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Zwei neue Mühlenviertel

Tübingen wächst: 500 neue Wohnungen genehmigt

„Die Abwanderung ins Umland ist gestoppt. Tübingen wächst, und das ohne Landschaftszerstörung.“ Mit diesem Fazit legte OB Boris Palmer gestern seine erste Bilanz zur Innenentwicklung vor. Vorrangiges Ziel dabei ist die Schaffung von zusätzlichem Wohnraum. Und da, so Palmer, „sind wir so erfolgreich, wie es uns kaum jemand zugetraut hat“.

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Sepp Wais
Am kommenden Montag im Planungsausschuss – eine der vielen Bauflächen, die im Tübinger ... Am kommenden Montag im Planungsausschuss – eine der vielen Bauflächen, die im Tübinger Stadtgebiet aktiviert werden: Auf dem Gärtnereigelände an der Pfrondorfer Straße in Lustnau sollen die Gewächshäuser abgerissen und durch vier Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 16 Wohneinheiten ersetzt werden. Bild: Faden

Tübingen. Auch ohne Neubaugebiet auf der grünen Wiese erlebt Tübingen derzeit einen regelrechten Bauboom. Abzulesen ist der unter anderem an den Sitzungsunterlagen für den Planungsausschuss, der im Zweifelsfall sein Einvernehmen für größere Projekte erteilen muss. Allein im Schleifmühleweg genehmigte der Ausschuss zuletzt mehrere Appartementhäuser für 70 Studenten, neun Sozialwohnungen und drei weitere Gebäude mit 40 Wohneinheiten. In der nächsten Sitzung am Montag geht es unter anderem um 22 neue Wohnungen in Lustnau und um den Bebauungsplan für 110 Wohnungen in der Hundskapfklinge.

Die dynamische Entwicklung ist laut Palmer das verdiente Ergebnis mehrjähriger Bemühungen um die Ausschöpfung innerstädtischer Baumöglichkeiten. In diesem Zusammenhang erinnerte Baubürgermeisterin Ulla Schreiber an die Einführung des Baulückenkatasters vor drei Jahren: „Da haben wir 700 Grundbesitzer angeschrieben, um an ungenutzte Bauflächen ranzukommen. So ist es uns bis heute immerhin gelungen, 49 Baulücken mit 130 Wohneinheiten zu füllen.“

Insgesamt hat das Baurechtsamt im Jahr 2009 Genehmigungen für 500 neue Wohnungen erteilt, doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Dank dieser Freigaben wächst Tübingen – verteilt übers ganze Stadtgebiet – um zwei Mühlenviertel. Und das, ohne ein weiteres großes Fass wie demnächst auf dem einstigen Egeria-Areal aufzumachen. Palmer dazu: „Wir setzen konsequent um, was andernorts nur proklamiert wird – bei uns kommt innen vor außen.“ Dieser Grundsatz schließt für ihn neue Baugebiete im Grünen aus: „Beides geht nicht gleichzeitig, weil das Bauen im Außenbereich immer schneller, einfacher und billiger ist.“

Dass nun per Nachverdichtung „alles zubetoniert wird in der Stadt“, ist laut Palmer nicht zu befürchten: „Wir wollen gerade nicht, dass alles zugebaut wird. Begehrlichkeiten, die sich auf unsere Grünzonen richten, weisen wir in großer Zahl zurück.“ Wer dennoch meine, die Innenentwicklung stoße auf zunehmenden Widerstand, der täusche sich: „Da wird aus wenigen konfliktbehafteten Projekten wie am Bärenspitz auf alle geschlossen.“ Tatsächlich, so fügte Schreiber hinzu, gelinge es der Bauverwaltung in den meisten Fällen, „mit viel Fingerspitzengefühl und planerischem Geschick die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen“.

Nach Ansicht von Werner Hermann, dem Chef des Baurechtsamtes, wird sich der positive Trend fortsetzen: „Die Zahl der Anträge für den Wohnungsbau bleibt konstant auf hohem Niveau – auch 2010 wird wieder ein Mühlenviertel im Bestand entstehen.“ Im Jahr 2011, wenn die Bauarbeiten in der Alten Weberei (Egeria) beginnen und die neuen Häuser in der Hundskapfklinge auf den Markt kommen, rechnet Hermann sogar mit einer deutlichen Steigerung bei den Bauanträgen.

Dem grünen Rathaus-Chef ist das nur recht: „Wir haben weiterhin einen großen Bedarf in Tübingen.“ Zum einen, weil die Zahl der Arbeitsplätze insbesondere an Uni und Klinikum zunehme, und zum anderen, weil Tübingen immer noch einen Einpendler-Überschuss von gut 12 000 Berufstätigen habe. Palmers Prognose: „Der Trend geht wieder zum Wohnen und Arbeiten in der Stadt, deshalb wird Tübingen als attraktiver Wohnort in den kommenden Jahren deutlich wachsen.“

Tübingen überholt Ludwigsburg in der Einwohnerstatistik

Spitze im Land: Dank der konsequenten Nutzung innerstädtischer Wohnbauflächen hat Tübingen laut OB Boris Palmer im Landesvergleich eine Spitzenstellung erobert: „Wir sind die Stadt in Baden-Württemberg, die am stärksten wächst – und das ausschließlich nach innen!“

In den letzten drei Jahren hat Tübingen um rund 4000 Einwohner zugelegt. Der der größte Teil davon ist auf die Ummeldungen nach Einführung der Zweitwohnungssteuer zurückzuführen. Der Ausweitung des Wohnraum-Angebots ist dagegen nur ein Plus von 500 bis 1000 Leuten zu verdanken. Das ändert für Palmer nichts an dem erfreulichen Umstand, dass Tübingen mit nunmehr knapp 88 000 Einwohnern Ludwigsburg überholt hat und auf den elften Platz in der Rangliste der größten Städte

im Südwesten vorgerückt ist. Um bei diesem Massenranking in die Top Ten vorzustoßen, müsste Tübingen auch noch Esslingen aus dem Feld schlagen. Dazu wären weitere 3000 Einwohner nötig – für Boris Palmer eine in den nächsten Jahren durchaus lösbare Aufgabe.

21.03.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 22.03.2010 - 17:25 Uhr
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