Kein Interesse an Stuttgarter Chefsessel
Warum Boris Palmer in Tübingen bleiben will
Dass die Zeitungen in Stuttgart ihn hartnäckig als ersten Bewerber für den dortigen Oberbürgermeister-Posten handeln, schmeichelt Boris Palmer. Damit ist nun genug: Warum er sich für Tübingen entschieden hat, erklärte er jetzt im Gespräch mit dem TAGBLATT.
Eckhard Ströbel
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer jüngst in der Hepper-Halle, vor rotem Vorhang, mit computertechnischen Mitteln in Falten gelegt. Bild: Metz
Tübingen. Boris Palmer begreift es „als Kompliment für meine Amtsführung in Tübingen“, dass manche Stuttgarter ihn schon fürs nächste Stadtoberhaupt halten. Selbstverständlich spielt es in seiner Lebensplanung eine Rolle, dass der dortige OB-Posten als das zweitwichtigste Wahl-Amt im Land gilt; und überm Strich zählt auch, dass der Etat der Landeshauptstadt zwanzigmal größer ist als der Tübinger. Doch die Sache lasse sich „nicht wie eins und eins zusammenzählen“. „Meine Rechnung“, sagt Palmer, „geht anders: Ich plane meine Amtszeit bis 2014 in Tübingen, bis dahin bin ich gewählt.“
Um- und Aufstiegsspekulationen sind nicht neu für Palmer, der als „Hoffnungsträger der Grünen“ gilt. Etwas anderes ist neu: „Die größte Veränderung in meinem Leben ist privater Natur“, sagt Palmer, „wir erwarten im Mai die Geburt unserer Tochter. Deshalb beschäftigt mich und meine Frau Franziska Brantner zur Zeit viel mehr, wie wir die betreuungsintensiven Jahre gestalten.“ Überdies: „2012 wäre eher ein Jahr für die Fortsetzung der Familienplanung als für eine Kandidatur zum Oberbürgermeister.“
Trotzdem, so der Tübinger OB, „wäre es absurd zu sagen, so eine Aufgabe reizt mich generell nicht“. Im konkreten Fall stehen aber neben dem Privaten auch die Lust auf Tübingen und das Bahnprojekt Stuttgart 21 dagegen: „Noch ist offen, ob das wirklich gebaut wird. Aber wenn es kommt, dann wüsste ich nicht, wie ich dort glaubwürdig einen Wahlkampf führen sollte.“
Verglichen damit zeige der Blick in sein Tübinger Wahlprogramm vom Herbst 2006 Erfreulicheres: „Viele Ansagen konnte ich einlösen. Aber für etliche andere Vorhaben brauche ich noch die volle zweite Hälfte der Amtszeit.“
Zuversichtlich ist der OB insbesondere beim Urbanisierungs-Projekt „Innen:Stadt“. Nach dem Baustein Mühlstraße werde in diesem Jahr mit der Umgestaltung des Europaplatzes begonnen – zunächst mit Bereitstellungsplätzen für die TüBusse zwischen südlicher Europastraße und Bahnlinie. Für die Jahre 2011 und folgende hat der Oberbürgermeister dann die Umsetzung der bereits beschlossenen neuen Verkehrsführung ums Zinser-Dreieck, den Neubau eines Technischen Rathauses auf dem Europaplatz, die Randbebauung Wilhelmstraße /nördlich des „Museums“, sowie den Beginn des Campus-Projekts der Uni samt Auflösung des Einbahn-Straßenrings um den Alten Botanischen Garten auf seiner Merkliste. „Das alles“, so glaubt Boris Palmer, „braucht meinen vollen Einsatz bis 2014, das will ich nicht angefangen liegen lassen. Schließlich mag ich auch manches ernten – und nicht nur säen.“
Wenn Boris Palmer auf die Klimaschutz-Kampagne „Tübingen macht blau“ zu sprechen kommt, dann geht sein Blick noch weiter nach vorne. Der fürs Jahresende zugesagte Nachweis, dass die ersten zehn Prozent des Klimakillers CO2 lokal bereits eingespart sind, soll ihn nicht lange aufhalten. „Wir wollen so schnell wie möglich und auf Dauer eine klimaverträgliche Stadt werden. Da bin ich voller Ideen, das lässt sich nicht bis 2014 abarbeiten.“
Die Ebbe in der Gemeindekasse nimmt der Oberbürgermeister nur als zeitweilige Bremse, nicht als unüberwindbares Hindernis wahr. Tübingen müsse sich nachhaltig entwickeln – vom Wohnungsbau über die Gewerbeansiedlung bis zur Kinderbetreuung: „Auch die 150 unter dreijährigen Kinder, die jetzt auf der Warteliste stehen, sollen einen Platz bekommen.“
In Tübingen gewählt, in Stuttgart gehandelt
Boris Palmer, 37, forderte bei der Tübinger OB-Wahl im Oktober 2006 die Amtsinhaberin Brigitte Russ-Scherer heraus und gewann im ersten Wahlgang die mindestens erforderlichen 50 Prozent. Palmers achtjährige Tübinger Amtszeit endet Mitte
Januar 2015. Seit dem Erfolg der Stuttgarter Grünen bei der Kommunalwahl im Juni 2009 wird Palmer als aussichtsreicher
Kandidat für den Stuttgarter OB-Sessel gehandelt. Als Beleg gilt Palmers erster Anlauf aufs Stuttgarter Rathaus: Im Oktober 2004 erreichte er im ersten Wahlgang 21 Prozent, zog dann aber zurück. Titelverteidiger Wolfgang Schuster setzte sich im zweiten Wahlgang durch. Im
Herbst 2012 steht in der Landeshauptstadt die nächste Oberbürgermeisterwahl an.