Manche stellen sich ein Winterbild auf den Schreibtisch, andere greifen zum Gartenschlauch. Ventilatoren und Klimageräte sind Mangelware, Mineralwasser wird in Nachtschichten abgefüllt: Die Hitze beherrscht alles.
Anzeige
Mario Beisswenger
Tübingen.. „Zehn Grad kühler wären auch nicht schlecht.“ Wilhelm Thomas Hahn von der gleichnamigen Baufirma spricht aus, was gerade viele denken. Es ist einfach zu heiß. Besonders für seine Mitarbeiter beim Straßenbau. „Die Jungs sind aber einiges gewohnt.“ Sie statten sich mit Sixpacks aus und zwar die mit den großen Mineralwasser-Flaschen und versuchen, der Hitze durch frühen Arbeitsbeginn etwas auszuweichen.
„Wasser“ schreit der Körper bei diesem Wetter, Dieter Baumann lässt es hier in großem Stil per Rasensprenger auf dem SV-Sportplatz über sich rieseln. Bild: Metz
Eine ähnliche Strategie haben die Dachdecker der Firma Peetz. „Wir fangen auf den Baustellen jetzt um sechs Uhr an, wenn die Nachbarn dafür Verständnis haben“, sagt Otto Peetz. Er weiß, dass bei der Hitze auf dem Dach so ab mittags um zwei nicht mehr viel läuft. Die Firma hat jede Menge Sprudel organisiert und die Pausen verlängert. Auf der Baustelle sind breitkrempige Strohhüte angesagt, kurzärmelige Hemden sind verpönt, weil auch der UV-Schutz gegeben sein sollte. Aber jenseits der 30-Grad-Marke gehe die Arbeitsleistung dann halt doch zurück.
Trinken ist das Allerwichtigste bei den Temperaturen, betont der Tübinger Arbeitsmediziner Karl-Heinz Schultheiß. Er empfiehlt, neben Mineralwasser auch mal Apfelsaft oder gleich Obst zu sich nehmen. Schließlich schwitze der Körper viel, um die Körpertemperatur auf 37 Grad zu halten. Die Verdunstungskälte hilft dabei. Deshalb haben auch kalte feuchte Tücher einen guten Effekt, wenn die Raumtemperatur ins Schwer-Erträgliche steigt.
Klimaanlagen sind nahezu ausverkauft
Wer sich nicht an diese Regeln hält, bekommt leicht einen Kreislaufkollaps. Wenigstens steigen gerade die Fallzahlen nach dem Überblick von Lisa Federle, der Kreisvorsitzenden des DRK. Gerade Ältere unterschätzen den Flüssigkeitsbedarf und trinken einfach zu wenig. „Andere überanstrengen sich auch oder sie bleiben schlicht zu lange in der Sonne.“ Erste Hilfe bringt da, die Beine hoch zu lagern und für Abkühlung zu sorgen.
Wer im Gebäudeinnern arbeitet, kann sich wenigstens den direkten Sonnenstrahlen entziehen. Die Klimaanlage – soweit vorhanden – sollten schwitzende Büro- und Produktionsarbeiter aber nicht hochdrehen, sagt Schultheiß. „Den Raum nicht auf amerikanische 18 Grad einstellen, nur etwa vier, fünf Grad unter die Außentemperaturen gehen.“ Diesen Unterschied empfänden Hitzegestresste als angenehm. In kalter Luft zu sitzen, sei dagegen nicht gut. Da droht die Sommererkältung.
Klimaanlagen sind derzeit trotzdem heiß begehrt. In zwei Tübinger Baumärkten sind die Kleingeräte so gut wie ausverkauft und die Lieferanten machen wenig Hoffnung, dass nächste Woche Nachschub kommt. Den gibt es immerhin noch beim Sprudel. Dazu füllen die Beschäftigten bei Romina-Mineralbrunnen im Reutlinger Teilort Rommelsbach gerade sieben Tage die Woche rund um die Uhr Wasser ab. Etwa 600 000 Flaschen am Tag sind normal, zur Zeit sind es 900 000 und mehr, sagt Geschäftsführer Ralph Sander. Er freut sich über die Sonne: „35 Grad, das ist Wasserwetter.“
Schulen haben immerhin die Möglichkeit, hitzefrei zu geben. Dazu griff zumindest die Leitung der Geschwister-Scholl-Schule auf Waldhäuser-Ost diese Woche schon. Dabei steckt Direktorin Cornelia Theune in einem Dilemma. Das Ganztagsangebot geht bis 16 Uhr. Wer von den Schülern also nicht nach Hause kann, wird trotzdem in der Schule betreut. Mit etwas Neid blickt Theune auf Kollegen in alten Schulgebäuden mit schönen dicken, im Sommer die Räume kühler haltenden Mauern. „Die modernen Gebäude mit den luftigen Glaskonstruktionen erweisen sich als Brutofen.“
Das Klima in Bus und Bahn
Den Ärger über überhitzte Züge gibt es nicht nur in den ICEs der Bahn. Ein Leser beschwerte sich über einen Neigetechnikzug, der auf der Fahrt nach Tübingen zur Sauna wurde. Protest gibt es auch bei TüBus-Nutzern. Einer sieht durch mangelnde Klimatisierung die Gesundheit der Tübinger in Gefahr. Tatsächlich ist bei drei Bussen in der Nahverkehrsflotte die Klimaanlage ausgefallen.
Um alle Strecken zu bedienen, nahm der Stadtverkehr drei unklimatisierte Fahrzeug in Betrieb. Aber auch wenn in den zum Teil nur vorne klimatisierten Bussen alles top-funktioniert, „wird die Wirksamkeit der Anlagen durch das Verhalten einiger Fahrgäste auf Null gesetzt“, heißt es in einer Presseerklärung dazu. Ein offenes Seitenfenster lässt die gekühlte Luft wieder entweichen. Außerdem weist die Stadtwerke-Tochter darauf hin, dass eine Busfahrt im Schnitt nur fünf bis zehn Minuten dauert und bei den Stopps zwischendrin die Türen auf- und zugehen.