Mitten in der Krise, die den Walter-Umsatz um ein Drittel hat einbrechen lassen, geht der Tübinger Hartmetallwerkzeug-Hersteller auf Einkaufstour. Seit ein paar Tagen ist die US-Firma Valenite mit ihren 350 Mitarbeitern eine Tochter der Walter AG.
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Volker Rekittke
Tübingen. Erst vor knapp drei Wochen hatte Walter-Chef Peter Witteczek bekannt gegeben, dass der Unternehmensumsatz 2009 wohl um knapp 200 Millionen Euro einbrechen wird. Das noch vor einem Jahr – kurz vor Ausbruch der Wirtschaftskrise – ausgegebene Ziel, beim Umsatz bis 2010 über die Milliardengrenze zu springen, werde man nun frühestens 2013 erreichen, sagte Witteczek gestern.
Aus den Augen verlieren will Witteczek das Milliarden-Ziel aber nicht: „Wir halten an dieser Strategie felsenfest.“ Doch alleine mit „organischem Wachstum“ innerhalb des Konzerns sei das nicht zu schaffen. Weshalb Walter jetzt Valenite vom Mutterkonzern Sandvik übernommen hat. Den Kaufpreis wollte Witteczek nicht verraten. Auch beim Umsatz des US-Unternehmens hielt er sich bedeckt.
Klar ist aber, dass der Hartmetallwerkzeug-Produzent mit Sitz bei Detroit im US-Bundesstaat Michigan auch nach dem Kauf durch die Tübinger unter dem Dach der schwedischen Sandvik-Gruppe bleiben wird – wenn auch als Walter-Tochter. Zum Sandvik-Konzern gehörte Valenite, wie seit 2001 auch die Walter AG, bislang als eigenständiges Unternehmen. Mit 350 Mitarbeitern ist Valenite in Nord- und Mittelamerika einer der größten Produzenten von Schneidwerkzeugen besonders für die Automobilindustrie, aber zunehmend auch für Medizintechnik, Windenergie, Luft- und Raumfahrt.
Derzeit werden fast drei Viertel aller Walter-Produkte in Europa, aber nur acht Prozent in den Vereinigten Staaten verkauft. Zusammen mit Valenite peilt Walter in den USA künftig 17 Prozent an. Ob alle Arbeitsplätze am Detroiter Standort erhalten bleiben, ist indes noch nicht klar.
„Ich gehe davon aus, dass Valenite nicht der letzte Zukauf ist“, sagte Witteczek. Und wo schlägt der Tiger als nächstes zu? Wird noch nicht verraten, nur so viel: „Möglicherweise in Asien.“
Was aber gestern verraten wurde, war der Name von Witteczeks neuem Stellvertreter im Walter-Vorstand: Andreas Evertz, 40, von 2002 bis 2007 Geschäftsführer bei Flender in Kilchberg (mittlerweile: Siemens Geared Motors). 2008 kam er zur Walter AG. Im Vorstand ist er für Forschung und Entwicklung, Logistik und Produktion zuständig.
Und dann ist da noch das neueste Hartmetall-Werkzeug aus dem viele tausend Produkte umfassenden Walter-Katalog: Eine Wendeplatte mit dem dynamischen Namen „Silber Tiger“ (siehe Bild). Das Fräswerkzeug ist dank eines neuen chemischen Beschichtungsverfahrens „härter und zäher zugleich“, versprach Jürgen Daub, bei Walter Bereichsleiter für Forschung und Entwicklung. Geeignet für Stahl, Titan oder auch Gusseisen, soll der glänzende Fräs-Tiger beim Automobil-, Flugzeug- oder Energieanlagenbau helfen, Kosten zu sparen. Und damit auch die Walter AG dabei unterstützen, die Milliarde beim Umsatz in den kommenden Jahren zu erreichen.
Doch das dürfte nicht leicht werden. Die Krise wird die Maschinenbau-Branche, für die Walter seine Werkzeuge herstellt, noch eine Weile fest im Griff behalten. Witteczek: „Wir erwarten nicht, das es auf dem Markt schnell aufwärts geht.“
Kurzarbeit bei Walter wird wohl verlängert
2008 lag der Walter-Umsatz noch bei rund 580 Millionen Euro. In diesem Jahr werden es 30 bis 35 Prozent weniger sein. Der Konzern hat sich für 2009 zum Ziel gesetzt, 80 Millionen Euro bei allen 40 Tochter-Firmen weltweit einzusparen. Bereits seit Mai arbeiten die insgesamt tausend Beschäftigten im Tübinger und Münsinger Werk kurz – zunächst bis Ende Oktober. „Wenn sich am Markt nichts ändert, werden wir die Kurzarbeit wohl verlängern“, sagte Walter-Chef Peter Witteczek gestern. Außerdem wurde mit dem Betriebsrat und der IG Metall vereinbart, die 2,1 Prozent tarifliche Lohnerhöhung nicht im November, sondern erst Ende 2010 zu zahlen. Schließlich wurden bei Walter in den vergangenen Monaten 100 Zeitverträge nicht verlängert. Witteczek betonte zugleich, dass betriebsbedingte Kündigungen derzeit kein Thema seien.