Umgestaltungspläne für den Baggersee sorgten am Freitag für Protest vor der Ortschaftsrats-Sitzung in Hirschau. Ortsvorsteher Ulrich Latus versuchte, die Wogen zu glätten: Entschieden ist noch nichts.
Hirschau. „Latus, Latus, hör’ uns zu, lass’ den Baggersee in Ruh!“, riefen rund 80 Demonstranten vor dem Hirschauer Rathaus. „Das grüne Tübingen ist blau, es macht die Natur am See zur Sau“, kündete ein Plakat. Selten gab es vor einer Ortschaftsrats-Sitzung solchen Aufruhr. Der Anlass: „Baggersee Hirschau: Beschluss über das weitere Vorgehen zur Umsetzung des Entwicklungskonzeptes“ stand etwas kryptisch auf der Tagesordnung.
Schon seit 2007 gibt es Pläne für die Umgestaltung des Sees: Das Konzept sieht einen Rundweg vor, Liegewiesen auf der östlichen und südwestlichen Seeseite, einen Sitzbereich am Nordufer und eine Wiesenfläche auf der Halbinsel. Schilf und Gestrüpp würden für die Wiesen gerodet, Schilf am Südufer geschützt. Aus der Schublade geholt wurde es jetzt, weil 100 000 Euro aus dem Konjunkturpaket für den Hirschauer Baggersee zur Verfügung stehen.
Angst vor mehr Gästen und mehr Müll
Die Ortschaftsratssitzung am Freitag nahmen Baggersee-Fans aus dem Umland zum Anlass, ihren Unmut über das Konzept zu artikulieren. Aus Pfalzgrafenweiler war Evelyn Möwert gekommen. Seit 15 Jahren sei der See für sie ein „Ruhepol“.
„Man plant massive Eingriffe in die Natur. Der See verträgt nicht mehr Leute“, sagte sie. Wer bislang komme, bemühe sich um Sauberkeit und schätze die Natur. Mehr Gäste bedeuteten mehr Müll, dann habe man Verschmutzungsprobleme wie an vielen anderen Seen.
Helmut Walter aus Wurmlingen forderte, das Fördergeld „für den Erhalt des Sees, nicht zur Vermarktung“ zu nutzen. Sein Wunsch: Erst müsse der Seegrund geräumt werden. Das Oberwasser sei gut, doch darunter „sieht es nicht gut aus“. Der Plan, die bewachsene Halbinsel in eine Wiese umzuwandeln, erzürnt den Wurmlinger. Er kritisiert die Stadt: „Es gibt keine Information, man will klammheimlich die Sache durchboxen.“
Bei der Sitzung drängten sich viele Zuhörer im Raum und in der Vorhalle. Denn neben dem See stand auch die Kleinkinderbetreuung auf dem Programm (Bericht folgt). Latus hatte Mühe mit einer geordneten Sitzung: Zwischenrufern waren die Regeln nicht bekannt – oder egal.
Ute Krommes von der Tübinger Stadtverwaltung stellte klar, dass es noch keine detaillierten Umbaupläne gebe. Erst müsse der Gemeinderat entscheiden, welche der Umbauten er überhaupt realisieren will. Würde alles umgesetzt, summierten sich die Kosten auf 300 000 Euro. Krommes verwies auf die klammen Kassen der Stadt. Die Verwaltung spricht sich vorrangig für den Umbau des Nordufers und den Schutz des Schilfbereichs aus.
Viele Interessen,
doch ein Schnittpunkt
Die maximale Förderung aus dem Konjunkturpaket gibt es nur, wenn alle Pläne realisiert werden. Allerdings bekäme die Stadt für den Grunderwerb (knapp 100 000 Euro) nicht wie erhofft 50, sondern nur zehn Prozent bezuschusst. „Hier will der Oberbürgermeister nachhaken“, sagte Krommes. „Für die Zuschüsse muss man dieses Jahr mit dem Bauen anfangen und nächstes fertig sein – langsam geht uns die Spucke aus, alle Termine einzuhalten.“
Daher fragte nun die Verwaltung den Ortschaftsrat, ob er das Konzept unterstütze – obgleich wegen der offenen Zuschussfrage noch kein Gemeinderats-Antrag erarbeitet wurde. Denn dann könne ein Ausschuss am 28. September über den Umgestaltungs-Plan beraten.
Latus verteidigte das Konzept: „Alle Interessen erhalten ihren Platz“. Detailpläne lohnten sich erst, wenn klar sei, was überhaupt umgesetzt wird. Er rief zum Miteinander auf, weder Naturschützer noch Stammgäste, Angler oder Gemeinde wollten mehr Gäste anlocken. Scharf kritisierte er den „Kleinkrieg“ per Dienstaufsichtsbeschwerde, den ein Gegner des Konzepts führt.
„Auf einmal wird die Zeit knapp, nachdem zwei Jahre nichts passiert ist“, kritisierte Roland Mayer (UWV). Er verlangte, bei der Detailplanung den Ortschaftsrat einzubinden. Ähnlich äußerte sich Richard Fridrich (CDU): „Der Planungsausschuss kann nicht über unseren Kopf entscheiden.“ Manuela Heffner (UWV) regte eine Ortsbegehung an, was Latus aufgriff und anbot, dort auch mit Interessierten diskutieren zu können. Am Ende unterstützte der Rat einstimmig das Konzept und sprach sich für mindestens 55 000 Euro im Haushalt 2010 aus. Das versöhnliche Fazit von Fridrich: „Die Emotionen gehen hoch, aber man ist gar nicht weit voneinander entfernt.“