Erfinder am Küchentisch
Susann und Julien Hartung entwickelten einen Spätzle-Shaker
Wie wird aus einer Idee eine Erfindung? Der Weg führte Susann Hartung und ihren Sohn Julien vom Küchentisch über den Drogeriemarkt zum Modellbauer und zur Innovationsberatung. Alles nur, weil Julien gerne Kässpätzle isst.
Angelika Bachmann
Schütteln, quetschen, essen: Susann und Julien Hartung mit dem von ihnen erfundenen Spätzle-Shaker. Bild: Metz
Tübingen. Kässpätzle. Nicht schon wieder! Dass ihr Sohn ausgerechnet dieses Gericht im Wochenrhythmus hartnäckig einforderte, war Susann Hartung allmählich lästig. Es ist ja eigentlich kein Hexenwerk. Doch wer keine Spätzle schaben kann und trotzdem den Ehrgeiz hat, sie selber zu machen, steht am Ende vor einem elenden Berg aus teigverklebtem Geschirr und schabt die Spätzle-Presse aus.
Das muss sich irgendwie anders lösen lassen, dachte Susann Hartung. Zusammen mit ihrem zwölfjährigen Sohn entwickelte die Journalistin die Idee eines Spätzle-Shakers: Die Zutaten kommen in einen Behälter und werden ordentlich geschüttelt – wie ein Cocktail. Anschließend quetscht man den Teig durch Löcher im Deckel direkt in den Topf. Die Schütteldose kommt in die Spülmaschine. Fertig.
Soweit die Idee. Doch funktioniert sie auch? Im Supermarkt fanden die Hartungs eine Dose, die ihnen als Versuchsobjekt geeignet erschien. Die darin enthaltenen gerösteten Erdnüsse waren in diesem Fall Nebensache. Entscheidend dagegen war, dass das Plastik flexibel und doch stabil war, so dass man die Dose drücken und quetschen konnte. In den Deckel bohrten sie einen Kranz aus 8 Millimeter-Löchern. In Juliens Zimmer fand sich das letzte Element für den Prototyp: eine Murmel. Sie sorgt dafür, dass Mehl, Wasser, Ei und Salz beim Schütteln durchwirbelt werden.
Mit zwei Kugeln wird der Teig fluffig
Das erste Probekochen war ein Erfolg: „Es hat wunderbar funktioniert“, erinnert sich Susann Hartung. Seither experimentieren die beiden. Am besten, meinen sie, gelingt der Teig, wenn man ihn aus einer Mischung aus Spätzle-Mehl und normalem Mehl zubereitet. Nimmt man zwei Kugeln zum Schütteln, werden Teig und Spätzle ziemlich fluffig. Man braucht weniger Mehl als mit der Spätzle-Presse. Nimmt man eine Kugel, werden die Knöpfle etwas fester, dafür trainiert man beim Schütteln ordentlich die Oberarmmuskulatur.
Die Tübingerin stammt aus einer schwäbischen Tüftlerfamilie. Ihre Eltern betrieben in Fluorn im Schwarzwald eine Textil-Firma. „Sie stellten jedes Jahr eine Kollektion zusammen.“ Kreativität, sagt Hartung, ist auch eine Form von Erfindungsgabe. Julien Hartung wiederum hat im Sommer beim Artur-Fischer-Erfinderwettbewerb mit von ihm konstruierten Magnet-Bausteinen einen dritten Platz erreicht.
Auf der Erfindermesse Iena in Nürnberg kam der Spätzle-Shaker vergangenes Jahr gut an. Hartung entschloss sich deshalb, das Verfahren voranzutreiben. Im Ländle werden Erfinder wirklich sehr gut gefördert, so Hartungs Erfahrung. Eine hervorragende Einrichtung sei das Patentinformationszentrum im Stuttgarter Haus der Wirtschaft, das sie jedem Tüftler empfehlen kann. Dort erfährt man auch, ob die eigene Idee tatsächlich neu ist. Die Mitarbeiter unterliegen zudem der Schweigepflicht, fügt Hartung schmunzelnd hinzu. Man laufe also keine Gefahr, dass die Idee geklaut werde. Sehr hilfreich fand sie auch die kostenlose Beratung durch einen Patentanwalt. Beim Land kann man zudem Fördergutscheine von bis zu 7500 Euro erhalten. Mit ihnen soll die Produktentwicklung angeschoben werden.
Praktisch auch, wenn man wie Susanne Hartung einen Cousin hat, der professioneller Modellbauer ist, und der einen in die Tücken der Produktionsplanung einführen kann. Von ihm lernte sie: Plastikteile industriell herzustellen, ist gar nicht so billig. Eine Spritzgussform kostet 20 000 Euro. Viel Geld für eine Privatfrau.
Innovationsgutschein für die Prototypen
Deshalb machte sich Hartung im Supermarkt auf die Suche nach einer Plastik-Trinkflasche mit Schraubverschluss, deren Körper sich ideal als Unterbau für ihren Spätzle-Shaker eignen würde. Kurzerhand nahm sie Kontakt zu der Hersteller-Firma auf und holte sich diese als Partner ins Boot. Der Vorteil: Hartung spart die Investitionskosten für eine Spritzguss-Form.
Zwei Jahre sind vergangen, seit die Idee am Küchentisch ausgetüftelt wurde. Mittlerweile ist das Gebrauchsmuster geschützt, der Patentantrag läuft. Im Hause Hartung stapeln sich die Kisten: Finanziert durch die Innovationsgutscheine hat Hartung 250 Prototypen gestalten und produzieren lassen. Diese sollen jetzt getestet werden, um das Produkt zur Marktreife zu entwickeln. Schon jetzt hat sie zwei Optimierungsmöglichkeiten gefunden. Eine Erfindung ist eben nie perfekt.
Test-Kocher gesucht
250 Spätzle-Shaker warten darauf, getestet zu werden. Susann Hartung verteilt diese Prototypen am Dienstag, 5. Januar, von 15 bis 17 Uhr im TAGBLATT-Eck. Wer sich dafür interessiert, erhält den Shaker kostenlos, sollte dafür aber Erfahrungen und Verbesserungsvorschläge an Hartung rückmelden.