Moshi. „Es ist noch schwierig zu sortieren, es waren so viele Eindrücke“, sagte Christopher Blum beim Rückweg von der letzten Station des viertägigen Programms. Gerade hatten der Mitarbeiter im Tübinger Kulturamt und die Delegation mit Massai nahe Moshi den Sonntags-Gottesdienst gefeiert. Ein Chor hatte protestantische deutsche Lieder mit afrikanischem Gesang vermischt. Ein bewegendes Fest von einer Volksgruppe, die in der tansanischen Gesellschaft wenig gilt.
So beeindruckend der Vormittag war, Tübingens Oberbürgermeister sieht hier keinen Ausgangspunkt für eine Kooperation – eine Begegnung auf gleicher Augenhöhe ist im Falle der Massai wie auch bei manch anderer Gruppe schwer möglich. „Wir brauchen Entwicklungskerne, dann könnten andere nachziehen“, sagt Palmer. Einer dieser Kerne könnte das „Kilimanjaro Christian Medical Centre“ (KCMC) sein, das Krankenhaus, das die Delegation am Freitag besuchte. Hier bestehen auch durch das Tübinger Deutsche Institut für Ärztliche Mission bereits Kontakte nach Deutschland. Die Dermatologie kooperiert mit der Tübinger Hautklinik. Tansanische wie deutsche Ärzte und Seelsorger vor Ort nutzten den Besuch der Delegation für einen regen Austausch.
So entstanden erste Ideen. Palmer möchte eine Zusammenarbeit mit der Tübinger Uniklinik anregen. Ein Plan des KCMC ist schon weit gediehen, Klinikmüll und Unrat aus der Stadt zu verbrennen, um Strom zu erzeugen. Hier könnten die Tübinger Stadtwerke unterstützen, meint der OB: „Ich sehe das KCMC als Basis,, auf der man aufbauen kann.“
Für den grünen Oberbürgermeister sind Umwelt-Projekte prädestiniert für eine Kooperation – darin habe ihn nicht zuletzt der Besuch des Arusha-Nationalparks am Samstag mit Giraffen, Flamingos und Büffeln bestärkt. Auch seien die schmelzenden Gletscher des Kilimandscharo ein sichtbares Zeichen, dass man in Deutschland wie Tansania umdenken müsse. Als Beispiel führt Palmer einfache thermische Solaranlagen für Moshi an. Derzeit erhitzen viele mit Strom ihr Wasser. „Vielleicht können wir über Mikrokredite etwas bewegen“, so der OB.
Ausgangspunkt für eine Städtepartnerschaft müsste eine niedrigere Ebene sein – Kooperationen zwischen Gruppen, Initiativen und Institutionen. „Wir müssen jetzt mal in Tübingen das Interesse abklopfen“, sagte Blum. Auf der Verwaltungsebene sieht Palmer noch Schwierigkeiten. Die Systeme sind im Detail verschieden, auch müsse sich zeigen, mit wem aus der Verwaltung man eine effektive Zusammenarbeit aufbauen könnte: „Immerhin gibt es seitens der Politik das Wohlwollen zur Städtepartnerschaft.“
Moshis Bürgermeister hofft auf viele Impulse
Moshis Bürgermeister Lameck Kaaya knüpft Hoffnungen an eine Städtepartnerschaft hinsichtlich der demokratischen Entwicklung in der Metropole. Nach Ende des Ein-Parteien-Systems in Tansania müsse parlamentarisches Handeln gelernt werden: „Wie arbeiten verschiedene Parteien zusammen, wie findet man eine Balance?“ Das sind zentrale Fragen für Kaaya. Auch er sieht das KCMC als einen Kern für eine Städtepartnerschaft. Daneben hofft er auf Impulse in der Bildung – „von der Grundschule bis zur Universität“ – und bei der Gesundheit.
Einen protestantischen Gottesdienst mit Massai feierte die Tübinger Delegation (rechts erste Reihe und stehend) am Sonntag in der Nähe von Moshi. Bild: Ziehe
Zögernd antwortet er auf die Frage, was Moshi Tübingen bieten kann. Da müsse man erst den Gegenbesuch der Delegation aus Moshi nach den Wahlen im Herbst abwarten. „Es ist noch schwer zu sehen, wo wir weiter sind.“ Wenn Kaaya wiedergewählt wird, will er beim Besuch am Neckar dabei sein.
Palmer und Blum sehen auf jeden Fall einen Bereich, in dem Tübingen etwas von Moshi lernen kann. „Die Menschen nehmen hier ihr Schicksal in die Hand“, sagt Palmer. „Mich beeindruckt, mit wie wenig man etwas erreichen kann.“ Nun gelte es, dem Gemeinderat zu berichten, weitere Schritte zu überlegen und stabile Kontakte aufzubauen.
„Wir kommen mit keinen fertigen Antworten zurück“, betonte der OB. Klar ist: Beide Seiten müssten profitieren, es könne keine herkömmliche Entwicklungshilfe geben, sagte Palmer. Das sähen gerade jüngere Tansanier ähnlich. Blum rät dazu, nichts zu überstürzen: Hamburg und Dar es Salaam hätten sich sieben Jahre Zeit genommen, bis sie offiziell eine Städtepartnerschaft besiegelten. Das müsse in diesem Fall nicht so lange dauern, aber es brauche Zeit zum Wachsen. „Pole pole“, sagt Blum – aus dem Kisuaheli übersetzt bedeutet das soviel wie: „Nur mit der Ruhe.“