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Bei Chirurgen und Urmenschen zu Gast

Spielerischer Einblick in die Wissenschaft beim Kinder-Uni-Forschertag

Wie man Knochen flickt, Pflanzen bestimmt oder auch ein Musikstück untersucht, konnten Kinder beim siebten Kinder-Uni-Forschertag herausfinden. Außerdem hatten zwei Spiele rund um die Zelle Premiere.

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madeleine wegner

Tübingen. Wissenschaft zum Anfassen, Erleben und Mitmachen bot der Kinder-Uni-Forschertag am Samstag an dreizehn Instituten und Orten der Universität. Und dabei war eines klar: Wissen und Lernen ist im besten Fall kinderleicht und macht Spaß. Die Leidenschaft für das eigene Fachgebiet teilten dabei die Experten aus Natur-, Kultur- und Geschichtswissenschaften mit den sieben- bis zwölfjährigen Nachwuchswissenschaftlern in ein- bis zweistündigen Workshops oder Vorführungen und Experimenten.

In der BG Unfallklinik konnten die kleinen Nachwuchschirurgen etwa ausprobieren, wie es ist, einen Arm einzugipsen. Auf dem Dach der Klinik durften sie zusammen mit Dirk Albrecht die Ausstattung des Rettungshubschraubers bestaunen. Andere Workshops führten zum Beispiel mit Mikroskopen in das Reich der Pflanzen oder warfen mit Teleskopen einen nicht alltäglichen Blick in den Himmel und auf die Sonne.

Im Schlosshof stellten Kirsten Lauber von der Universität Tübingen und Helmut Jungwirth von der Universität Graz die beiden Spiele „Organellory“ und „Apoptopoly“ vor, die sie im Rahmen des EU-Projekts „2Ways“ entwickelt haben. Dessen Ziel ist es, dass Partner aus zwei verschiedenen Ländern etwas gemeinsam entwickeln und eine Idee im Bereich der Wissenschaftskommunikation zusammen umsetzen.

Nicht nur Gipsen und Bohren durften die Nachwuchschirurgen bei Dr. Dirk Albrecht: Er zeigte den ... Nicht nur Gipsen und Bohren durften die Nachwuchschirurgen bei Dr. Dirk Albrecht: Er zeigte den Kindern sogar den Rettungshubschrauber. Bild: Franke

Rund um die Zelle geht es bei den beiden Spielen. „Organellory“ ist ähnlich einem Memory-Spiel aufgebaut, in dem Kinder die richtigen Paare finden sollen. „Die Idee dabei ist, dass man die Zelle mit einer Fabrik vergleichen kann. Wir bestehen ja aus kleinen Kraftwerken“, erklärte Jungwirth, der Professor für Molekular-Biologie ist. So gibt es Mitochondrien, die den Maschinen einer Fabrik entsprechen oder Membranvesikel als die Lastwagen und Transporter, die die Fabrik verlassen. Da die Paare auch allein über gleiche Farben gebildet werden können, hält Jungwirth das Spiel bereits für Kinder ab drei oder vier Jahren sinnvoll.

Von Kuschel-Mikroben und Kuller-Augen

„Jede Zelle hat die Möglichkeit, sich selbst umzubringen“, sagte Jungwirth. In „Apoptopoly“ geht es genau um diesen programmierten Zelltod, die Apoptose. „Das kann ein komplexes Thema sein, es kann aber auch kinderleicht sein“, sagte der Biologe. Die von ihm und seiner Tübinger Kollegin Lauber entwickelte Mischung aus Würfelspiel und Wissensquiz soll das Thema für Kinder ab zehn Jahren leicht zugänglich machen und mit Spaß verbinden.

Ziel des Spiels ist es, fünf „Organellen-Karten“, also zum Beispiel Mitochondrium oder Endoplasmatisches Retikulum, zu sammeln. Diese gibt es für jede richtig beantwortete Frage zur Zelle und Apoptose. „Wie lang ist der DNA-Faden in jeder unserer Zelle?“, lautet etwa eine der Fragen. Zwei Meter misst er, doch Jungwirth bringt die jungen und erwachsenen Spieler zum Staunen: Alle DNA-Fäden unseres Körpers zusammengenommen ergeben eine Strecke, die 650 Mal zur Sonne und wieder zurückführen würde.

