Einen schönen Morgen für eine Tübinger Stadtführung bot der vergangene Dienstag. Die Sonne, die zwischen den Wolken hindurchblickte, genoss sicherlich jeder, der sich in der Tübinger Altstadt aufhielt. Die wenigsten jedoch können sich an solchen Kleinigkeiten auf die gleiche Weise erfreuen wie Irmtraud Sieland. „Das Wetter ist so schön – welch ein Glück, dass es nicht regnet“, kommuniziert sie schriftlich.
Die 47-jährige Thüringerin hat das Usher Syndrom, was bedeutet, dass sie gehörlos und stark seheingeschränkt ist. Die Tübingen-Führung erlebt sie durch den Tunnelblick.
Schreiben in die Handinnenfläche des Zuhörers: Bei der Stadtführung für Taubblinde in der Stiftskirche wurde auf ungewöhnliche Weise kommuniziert.Bild: Metz
Über 130 Menschen, darunter Betroffene, Assistenten und Dolmetscher aus 15 verschiedenen Ländern, treffen sich in dieser Woche – vom 2. bis 8. August – in Tübingen zur zwölften Europäischen Rehabilitations- und Kulturwoche Taubblinder (ERCW).
Die Veranstaltung soll es Menschen mit Hörsehbehinderung ermöglichen, Kontakte zu knüpfen und Neues zu lernen. Organisiert wird die ERCW – dieses Jahr zum ersten Mal in Deutschland – vom Taubblindenverein Baden-Württemberg und der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Das Programm, das Zusammengehörigkeit und Selbstbewusstsein Taubblinder stärken soll, existiert seit 1997.
Je nach Grad ihrer Seheinschränkung haben die Taubblinden einen Assistenten oder Dolmetscher bei sich. Sie kommunizieren in taktiler Gebärdensprache oder Lormen. Beide Gesprächsformen funktionieren über das Tasten – für die taktile Gebärdensprache fassen sich die Gesprächspartner bei den Händen, die sie in einer bestimmten Abfolge bewegen. In der Lormen-Sprache „schreibt“ der Sprechende in die Handfläche seines Zuhörers.
Irmtraud Sieland interessiert sich für die Gebärdensprachen anderer Länder. Finnische, Norwegische, Schwedische, Belgische, Russische und andere Symbole seien teilweise den Deutschen ähnlich – zum Teil aber komplett verschieden. Selbst die Gebärden deutscher Bundesländer würden sich unterscheiden, so Sieland. Der Austausch mit Betroffenen anderer Nationen verhelfe ihr zu neuen Anstößen und Ideen.
Eine Stadtführung der besonderen Art: Zum einen darf das „Führen“ in den meisten Fällen wörtlich genommen werden. „Besichtigt“ wird dagegen mit allen Sinnen – außer dem tatsächlichen Sehsinn. Ertasten und riechen können die ERCW-Teilnehmer Blumenkästen und Fachwerkhäuser. Im alten Botanischen Garten bemerkt Irmtraud Sieland die frische Luft im Gegensatz zur Innenstadt. Ob uns, die wir stets Augen- und Ohr-fixiert sind, das aufgefallen wäre?