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Rückzug von der Nordsee

Südweststrom kauft Windräder in Mecklenburg

Die Tübinger Südweststrom hat für gut 50 Millionen Euro einen Windpark in Mecklenburg gekauft. Mit ihren Großprojekten hat die Firma jedoch kein Glück. Nach dem Aus für das geplante Kohlekraftwerk in Brunsbüttel ist dem Südweststrom-Verbund nun auch der Windpark Bard in der Nordsee abhanden gekommen.

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Sepp Wais

Tübingen. Der seit einigen Tagen absehbare Rückzug von der Nordsee war dem Südweststrom-Verbund gestern keine Pressemitteilung wert. Gemeldet wurde stattdessen ein weiterer Erfolg der bei den Tübinger Stadtwerken ansässigen Firma, obgleich sich der angesichts der gescheiterten Milliardenprojekte ziemlich bescheiden ausnimmt: Die Südweststrom hat im September einen weiteren Ableger gegründet, der in Mecklenburg einen Windpark mit 13 Windrädern übernehmen wird.

Der Südweststrom-Windpark in Suckow: Im Juli war erster Spatenstich, demnächst soll das erste ... Der Südweststrom-Windpark in Suckow: Im Juli war erster Spatenstich, demnächst soll das erste Windrad anlaufen und bis März soll alles fertig sein. Bild: Südweststrom

Der Windpark wird bei der Gemeinde Suckow etwa 150 Kilometer nordwestlich von Berlin errichtet – und zwar von der Loscon Engineering GmbH, einem Projektentwickler aus dem brandenburgischen Beeskow. Die ersten der auf 2,5 Megawatt ausgelegten Windräder mit einer Nabenhöhe und einem Rotordurchmesser von jeweils 100 Metern sollen bereits Ende 2012 fertig sein. Wenn der Windpark – wie geplant – im Frühjahr 2013 voll in Betrieb geht, kann er mit dem prognostizierten Jahresertrag von 64 Millionen Kilowattstunden etwa 16 000 Haushalte mit Strom versorgen.

Betrieben wird der Park von der Südweststrom-Tochter mit dem Namen Windpark Suckow GmbH & Co. KG. Ihr gehören 13 Stadtwerke, eine Bürgergenossenschaft und sechs private Investoren an. Dabei handelt es sich laut Südweststrom-Chefin Bettina Morlok um kleinere Betriebe, die allein kaum in der Lage wären, in die Stromerzeugung einzusteigen: „Die meisten guten Projekte sind zu groß für einzelne Stadtwerke – oder sie werden so schnell verkauft, dass Stadtwerke bei diesem Tempo nicht mitziehen können.“

Deshalb ging der Südweststrom-Verbund in Suckow in Vorleistung. Er sicherte sich den gesamten Windpark, um ihn dann – nach dem Plazet der Aufsichts- und Gemeinderäte – in kleinen Portionen an kommunale Investoren weiterzureichen. Die Tübinger Stadtwerke haben sich nicht beteiligt. Aus zwei Gründen, wie OB Boris Palmer als Aufsichtsratsvorsitzender des Versorgungsbetriebs gestern erklärte: zum einen, weil das Stadtwerke-Budget für Windkraft mit der Beteiligung am Nordsee-Projekt Bard bereits ausgebucht ist; und zum anderen, weil die Stadtwerke, jetzt, da mit der grün-roten Regierung ein neuer Wind herrsche, vorrangig im Ländle investieren wollen.

Pilotprojekt auf hoher See war allzu ehrgeizig

Bettina Morlok plagen derweil ganz andere Sorgen. Nachdem sie bereits im Sommer den Gesellschaftern der Südweststrom Kraftwerk GmbH eingestehen musste, dass aus dem 3,2 Milliarden teuren Kohlekraftwerk in Brunsbüttel nun definitiv nichts mehr wird (wir berichteten), muss sie nun auch ihre zweite Großbaustelle räumen: Am 20. November wird die Südweststrom-Chefin bei der Gesellschafterversammlung der Südweststrom Windpark GmbH den Antrag stellen, ebendiese Gesellschaft aufzulösen. So hat es deren Aufsichtsrat mit OB Palmer an der Spitze in seiner jüngsten Sitzung beschlossen.

Der Grund für den zweiten Rückzug: Morlok und Palmer sehen aktuell keine Chance mehr, zu halbwegs akzeptablen Konditionen an den Offshore-Windpark Bard I ranzukommen. Schon deshalb, weil die italienische UniCredit-Group, die das Projekt komplett übernommen hat, den halb fertigen Windpark laut Morlok derzeit gar nicht aus der Hand gibt: „Die wollen das Vorhaben jetzt bis Anfang 2014 fertigstellen und erst danach wieder zum Kauf anbieten.“

Wenn es dann so weit ist, will sich Morlok das ehrgeizige Pilotprojekt „gern wieder anschauen“. Für die an der Windpark GmbH beteiligten Stadtwerke macht es ihrer Ansicht nach aber keinen Sinn, solange zu warten: „Die haben viel Eigenkapital für Bard I geparkt, das Geld soll jetzt für andere Zwecke frei werden.“ Auch deshalb, weil im Südweststrom-Verbund kaum noch jemand an den Windpark 90 Kilometer nordwestlich von Borkum glaubt.

Das Pilotprojekt auf hoher See erwies sich als weitaus schwieriger und langwieriger als erhofft. Entsprechend hat sich das angepeilte Investitionsvolumen von 1,6 längst auf über zwei Milliarden Euro erhöht. Bei einem solchen Einstiegspreis ist mit der 400 Megawatt-Anlage kein gutes Geschäft mehr zu erwarten. So sieht es wohl auch Palmer, der es gestern aber vermied, „den Beschlüssen der Gesellschafter mit öffentlichen Erklärungen vorzugreifen“.

Dem Südweststrom-Verbund gehören derzeit
56 Stadtwerke an, die auf verschiedensten Feldern der Energieversorgung kooperieren und mit vereinten Kräften ihre Position am Markt ausbauen wollen. Das 1999 gegründete Gemeinschaftsprojekt hat im Geschäftsjahr 2011 etwa 12,5 Milliarden Kilowattstunden Strom (genug für 4,5 Millionen Haushalte) und 11 Milliarden Kilowattstunden Gas (für 1,1 Millionen Haushalte) verkauft und dabei einen Umsatz von 782 Millionen Euro erzielt. Dank der guten Geschäfte hat sich das mittlerweile 68 Mitarbeiter starke Unternehmen zu einem der größten Gewerbesteuerzahler in Tübingen entwickelt. Weniger erfolgreich war der Südweststrom-Verbund bisher bei seinen Bemühungen, mit weiteren Kooperationspartnern in großem Stil in die Stromproduktion einzusteigen.


06.11.2012 - 23:30 Uhr | geändert: 07.11.2012 - 07:44 Uhr

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