Diana (Mitte) freut sich über einen Treffer beim „Organellory“. Mit-Erfinderin des Spiels ... Diana (Mitte) freut sich über einen Treffer beim „Organellory“. Mit-Erfinderin des Spiels Kirsten Lauber (links) erklärt, was es mit Zellen auf sich hat. Bild: Franke

Die mit der richtigen Antwort gewonnene Organellen-Karte kann jedoch auch schnell wieder verloren sein: Zum Beispiel durch die „Todeskarten“, die etwa Rauchen, ungesunde Ernährung oder bakterielle Infektionen symbolisieren. Sie erschweren nicht nur den Weg zum Spiel-Ziel, sondern zeigen auch, was den Zellen besonders schadet und was bestimmte Krankheiten hervorrufen kann. In Form von „Lebenskarten“ gibt es jedoch die passenden Gegenmittel. Und „Aktionskarten“ sorgen dafür, dass das Spiel noch spannender wird.

„Das Spiel ist sehr gut angekommen“, freute sich Jungwirth. „Wer einmal die Scheu abgelegt hat und anfängt zu spielen, der hört nicht mehr auf.“ Nicht zuletzt haben den Siegern auch thematisch passende Preise gewunken: Kuschel-Mikroben aus Plüsch und mit Kulleraugen sowie Kochbücher für die Molekulare Küche. Ob und wie das Spiel auf den Markt soll, wollen Lauber und Jungwirth erst am Ende des Jahres, nach Ablauf des Projekts überlegen.

Die Wissenschaft aus den Türmen holen

Im Schlossgraben zeigten Studierende der Ur- und Frühgeschichte zusammen mit Experimental-Archäologen und Museumsmachern, wie die Menschen in der Steinzeit lebten. An sieben Ständen wurde da geguckt, gelauscht und selbst ausprobiert. Feilen, ritzen und bohren hieß es an einer dieser Stationen im steinzeitlichen Schlossgraben: Hier entstanden unter geduldigen Händen aus Speckstein solche Mammuts wie 2006 eines aus Elfenbein im Vogelherd gefunden wurde.

„Drei Dinge braucht der Mann!“, verkündete Harm Paulsen, der auf 43 Arten Feuer machen kann. Zum Beispiel mit einem Feuerzeug der Wikinger, dazu ein Feuerstein und Zunder. Mit dem Stahl schlug er gegen den Feuerstein, um den er kleine Fetzen von einem Baumpilz gelegt hatte.

So richtig wollten ihm die jungen Zuschauer nicht glauben: „Da fliegen gar keine Funken“, sagte ein Junge. Doch da begann der Zunder bereits leicht zu qualmen. Um nicht zu viel von dem wertvollen Baumpilz zu verbrauchen, legte ihn Paulsen in ein Bett aus Rohrkolben-Zunder. „Das wird langsam heiß an den Fingern“, sagte er und wickelte noch eine Lage Heu darum, schwenkte und pustete bis plötzlich tatsächlich das Knäul in einer Flamme aufging. Ebenfalls heiß her ging es beim Bronzeguss. Beim Treten des Blasebalgs und beim Gießen der orange-leuchtenden, glühenden Masse in die Keramikformen gerieten die Studenten mächtig ins Schwitzen.

„Wir wollen die Wissenschaft aus den Türmen auf die Straße – oder eben in den Schlossgraben – holen. Im Museum ist das selbstverständlich, aber an der Uni noch nicht“, sagte der Direktor des Pfahlbau-Museums Unteruhldingen, Gunter Schöbel. Er leitet das Seminar Experimentelle Archäologie, dessen Studenten nun ihr Wissen praktisch beim Kinder-Uni-Forschertag umsetzen wollten.

Im Institut für Musikwissenschaft versuchte Ann-Katrin Zimmermann, dem Geheimnis von Musik auf den Grund zu gehen. Zusammen mit neun Kindern wollte sie herausfinden, was Musik fröhlich oder traurig macht. Sie ließ ein Stück laufen. „Die vielen tiefen Töne: Das hat‘s traurig gemacht!“, ist sich ein Mädchen sicher. „Wir haben ja richtige Spezialisten unter uns“, zeigte sich Zimmermann überrascht.

Aber auch die Instrumente spielen eine Rolle dabei, wie ein Musikstück wirkt, stellte die junge Forschergruppe fest. „Deshalb brauchen wir so viele Instrumente – damit wir viele unterschiedliche Charaktere ausdrücken können“, sagte die Musikwissenschaftlerin. Vor allem aber zeigte sich: Musik selbst ist nicht traurig, aber sie kann Gefühle in uns zum Ausdruck bringen. „Das kann kaum etwas anderes machen, denn ein Gefühl beschreiben, das ist unheimlich schwer“, sagte Zimmermann. „Das ist die große Fähigkeit der Musik.“

04.07.2010 - 21:10 Uhr | geändert: 04.07.2010 - 21:15 Uhr

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