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Konflikte konstruktiv lösen

Tübinger Friedenspädagoge wirkt an Modellprojekt in und um Winnenden mit

Vor einem Jahr erschoss ein 17-Jähriger in Winnenden und Wendlingen 15 Menschen, bevor er sich tötete. Nach der Frage, wie das geschehen konnte, steht inzwischen im Rems-Murr-Kreis im Mittelpunkt, was getan werden muss, um der alltäglichen Gewalt zu begegnen. Antworten will das Modellprojekt „Lebenslinien“ geben. An ihm ist das Tübinger Institut für Friedenspädagogik beteiligt.

Ute Kaiser
„1000 Bäume für das Leben“ sollen den Angehörigen und Freunden der Opfer des Amoklaufs von ... „1000 Bäume für das Leben“ sollen den Angehörigen und Freunden der Opfer des Amoklaufs von Winnenden „ein wenig Halt und Frieden geben“. So sieht es das Projekt „Lebenslinien“ vor, an dem auch das Tübinger Institut für Friedenspädagogik beteiligt ist. Den ersten Baum, einen Bergahorn, pflanzten die Initiatoren – im Bild eine Baumpatin – vergangenen Freitag in Leutenbach bei Winnenden. Bild: Gugel

Tübingen. Günther Gugel kennt die Wege in den Rems-Murr-Kreis längst in- und auswendig. Manchmal ist der Geschäftsführer des Instituts für Friedenspädagogik einmal in der Woche in einer der Gemeinden rund um Winnenden. Dort wird versucht, das schier unfassbare Geschehen am 11. März vor einem Jahr aufzuarbeiten, aber auch Wege aufzuzeigen, wie ein Konflikt konstruktiv gelöst und gewaltfreies Zusammenleben gestaltet werden kann.

Günther Gugel Günther Gugel

In seinen vielen Gesprächen vor Ort mit denen, die keinen Schlussstrich ziehen wollen, spürt der Diplom-Pädagoge aus Tübingen, dass sie „sensibler miteinander umgehen und aufeinander hören“. Deshalb ist Winnenden für ihn „nicht nur das Synonym für den Amoklauf, sondern auch ein Zeichen dafür, dass man mit einer schrecklichen Tat so umgehen kann, dass so etwas nicht mehr geschieht“. Sinnbild dafür ist das Motiv der „Lebenslinien“. Sie zeigen „die Brüche und Zumutungen“, aber ebenso das „Zusammen- und Weitergehen“.

Seit 32 Jahren setzt sich das Tübinger Institut, das aus einem Verein hervorging, intensiv mit Fragen des friedlichen Zusammenlebens auseinander. Gugel hat diverse Bücher zum Thema veröffentlicht. Sein „Handbuch Gewaltprävention“ ist jüngst in einer Sonderauflage für das „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“ erschienen. Im Mai vergangenen Jahres haben der Kreisjugendring des Rems-Murr-Kreises und die Volkshochschulen der Region beim Institut angefragt, ob es sich am Modellprojekt beteiligen will.

„Wie kann man die Erkenntnisse, die da sind, in der Praxis nutzen?“ Antworten auf diese Frage zu finden, gehört für Gugel zu den faszinierendsten Seiten seines Engagements. „Wir sind Lernende und wollen vorhandenes Wissen in die Praxis einspeisen“, sagt er. An der Gedenkveranstaltung heute Vormittag in Winnenden mit Bundespräsident Horst Köhler wird der Tübinger Diplom-Pädagoge nicht teilnehmen. Vergangenen Freitag dagegen war er in Leutenbach, als der erste Baum und sechs Setzlinge beim Lebenslinien-Projekt „1000 Bäume für das Leben“ in die Erde kamen. Auf roten Papierherzen flattern jetzt Wünsche im eisigen Wind. Dem ersten Baum sollen landes-, bundes-, europa- und womöglich weltweit viele folgen. Die Projekt-Träger wollen auch mit dieser Aktion „etwas Positives schaffen“. Gugel weiß von „rund 20 Orten und Initiativen“, die mitmachen wollen.

Doch das Modellprojekt mit Tübinger Beteiligung will es nicht bei symbolträchtigen Aktionen bewenden lassen. Die Initiatoren möchten viel bewegen und alle möglichen Zielgruppen von Jugendlichen über Jugendleiter, Lehrer, Ausbilder und Eltern bis hin zu kommunalen und regionalen Mandatsträger(inne)n und Amtsinhaber(inne)n erreichen. Das Projekt will im Lauf der Zeit auch konkrete Handlungsansätze für die Politik aufzeigen, wie es in einem Hintergrundpapier heißt.

