Der Philosoph Prof. Ernst Tugendhat eröffnete neulich als Schirmherr die „Nakba“-Ausstellung im Gemeindehaus „Lamm“. Nun reagiert er auf die harsche Kritik, wie sie teils in den TAGBLATT-Leserbriefspalten geäußert wurde.
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Er steht zu der Ausstellung: Prof. Ernst Tugendhat. Archivbild: Metz
Tübingen. Den dort erhobenen Vorwurf der „Einseitigkeit“ kontert Tugendhat: Richtiger scheint ihm, dass die „Nakba“-Ausstellung ergänzungsbedürftig sei, „aber dadurch verliert sie nicht an aufklärerischem Wert.“ Die gewaltsamen Aktionen der Palästinenser gegen die Juden in den 30er Jahren sowie nach dem UN-Teilungsbeschluss hätten zwar stärker hervorgehoben werden können, als es geschieht. Auch hätte, wie angemahnt werde, die schlimme Rolle des mit den Nazis kollaborierenden Mufti von Jerusalem nicht unerwähnt bleiben sollen.
Man dürfe aber nicht übersehen, so Tugendhat, „dass die Zionisten nicht wie einfache Einwanderer nach Palästina kamen, sondern mit der erklärten Absicht, dort einen eigenen jüdischen Staat aufzubauen. Das war für die palästinensische Bevölkerung unakzeptabel. Natürlich handelten die zionistischen Juden unter dem Druck des europäischen Antisemitismus. Aber hat, wer aus einem Haus herausgeworfen wird, das Recht, in das Haus eines unbeteiligten Dritten einzubrechen?“
Im wechselseitigen Unrecht hätten also die Zionisten „den ersten Schritt begangen“, meint Tugendhat: „Nicht durch die Einwanderung als solche, sondern durch deren politische Stoßrichtung. Wie die Ausstellung belegt, wussten die zionistischen Führer von vornherein, dass der jüdische Staat nur errichtet werden konnte, wenn die palästinensische Bevölkerung ausgesiedelt würde, und der israelische Staat hat durch die sofortige Ausbürgerung der Geflohenen und die Konfiszierung ihres Besitzes die Verantwortung für ihren Flüchtlingsstatus übernommen.“
Der Schirmherr der Ausstellung weiter: „Dass die Hervorhebung von Tatsachen, die für das israelische Selbstbild ungünstig sind, Antisemitismus sei, ist eine Unterstellung, die aus einem ,Philosemitismus’ kommt, der sich seinerseits nur aus antisemitischen Wurzeln erklären lässt.“ Tugendhat bedauert auch die Erklärungen des Tübinger Kirchengemeinderats und des DGB in Frankfurt, nach denen die Ausstellung nicht gezeigt werden solle. „Das ist Intoleranz und Bevormundung, wiederum motiviert aus der Angst, als antisemitisch erscheinen zu können.“
Das Thema der Ausstellung sei das palästinensische Flüchtlingselend. In keiner Weise, betont Tugendhat, werde suggeriert, „dass es das einzige oder auch nur, dass es das wichtigste Problem im israelisch-palästinensischen Konflikt ist. Aber man muss daran erinnern, weil es in der westlichen Nahostdebatte in Vergessenheit zu geraten droht. Die Ausstellung kompensiert also gerade eine Einseitigkeit, die des gegenwärtigen Bewusstseinsstandes.“