So aufwändig der Umbau der Mühlstraße auch war – für OB Boris Palmer war er nur „der Startschuss für eine städtebauliche Neuordnung“, die jetzt erst so richtig beginnt: Viele kleine und ein paar Großprojekte werden das Stadtbild zwischen Neckar und Schimpfeck in nächster Zeit gründlich verändern.
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Sepp Wais
Darauf haben die Anwohner unten in der Neckargasse lange gewartet: Seit drei Wochen wird die Mauer an der Südkante des Schulbergs für 700 000 Euro saniert. Bild: Metz
Tübingen. Die neue Mühlstraße soll der erste große Baustein im „Innen:Stadt“-Konzept von Palmer werden – das zentrale Schmuckstück in einer Perlenkette vom Foyer an der Blauen Brücke bis zum Kongresshotel an der Brunnenstraße. Anfangs drohte das Projekt in einer Serie von Pleiten, Pech und Pannen zu versacken. Doch nun, da die Ärgernisse des Umbaus vergessen und die meisten Tübinger mit der heller und geräumiger wirkenden Straße versöhnt sind, sieht es so aus, als könnte der große Wurf doch noch gelingen. Jedenfalls dann, wenn sich alles so glücklich zusammenfügt, wie im Rathaus erhofft. In nächster Zeit soll eine stattliche Reihe teilweise stark angejährter Projekte angepackt werden:
Schulberg-Süd: Als weithin sichtbares Zeichen dafür, dass es im Bereich der Mühlstraße noch viel zu tun gibt, ragt derzeit ein Kran über der Neckarfront auf. Er wird von den Bauarbeitern gebraucht, die im Auftrag des Landes die marode Stützmauer an der Südflanke des Schulbergs sanieren. Das 30 Meter lange und fünf Meter hohe Bollwerk über den Gärten der Neckargassen-Anwohner wird für 700 000 Euro ausgebessert, mit flüssigem Kalkmörtel neu verfugt und mit neun Meter langen Betonankern gesichert.
Schulberg-Garten: Der bislang abgesperrte Garten oberhalb der Mauer soll künftig als Auslauf für eine Kindertagesstätte dienen, die das Land im Pfleghof für den Nachwuchs der Justiz-Bediensteten einrichten will. Längerfristig könnte sich Bernd Selbmann, der Chef des staatlichen Bauamts, in dieser „Traumlage mit herrlichem Ausblick“ eine Café-Terrasse vorstellen. Dazu bräuchte er aber das Einverständnis des Tübinger Rats und „einen Investor, der uns das Abtshaus mitsamt dem Garten abkauft.“
Schulberg-Ost: Wie an der Südkante hat der Schulberg auch im Osten sein steinernes Korsett an vielen Stellen gesprengt. Für den größeren Teil dieser Mauern ist ebenfalls das Land zuständig, das 800 000 Euro für deren Reparatur aufbringen muss. Selbmann will diesen Brocken im Etat 2011 unterbringen und noch im gleichen Jahr die Mauern sanieren. Praktische Gründe sprechen dafür, dass parallel dazu auch die städtischen Stützmauern über der Mühlstraße gerichtet werden. Dazu gibt es bereits Absprachen – und im Tübinger Etat auch schon die für den städtischen Part fälligen 500 000 Euro.
Treppe und Fußweg: Das Geld für die Mauern könnte die Stadt zu 60 Prozent mit Zuschüssen finanzieren. Land und Bund zahlen aber nur, wenn der Mauersanierung die Öffnung des bisher unzugänglichen Schulbergs folgt. Damit steigen die Chancen für den umstrittenen Treppenaufgang an der Mühlstraße 3 und den ebenfalls geplanten Fußweg am Schulberg entlang bis knapp vors Schimpfeck (mit einem Abzweig in die Pfleghofstraße). Die Kosten für Treppe und Weg werden auf 900 000 Euro geschätzt, die wiederum zu 60 Prozent auf Land und Bund abzuwälzen wären. Weil eine Treppe allein kaum ausreicht, um die Abriss-Lücke zu füllen, wird jetzt zudem über den Bau eines Kiosks nachgedacht. Im Herbst sollen die Pläne dafür dem Gemeinderat vorgelegt werden.
Pfleghofstraße 4-8: Von dem Fußweg am Schulberg würde auch das Café-Bistro (mit Freiterrasse über der Mühlstraße) profitieren, das der Tübinger Geschäftsmann Otto Mayer im Erdgeschoss des Hauses Pfleghofstraße 4/1 unterbringen will. Wann der Umbau beginnt, steht noch nicht fest, erstmal muss Mayer einen Pächter finden. Den größeren Teil seines Entwicklungsprojekts hat er aber „in trockenen Tüchern“ – genauer gesagt an die WHS Finanzberatung AG verkauft. Wie von Mayer geplant und vom Gemeinderat genehmigt, wird die in Unterjesingen ansässige Firma die ebenerdigen Flächen im (noch zu sanierenden) Altbau Pfleghofstraße 6 und im geplanten Neubau Pfleghofstraße 8 zu einer 400 Quadratmeter großen Filiale einer Biokost-Kette zusammenlegen. In den Etagen darüber werden neun Wohnungen eingerichtet. Mit dem Beginn der Bauarbeiten am fünf Millionen Euro teuren Projekt ist laut WHS-Chef Hartmut Kittel im Sommer zu rechnen.
Germanen-Eck: Eine ähnlich große Handelsfläche peilen die Stadtplaner am Germanen-Eck an. Wie berichtet, sollen die wenig ansehnlichen, aber teuer vermieteten Behelfsbauten am Ende der Garten- und Mühlstraße abgerissen und durch einen markanten vierstöckigen Kopfbau ersetzt werden. Für OB Palmer sind die planerischen Vorarbeiten und die Verhandlungen mit den Grundstückseigentümern inzwischen so weit gediehen, dass er noch heuer eine Grundsatzentscheidung für das Geschäftshaus (mit Wohnungen in den oberen Etagen und neuem Treppenabgang zur Mühlstraße hin) erwartet. Gegenüber soll in Bälde der Vorplatz der Neckarmüllerei aufgewertet und mit einem Steg an die neue Terrasse der stark expandierenden Gartenwirtschaft angebunden werden.
Private Sanierungen: Darüberhinaus werden in nächster Zeit auch noch andere Investoren eine Menge Geld ausgeben, um das Sanierungsgebiet „Östlicher Altstadtrand“ weiter aufzumöbeln. Laut Stadtplaner Uwe Wulfrath haben neun private Hausbesitzer entsprechende Sanierungsvereinbarungen mit der Stadt abgeschlossen – mit der Folge, dass ihre Umbaukosten (wie bei Kulturdenkmälern) steuerlich begünstig werden. Sieben der neun Vertragspartner bekommen zusätzlich städtische Zuschüsse in Höhe von 30 000 bis knapp 100 000 Euro. Das derzeit auffälligste Vorzeigeobjekt im städtischen Förderprogramm ist am oberen Ende der Mühlstraße zu besichtigen: Nach gründlicher Sanierung wird die Bäckerei Gehr mit einer Filiale in das Eckhaus einziehen.