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Mammut sucht Quartier

Uni braucht standesgemäßen Platz für Eiszeitkunst

Noch bis zum 10. Januar sind Mammut, Venus und Knochenflöte Stars der Stuttgarter Eiszeit-Ausstellung. Dann aber muss Tübingen diesen Schätzen ein Schauquartier bieten, das ihrer einmaligen Bedeutung entspricht. Und wo bitte?

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Ulrike Pfeil
Käme als Wohnsitz von Venus, Mammut und anderen Eiszeit-Kunstwerken wenigstens übergangsweise infrage: Die ehemalige Villa Köstl Käme als Wohnsitz von Venus, Mammut und anderen Eiszeit-Kunstwerken wenigstens übergangsweise infrage: Die ehemalige Villa Köstlin an der Rümelinstraße. Bild: Metz

Tübingen. Großes Aufatmen ging durch Stadt und Universität, als Ministerpräsident Günther Oettinger bei der Eröffnung der Landesausstellung im September erklärte, dass die spektakulären Funde der Eiszeitkunst in Tübingen, am Ort ihrer Ausgräber, auch ihren „zentralen Ausstellungsort“ haben sollen. Abgewehrt die Begehrlichkeiten von Blaubeuren und Niederstotzingen, die sich nun mit zeitweiligen Leihgaben zufrieden geben müssen.

Für Tübingen stellt sich indes um so dringender die Frage, wo die sensationellen Gegenstände angemessen präsentiert werden sollen. Immerhin dürften die vor 30 000 bis 40 000 Jahren von Höhlenbewohnern auf der Alb geschaffenen „ältesten Kunstwerke der Menschheit“ auf dauerhaftes und internationales Publikumsinteresse stoßen.

„Wir sind in Zugzwang“, bestätigt Uni-Rektor Bernd Engler. „Wenn Tübingen die Sachen behalten will, muss schnell etwas passieren“, sagt auch Uni-Museumsleiter Ernst Seidl. Das bestehende Museum Schloss Hohentübingen, wo bisher der kleine Vogelherd-Zoo aus den Grabungen von Gustav Riek in den 1930er Jahren ein eher unterbelichtetes Dasein fristete, erscheint für solche Ausnahme-Attraktionen nicht adäquat.

Zu abgelegen, für Menschen mit körperlichem Handicap indiskutabel, Barrierefreiheit unerfüllbar. „Keine Durchgangssituation, sondern Endpunkt eines beschwerlichen Aufstiegs“, fasst Tübingens Tourismus-Chefin Gabriele Eberle vom Bürger- und Verkehrsverein die Standort-Defizite zusammen.

„In sehr kurzer Zeit“ müsse nun etwas getan werden, bekräftigt Engler. Die Pläne für ein neues Uni-Museum waren bisher eher längerfristig angelegt. Im Rahmen des „Campus der Zukunft“ steht auch das Projekt zentrales „Museum der Universität Tübingen“ (MUT) auf dem Programm. Aber ob es in einem Altbau (etwa dem des Geowissenschaftlichen Instituts an der Hegel- und Sigwartstraße) eingerichtet werden oder einen Neubau gekommen soll, ist noch vollkommen offen. „Wir werden eine vernünftige Interimslösung suchen müssen“, sagt Engler deshalb. Dafür gibt es bereits mehrere Ideen:

Die Villa Köstlin an der Rümelinstraße erscheint derzeit naheliegend als Schau-Herberge für die Eiszeitkunst. Der klassizistische Bau an der Rümelinstraße wurde schon von der früheren Uni-Museumsleiterin Anke te Heesen als Ausstellungs-Schaufenster der Universität favorisiert. Sie hatte ein Konzept mit „Kabinetten“ beispielhafter Exponate im Sinn. Seit kurzem steht die Villa leer, nachdem das Fachsprachenzentrum in die Wilhelmstraße 22 (das frühere Einwohnermeldeamt) umgezogen ist. Der Umbau würde etwa ein Jahr dauern; eine Erweiterungsfläche gäbe es in Richtung Gmelinstraße.

Das Stadtmuseum im Kornhaus wird auch von Uni-Seite „nicht ausgeschlossen“ (Engler). Nachteil: Sein Standort im Zentrum der Altstadt wird sinnlich nicht mit der Universität in Verbindung gebracht.

Für Uni-Museumsleiter Ernst Seidl sind Standort, Umfeld, Sichtbarkeit zentrale Faktoren für den Erfolg des Museums. Die Eiszeit-Preziosen müssten inszeniert werden. „Man muss sie präsentieren wie ein Bulgari-Kollier, anders geht es heute nicht mehr“, sagt Seidl.

Die Paläontologische Sammlung in ihrem derzeitigen Zustand erscheint deshalb zu verstaubt; sie wartet selbst auf ein zeitgemäßes Präsentations-Konzept. Und, so Engler: „Man kann so eine Eiszeit-Figur ja nicht unmittelbar neben einen Dinosaurier stellen.“ Das Elfenbeinmammut ist keine vier Zentimeter groß.

Seidl wiederum hält auch die Villa Köstlin an der Rückseite der Neuen Aula schon für eine ungünstige Abseits-Lage. „Da gehen ja nicht einmal viele Uni-Leute vorbei“, hat er beobachtet. Geschweige denn Touristen. Er findet, dass Gegenstände von solcher Anziehungs- und Identifikationskraft an einer Schnittstelle zwischen Stadt und Uni zu finden sein sollten.

Die Alte Aula kommt da in den Sinn. Das älteste Universitätsgebäude wird im nächsten Jahr fertig saniert und dann auch ein Repräsentationsraum der Uni sein. Direkt neben der Stiftskirche läge der Ort so zentral wie herausgehoben, ein Gebäude, das schon „nach außen ein Zeichen ist“. Ein sehr geeigneter Platz, findet Seidl, um die bedeutendsten Schätze der Universität zu beherbergen. Und daher eigentlich zu schade für eine Institutsbibliothek (der Erziehungswissenschaft, die dort wieder einziehen soll).

Käme denn ein Neubau infrage, wüsste Seidl auch schon einen bevorzugten Standort:

Das Kommödle, jene Zeile von Behelfsbauten vor dem „Museum“ an der Wilhelmstraße, böte nach dem Abriss ausreichend Grundfläche für ein feines und sehr sichtbares Uni-Museum. „Der Bau müsste nicht sehr hoch sein“, sagt Seidl in Erinnerung an die Vorbehalte gegen ein Hotel an dieser Stelle. Er stellt sich dazu eine Museumscafé-Terrasse in den Botanischen Garten vor – und das alles als Kooperationsprojekt zwischen Stadt, Museums(!)gesellschaft und Universität.

Egal wie die bauliche Lösung aussieht, eins ist sicher: Schon bald werden die Eiszeitfiguren als Marketing-Symbole der Attempto-Palme und dem Stocherkahn Konkurrenz machen und auf Tübinger T-Shirts, Tassen und Taschen erscheinen. „Wenn wir das nicht machen würden“, sagt Gabriele Eberle, „wären wir ja blöd.“

11.11.2009 - 08:30 Uhr | geändert: 11.11.2009 - 08:45 Uhr
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