Mit einem „riesigen Besucherandrang“ zur Großen Landesausstellung „Eiszeit – Kunst und Kultur“ rechne Stuttgart, hieß es bei der Pressekonferenz vor der Eröffnung. Schließlich, so Veit Steinle vom Wissenschaftsministerium, seien die jüngsten Tübinger Ausgrabungsfunde „spektakulär, außerordentlich und sensationell“.
Später, bei der offiziellen und festlichen Eröffnung im Neuen Schloss, bezeichnete Ministerpräsident Günther Oettinger die Funde als „aufregend“: „Menschen in der ganzen Welt staunen darüber.“ Viele dieser Menschen werden nach Stuttgart kommen, um das älteste Kunstwerk der Menschheit, das jemals gefunden wurde, zu sehen: die „Venus vom Hohlen Fels“.
Nach der Landesausstellung kommen Venus, Mammut, Flöte & Co. wieder nach Tübingen. Dort sollen sie, so versprach’s der Ministerpräsident, im Museum im Schloss ausgestellt werden. Hin und wieder werden sie verreisen, nach Blaubeuren oder nach Niederstotzingen. Aber erst, wenn dort geeignete Räume für sie geschaffen wurden. Dafür nimmt das Land sogar Geld in die Hand. Schließlich rechnet man auch an den Fundorten mit vielen, vielen Besuchern.
Und Tübingen? Freut sich. Des Oberbürgermeisters Stuhl im Neuen Schloss war noch warm, als bereits seine Pressemitteilung über des Ministerpräsidenten unerwartetes, wenn auch erhofftes Versprechen in die Redaktion flatterte. Von „unschätzbarem Wert“ sei Oettingers Ankündigung, jubelte Palmer. „Tübinger Wissenschaftler haben die Figuren entdeckt – in Tübingen wurden sie erforscht. Deshalb haben die ältesten Figuren hier einen würdigen Ort gefunden, der ihrem Rang und ihrer Bedeutung angemessen ist.“
Haben sie. Das Schloss Hohentübingen ist durchaus würdig. In all seiner Stille. Zwar finden Touristen durchaus den Weg zum Schloss, aber dass dort oben schon bisher das Vogelherd-Pferdchen in seinem Vitrinchen auf Besucher wartet, wissen die meisten nicht. Denn kein Schild in der Stadt, keine Zeile auf der Homepage, kein Bild, kein Schmuckstückchen weisen darauf hin, dass sich im Schloss Hohentübingen ein ganz einzigartiges Stück Kulturgeschichte befindet.
Soll das der „Venus vom Hohlen Fels“ ebenso ergehen? Ihrem Rang und ihrer Bedeutung angemessen wäre das ja wohl kaum. Und der Stadt würde sie in einem unauffälligen Schaukasten im Schloss auch wenig bringen – außer wissenschaftlichem Ruhm.
Wenn Tübingen aber gerne auch nur einen Teil der Besucherströme hätte, die Stuttgart jetzt erwartet, dann muss es sich mit der Venus brüsten. Wenigstens mit einem herausragenden Platz im Museum. Mit Venus-Plakaten und Venus-Wegweisern. Mit Venus-Prospekten und Venussen auf der Homepage. Und vor allem mit einem attraktiven Museum. Zu dem dann auch ein Venus-Café im Schlosshof gehört.