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Neckarbad als Umweltgut

Wer zahlt für einen sauberen Neckar?

Viele kühlen sich an diesen heißen Tagen im Neckar ab. Obwohl das Baden hierwegen der mangelndenWasserqualität verboten ist. Ein Tübinger Student will herausfinden, wie viel die Bürger für einen badesauberen Neckar bezahlen würden.

Ulrike Pfeil
Das ist Wasserforscher Julian Kölbel bei einem Bade-Selbstversuch im Neckar. Mitten in der Stadt ... Das ist Wasserforscher Julian Kölbel bei einem Bade-Selbstversuch im Neckar. Mitten in der Stadt war ihm das urbane Nass dann doch zu dreckig. Er bevorzugte eine Stelle in Lustnau beim früheren Egeria-Gelände, nahe der Mündung des Goldersbachs. Bild: Metz

Tübingen. Sommerliches Badevergnügen im Fluss mitten in der Stadt – das hat Lebensqualität. In Zürich tun sie es in der Limmat. In München wurde die Isar eigens dafür geklärt, auch in der Elbe wird geschwommen. In Berlin gibt es ein Projekt, die Spree badefähig zu kriegen, in Frankfurt eine Initiative, die das für den Main erreichen will. „Urbanes Baden“, hat Julian Kölbel festgestellt, „ist in ganz Deutschland ein Thema.“

Und es ist etwas ganz anderes als draußen am Baggersee. Dort ist das Baden mit Natur und Ausflug verbunden, in der Stadt ist es schneller, öffentlicher Frische-Genuss vor gebauter Kulisse. War es ja auch lange Zeit in Tübingen, dessen erste öffentliche Badeanstalt am Neckar nahe dem Hölderlinturm lag, daher noch heute der Straßenname „Neckarbad“.

Ein Fluss vor der Haustür, in dem man ohne Angst vor Keimen, Giftstoffen, Schmutz und Algen baden könnte, wäre nach Ansicht von Julian Kölbel durchaus erstrebenswert. Aber in dieses öffentliche Gut Umweltqualität müsste man investieren. Kölbel möchte nun mit seiner Master-Arbeit herausfinden, ob die Bürger bereit wären, dafür höhere Abwassergebühren in Kauf zu nehmen. „The Value of Urban Bathing Space“, der Wert eines städtischen Badeplatzes, lautet der vorläufige Titel seiner Arbeit, mit der er seinen Studiengang „Wasser-Wissenschaft, -Politik und -Management“ an der Universität Oxford abschließen möchte. Am Beispiel des Neckars. Der 25-Jährige, der am Uhlandgymnasium Abitur machte, hat an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich einen Bachelor in Umwelt-Naturwissenschaften erworben und wechselte dann an die renommierte englische Uni.

Aus den verfügbaren Daten über den Neckar, die Kölbel zusammengetragen hat, ist zu schließen, dass sich die Wasserqualität vor allem durch den Bau und die Verbesserung von Kläranlagen in den vergangenen 50 Jahren schon stark verbessert hat. Von „stark verschmutzt“ wurde der Fluss in die Kategorie „mäßig belastet“ heraufgestuft.

Was aber bedeutet, dass Baden noch immer ein Gesundheitsrisiko ist, zumal wenn man mit offenen Wunden ins Wasser geht oder Wasser schluckt. Ausschläge und Durchfall sind die häufigsten Krankheitssymptome. „Das Baden im Neckar ist heute nicht mehr eklig, aber noch immer nicht unproblematisch“, sagt Kölbel, und denkt dabei auch an Verletzungsgefahren durch Scherben, Steine, Holzpflöcke, rostigen Müll und Untiefen im Wasser.

Im Gegensatz zu ausgewiesenen Badegewässern wie etwa Baggerseen wird die Qualität des Neckarwassers vom Gesundheitsamt nur in größeren Abständen gemessen. Ein erster Schritt zur Verbesserung wären häufigere Messungen, die auch die Zuflüsse und die Kläranlagen im Einzugsbereich betrachten. Deren Optimierung von Tübingen bis Rottweil und Balingen (Eyach) würde einiges kosten.

Dass der Neckar je Badewasser-Standard erreicht, hält Kölbel zwar für unwahrscheinlich. Denn vor allem nach starkem Regen gelangt immer ungeklärtes Überlaufwasser in den Fluss. Aber nach längeren Trockenperioden von etwa zwei Wochen könnte man das Baden im Neckar dann freigeben, meint der Wasserforscher. Der Grund: Bei warmem Wetter arbeiten die Kläranlagen besser, und die starke Sonneneinstrahlung wirkt keimtötend. Nur: Keiner wisse, wann dieser günstige Moment da ist. Würde regelmäßig gemessen, könnte man die Bürger wie an anderen Badeorten mit einem Flaggensystem (rot-gelb-grün) über die guten Badetage informieren.

Kölbel hat abgeschätzt, was verschiedene Verbesserungsstufen des Neckarwassers kosten würden, wenn sie über die Abwassergebühr finanziert würden: zwischen 5 und 50 Cent pro Kubikmeter, je nach gewünschtem Standard. Für die sauberste Lösung würde die Abwassergebühr (derzeit 1,34 Euro pro Kubikmeter) im Schnitt um 20 Euro pro Kopf und Jahr teurer. „Mich interessiert, was es den Leuten wert wäre, ein allgemein verfügbares Umweltgut zu schaffen“, sagt Kölbel.

Er lässt dabei auch die Ansicht gelten, dass ein Fluss wie der Neckar eben eine gewisse Umweltlast tragen muss, als Preis für die Zivilisation. Denn so schön das unbeschwerte Bad im Neckar wäre: „Ein gewisser Luxus ist es schon.“

In der kommenden Woche wird Julian Kölbel auf der Tübinger Neckarbrücke Fragebogen verteilen, um die Bürgermeinung zur Verbesserung der Wasserqualität des Neckars zu testen. Er hofft, dass mindestens 200 Leute den Fragebogen ausfüllen.

Darin präsentiert er zwei Alternativen: Die eine zielt darauf, die Wasserqualität des Neckars und seines Einzugsgebiets bis Plochingen durch Aufrüstung der Kläranlagen so zu verbessern, dass bei anhaltendem Trockenwetter die Badewasser-Kriterien erfüllt werden. Die andere Variante wäre, den Neckar in der Aue zwischen Bühl und dem Hirschauer Stauwehr so aufzuweiten, dass auf zwei Kilometern Länge ein „guter ökologischer Status“ gemäß EU-Richtlinien entsteht.

Beide Varianten wären über eine erhöhte Abwassergebühr zu finanzieren.

Der Fragebogen ist auch im Internet zu finden unter http://www.surveymonkey.com/s/9ZCDZ72

17.07.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 19.07.2010 - 11:50 Uhr
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