Ein Signal ist in Schorndorf gesetzt worden. Dort eröffnete am 22. Februar die Ausstellung „Peace Counts – Die Erfolge der Friedensmacher“ mit Bildern der Fotografen Uli Reinhardt, Frieder Blickle und Paul Hahn. Reinhardt führte dort ein Gespräch mit dem früheren nordirischen IRA-Kämpfer Joe Doherty über das Thema „Wie man Frieden macht“. Damit ist die Auseinandersetzung mit der Frage, wie Menschen in unterschiedlichen Situationen mit Gewalt und der Eskalation von Konflikten umgehen, aber längst nicht abgehakt.

23 Schulklassen haben sich für „Friedensmacher“-

Workshops angemeldet. 22 Jugendliche und junge Erwachsene leiten die Seminare – darunter auch zwölf Studierende aus Tübingen, die sich unentgeltlich drei Wochen lang engagieren. Wieso wird ein Mensch Terrorist? Was heißt es, mit Gewalt umzugehen? Und: Warum und wie steigt er wieder aus? Das vielfältige Modellprojekt „Lebenslinien“ will die Auseinandersetzung, so Gugel ausdrücklich, „nicht auf das Thema Amoklauf reduzieren“.

Die Initiatoren haben erst einmal fünf Jahre Zeit, all das umzusetzen, was sie sich vorgenommen haben. In Seminaren für Jugendleiter zu zentralen Themen des Lebens, beispielsweise der Gewaltprävention, werden Materialien eingesetzt, die der Tübinger Friedenspädagoge entwickelt hat. Die erste „Praxisbox“ mit Bildkarten für die Arbeit in Gruppen, einem Begleitheft und einer DVD handelt von der „Streitkultur“. Dabei geht es vor allem darum, wie Konflikte eskalieren und wie sie bearbeitet werden können.

Die zweite von fünf geplanten Praxisboxen trägt den Titel „Werte vermitteln“. Darin fließen auch Ergebnisse einer Studie Gugels ein, die er bereits in seinen Handbüchern über Gewaltprävention für Grund- und Sekundarschulen verarbeitet hat. Sie haben, so Gugel, „große Resonanz gefunden“. In den Werken beschreibt der Autor auch, was eine „gute Schule“ ist und was das mit Werteerziehung zu tun hat. Vergangenen Freitag sprach Gugel vor 20 Vertretern von Bildungseinrichtungen in Winnenden über Grundlagen der Wertevermittlung. Ko-Referentin war Gisela Mayer, Ethik-Lehrerin, Mutter der an der Albertville-Realschule getöteten Referendarin und Autorin des Buchs „Die Kälte darf nicht siegen – Was Menschlichkeit gegen Gewalt bewirken kann“.

Die Empfehlungen des Landtags-Sonderausschusses (siehe auch den Kasten) hält Gugel für „den richtigen Weg“. Allerdings hätte er es vorgezogen, wenn die Gewaltprävention im Sport projekthaft mit Fußball und nicht mit Biathlon verknüpft worden wäre. Außerdem wünscht sich Gugel, dass die Umsetzung des Landes-Aktionsplans ebenso „wissenschaftlich begleitet und ausgewertet wird“ wie das Projekt „Lebenslinien“.

Info

Mehr übers Institut und seinen Beitrag zum „Lebenslinien“-Projekt gibt es unter www.friedenspaedagogik.de

SPD-Abgeordnete Haller-Haid fordert konsequente Waffenkontrollen im Kreis Tübingen

Der Landtag in Stuttgart stimmt heute über mehr als 100 Empfehlungen ab, auf die sich der Sonderausschuss zum Amoklauf von Winnenden und Wendlingen geeinigt hat. Die Tübinger SPD-Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid bedauert, dass sich die Ausschussmehrheit von CDU und FDP „der Waffenlobby gebeugt habe und sich gegen ein Verbot großkalibriger Waffen ausgesprochen hat“, wie sie in einer Pressemitteilung schreibt. Da ihrer Ansicht nach Waffen nichts in Privathand verloren haben, fordert die Sozialdemokratin nun, „die Einhaltung des Waffenrechts konsequent zu kontrollieren“. Die Antwort auf ihre Anfrage an den Landtag zum Waffenbestand im Kreis Tübingen, zur Kontrollpraxis und der personellen und finanziellen Ausstattung, moniert die Abgeordnete, liege noch nicht vor. „Aus Waffenbesitzerkreisen in Tübingen“ will Haller-Haid allerdings wissen, „dass rund die Hälfte der registrierten Waffenbesitzer noch nie kontrolliert worden sei“. Ihren Beifall findet, dass sich der Sonderausschuss auf rund 250 zusätzliche Stellen für Beratungslehrer und Gewaltpräventionsberater und 100 neue Stellen für Schulpsychologen geeinigt hat. Bei der Schulsozialarbeit gelang das nicht. Das bedauert Haller-Haid.

11.03.2010 - 13:30 Uhr | geändert: 11.03.2010 - 18:44 Uhr
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Am Freitag im TAGBLATT

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  • Vergangenen Freitag wurde wurde die Tübingerin Inga Pohlhaus von ihrem Mann getötet: Freunde und Angehörige trauern um die 24-Jährige.
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