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Ein Schlüssel aus Asphalt

Studie preist Straßenbau-Großvorhaben der Region

Verkehrstechnisch unverzichtbar, teils hochprofitabel: Eine Studie von IHK und Regionalverband stellt den Straßenbau-Großvorhaben der Region Bestnoten aus – und fordert schnelle und möglichst komplette Umsetzung.

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E. Freese, B. Steinhilber

Tübingen/Reutlingen. Für die Bewertung auf Jahrzehnte angelegter Verkehrsprojekte gibt es stets eine Gretchenfrage: Mit welchen Mitteln werden sich die Menschen der Region in zehn, fünfzehn Jahren fortbewegen? Torsten Geißlers Antwort ist eindeutig: mit dem Auto. Der Wirtschaftswissenschaftler der Uni Köln rechnet mit knapp einem Prozent mehr Pkw-Verkehr auf den Straßen im Land – Jahr für Jahr, bis zum Prognosejahr 2025. Dann, so Geißler, werden in Baden-Württemberg knapp ein Fünftel mehr Autos (plus 19 Prozent) und ein gutes Drittel mehr Lastwagen (plus 34 Prozent) auf den Straßen fahren.

Ab hier fangen die Probleme an: Nördlich des 2013 realisierten B27-Ausbaus in Dußlingen (hier der ... Ab hier fangen die Probleme an: Nördlich des 2013 realisierten B27-Ausbaus in Dußlingen (hier der Stand vom März dieses Jahres) liegt das Großvorhaben „B27 Tübingen-Bläsibad“: der Schindhaubasistunnel mit prognostizierten Kosten von rund 200 Millionen Euro. Südlich der Baustelle (im Bild unten) liegt das derzeit zweispurige Nadelöhr „B27 Nehren-Bodelshausen“. Archivbild:Franke

Geißlers Studie hat zwei Geburtshelfer: die IHK Reutlingen und den Regionalverband Neckar-Alb (RVNA). Am gestrigen Dienstag stellte der Wissenschaftler seine Ergebnisse dem RVNA-Planungsausschuss in Kirchentellinsfurt vor. Hauptaussage: Alle Vorrang-Projekte des Regionalverbands, vom Tübinger Schindhaubasistunnel bis zur Reutlinger Dietwegtrasse, sind wirtschaftlich. Teils sehr wirtschaftlich.

„Damit haben wir gute Argumente an der Hand, etwa wenn es an die Fortschreibung des Bundes-Verkehrswegeplans geht“, feierte RVNA-Direktorin Angela Bernhardt die Ergebnisse im Planungsausschuss – und eine kurz darauf von der IHK ausgegebene Pressemitteilung jubelt: „Aus einem Euro werden 3,40 Euro.“ Grundlage der Euphorie ist die Bewertung von zehn noch nicht (komplett) realisierten Verkehrsprojekten in den Kreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb: Schindhaubasistunnel und B 27, Albaufstieg, Ortsumfahrten in Grafenberg, Engstingen, Lautlingen, Reutlingen und Münsingen.

Bemerkenswerte Bestwerte

Tatsächlich sind die Werte für dieses Gesamtpaket, die Geißler vorstellte, bemerkenswert: Jährlichen Investitionskosten von gut 20 Millionen Euro stellt der Ökonom einen volkswirtschaftlichen Nutzen von rund 68 Millionen gegenüber: Zeitersparnis, weniger Unfälle, weniger Schadstoffe, weniger Kohlenstoffdioxid-Emissionen. Geißlers Nutzen-Kosten-Quote ist bei einzelnen Projekte sogar deutlich höher: Der Albaufstieg im Echaztal, also die Verlegung der B 312 bei Lichtenstein, soll für jeden jährlich investierten Euro vier Euro bringen – rund ein Viertel mehr übrigens, als der noch geltende Bundesverkehrswegeplan aus dem Jahr 2003 ausweist. Der Schindhaubasistunnel in Tübingen würde mit einem volkswirtschaftlichen Return von 200 Prozent zwar recht bescheiden glänzen. Aber, so Geißler vor dem Planungsausschuss: „Der Tunnel ist von unbestrittener netzkonzeptioneller Bedeutung.“ Überhaupt drängen IHK und Regionalverband darauf, den systemischen Zusammenhang der Komponenten zu beachten. Deshalb sei etwa, so Angela Bernhardt, der komplette vierspurige Ausbau der B 27 bis Balingen so zentral.

Schindhaubasistunnel und Albaufstieg aber sind für den RVNA die „Schlüsselprojekte“, die die Direktorin bald verwirklicht sehen will. „Die Investitionen fließen direkt zurück in die Wirtschaft“, glaubt Bernhardt – und bedient sich geradezu herzchirurgischer Terminologie, um die Dringlichkeit der Lage zu verdeutlichen: Es komme darauf an, Engpässe im Netz zu beseitigen, Stents und Bypässe zu legen, um den Verkehr flüssig zu halten. Auch IHK-Präsident Christian O. Erbe sieht „massive Defizite“, die es dringend zu beseitigen gelte. Die IHK habe die Studie machen lassen, „um die Vorschläge der Wirtschaft für die Verkehrsinfrastruktur mit Fakten zu unterlegen“.

Die Gewichtung der Zeitersparnis

Genau diese Faktenlage wurde im Ausschuss selbst auch infrage gestellt. So attestierte der Reutlinger Kreis- und Stadtrat Christoph Joachim (Grüne) der Studie Defizite in der Methodik. Die Gewichtungen der Uni Köln, so Joachim, mäßen „dem unterstellten Zeitvorteil eine viel zu große Bedeutung bei“. Der volkswirtschaftliche Nutzen kürzerer Fahrtzeiten beträgt bei allen untersuchten Projekten zusammen jährlich gut 48 Millionen von insgesamt 68 Millionen Euro. Joachim dagegen: „Pläne, nach denen wir längere Pendelstrecken und einen ungehemmten Ausbau der Straßen überhaupt wollen, kommen doch aus einer lange vergangenen Zeit.“

Unterstützung dagegen bekam die Studie und ihre politischen Schlussfolgerungen aus dem Lager der Bürgerlichen im Ausschuss: Grafenbergs Bürgermeister Holger Dembek (FWV, „Wir haben richtig gelegen“) lobte die künftigen Projekte genauso wie Albstadts OB Jürgen Gneveckow (CDU): „Wir reden hier von Straßen, die wirklich notwendig sind, unter deren Zustand die Bürger seit Jahrzehnten leiden.“

Im Herbst wird der RVNA auf Basis der Studie so genannte Priorisierungen vornehmen – und auch zur Landesstraßenplanung Stellung nehmen. Im IHK-Verkehrsausschuss sollen zudem von Seiten der Wirtschaft „gefühlte Mängel“ mit den objektiven Daten abgeglichen werden. IHK-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Epp betonte „eine neue Dimension“ der Lage, nachdem die Studie der B 27 und dem Albauf stieg eindeutig Priorität zuschreibe. Epp: „Das ist eine ganz massive Aussage, dass von den beiden Baumaßnahmen alles andere abhängt.“

18.07.2012 - 12:30 Uhr

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