In erster Linie setzen wir aber auf das Verständnis der Menschen und werden verstärkt das Gespräch mit den Leuten suchen“, sagt Rainer Kaltenmark.
Profi-Feuerwerk an der Augenklinik
Wer an Silvestern unbedingt selbst böllern will, muss sich also abseits der Tübinger Altstadt ein Plätzchen suchen. Wer das Raketenzünden lieber anderen überlässt, kann zum Beispiel das professionelle Feuerwerk der Augenklinik bewundern. Das wird Prof. Karl Ulrich Bartz-Schmidt, der ärztliche Leiter der Klinik, Punkt Mitternacht zünden. Es soll dem Klinik-Jubiläumsjahr einen krönenden Abschluss bescheren.
Tübingen ist nicht die einzige Stadt, in deren historischem Zentrum kein Feuerwerk mehr gezündet werden darf. Von Waldenbuch im Schönbuch bis Quedlinburg am Rande des Harz haben sich zahlreiche Kommunen das Tübinger Modell erklären lassen. „Einige haben’s sogar eins zu eins kopiert“, sagt Kaltenmark stolz. In den Nachbarstädten Rottenburg und Mössingen gilt das bundesweit verschärfte Sprengstoffgesetz auch. Ganze Bereiche sind dort – anders als in Herrenberg – allerdings nicht gesperrt.