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Gewalt, die belohnt wird

Sucht-Experte will höheres Mindestalter für Egoshooter

Gewaltförmige Computerspiele wie die so genannten Egoshooter steigern die Aggressivität der Spieler. Sie bestätigen damit Erkenntnisse der Verhaltenspsychologie.

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Ulrike Pfeil
Artikelbild: Sucht-Experte will höheres Mindestalter für Egoshooter Mit der Waffe gegen Menschen: das Computerspiel "Sudden Strike".

Tübingen. Für den Tübinger Psychologen und Suchtexperten Peter Peukert ist die Wirkung von Computerspielen wie „Counter Strike“ auf die Gewaltbereitschaft der Spieler wissenschaftlich gut belegt: In einer Studium-Generale-Vorlesung im Kupferbau der Universität zitierte Peukert am Mittwoch die Ergebnisse der bisher umfassendsten, brandneuen amerikanischen Studie dazu: Die Aggression der Spieler wird vermehrt; je blutiger das Spiel, desto stärker. Diese Wirkung entspricht der Lerntheorie, denn in Egoshooter-Spielen wird „Gewalt belohnt“.

Ein Werbe-Video für „Counter Strike“ verdeutlichte den Mechanismus: Der Spieler in der Rolle eines bewaffneten Terroristenjägers wird beim Durchsuchen unbekannter Gebäude und Straßenzüge immer wieder mit Gegnern konfrontiert, die er taktisch ausschalten muss. Die virtuellen Figuren sind ent-individualisiert, die Waffen jedoch sehr realitätsnah. Bei den schnellen Gefechten spritzt jede Menge Blut an die Wände. Wer sich „gut“ schlägt, bekommt Geld für neue Waffenkäufe und steigt in der Spiel-Hierarchie auf höhere Ebenen („Levels“).

Das nach Ansicht des Psychologen „relativ simple“ Spiel hat im Genre der Egoshooter mit einigen Millionen verkauften Exemplaren weltweit (nicht gerechnet die Verbreitung über das Internet) den weitaus höchsten Marktanteil. Die wirtschaftliche Bedeutung der „Unterhaltungsbranche“ Computerspiel verdeutlichte Peukert mit Umsatzzahlen: Schon 2007 lagen sie bei 17,9 Milliarden US-Dollar; inzwischen übertreffen sie die amerikanische Filmindustrie.

Die verhaltenspsychologische Vermutung, dass Egoshooter nicht nur die Aggression steigern, sondern auch soziale Eigenschaften wie Empathie (Einfühlungsvermögen) und soziales Verhalten vermindern, ist auch experimentell nachgewiesen: durch Vergleichsstudien an Spielern und Nicht-Spielern, aber auch durch neurobiologische Untersuchungen der Gehirnaktivitäten beim Spiel. Ob das Blut im Spiel rot oder grün gefärbt ist, mache für die Wirkung keinen Unterschied, sagte Peukert. Die Aggression wird jedoch durch Konkurrenz noch gesteigert; in kooperativen Situationen (etwa bei so genannten Lan-Parties) ist der Effekt weniger stark.

Unklar blieb in dem Vortrag, worin der besondere Reiz oder „Thrill“ von Counter Strike besteht, das selbst von aktiven Spielern (etwa 50 der rund 200 Zuhörer bekannten sich dazu) als auf die Dauer eher langweilig bezeichnet wurde. Manche Spieler gehen so weit, die Grenzen zwischen Spiel und Realität zu verwischen, indem sie selbst realitätsnahe Szenarien entwerfen, die im Internet ausgetauscht werden: Im so genannten Mapping lassen sich etwa konkrete Schulgebäude wiedererkennen.

Vor allem nach den Amokläufen von Erfurt und Emsdetten, deren Täter Egoshooter gespielt hatten, wurde ein Verbot der Spiele für Minderjährige gefordert. Peukert unterstützt auch aus seiner Erfahrung aus der Suchtambulanz diese Forderung. Jugendliche unter 18 sollten seiner Ansicht nach von den Gewalt-Spielen ferngehalten werden. Bisher gibt es nur ein gesetzliches Verkaufsverbot an Jugendliche.

Bei Verdacht auf Computer-Spielsucht in die Ambulanz

An der Tübinger Psychiatrischen Uni-Klinik gibt es eine Ambulanz für Computerspiel- und Internet-Abhängigkeit. Schätzungsweise ein bis drei Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen betreiben exzessives Computerspiel; nur ein Bruchteil sucht eine Beratungsstelle auf. Häufiger melden sich besorgte Eltern.

Symptome für eine Abhängigkeit sind: Kontrollverlust, zwanghafter Spiele-Konsum, Vernachlässigung wichtiger Lebensbereiche zugunsten des Spiels, Entzugserscheinungen wie Gereiztheit und Aggressivität, wenn das Spiel eingeschränkt wird.

Angehörigen und Lehrern empfiehlt die Ambulanz, sich mit computerspiel-abhängigen Jugendlichen auseinanderzusetzen, aber auch Interesse für das Spielverhalten zu zeigen, um darüber einen Zugang zu ihnen zu bekommen.

Kontakt zur Ambulanz: Telefon 0 70 71 / 298 6140

25.06.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 25.06.2010 - 11:03 Uhr

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