Schlanker, leiser, härter: Das Ract 2010 hat künstlerisch ein weiteres Mal überzeugt. Mit insgesamt nur rund 12 000 Gästen war das Festival allerdings deutlich kleiner als in den Vorjahren (siehe auch das „Übrigens“).
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Eike Freese
Die Tübinger „Pantasonics“ fehlen auf kaum einem Festival der Region. Das launige Potpourri aus Reggae, Polka, Ska und Funk brachte am Samstagabend Tausende zum Hüpfen.
Tübingen. Wie wars? „Hart!“, sagen Gunnar Scholz und Verena Melnik aus Reutlingen. Die beiden Studenten hatten es im Vorjahr genossen, beim Ract unter Baumwipfeln im Gras zu liegen und ihrer geliebten Reggae-Musik zu lauschen. Beim Ract 2010 im Exil an der Wilhelmstraße mussten sie ohne solchen Komfort auskommen. Das Ausweichquartier auf dem Parkplatz „Alte Chemie“ machte vor allem in der Nachmittagshitze einen eher unwirtlichen Eindruck.
Etwa halb so viele Besucher wie 2009
Voll wurde es aber im Laufe der beiden Abende, an denen auf zwei Bühnen 25 zum Teil hochkarätige Bands spielten. Geschätzte 12 000 Besucher zählten die Mitarbeiter der städtischen Ordnungsabteilung. Weil im Park am Anlagensee derzeit König Fußball regiert, mussten sich die Ract-Macher zum ersten Mal nach vier Jahren nach einem Ausweichquartier umsehen und konnten prompt nur etwa die Hälfte der gewohnten Zuschauermenge begrüßen.
Zuschauer mit Bewegungskunst
Der Euphorie tat das am Ende keinen Abbruch. Als am Samstag die Abschlussband „Nu Sports“ die Bühne enterte, tobte die Menge begeistert zu tanzbarem Ska und Reggae. Die Neuformation der deutschen Ska-Legende „No Sports“ startete schon traditionell mit „Way of the dragon“, punktete bei den Fans aber vor allem mit alten Gassenhauern wie „Stay rude, stay rebel“. Typisch Ract: Ein Feuerspucker sorgte während der Umbau-Pause spontan für ordentlich Atmosphäre.
Pure Begeisterung, krachende Musik und viel Atmosphäre am Abend: Zwar konnte das Ract 2010 nur etwa die Hälfte der gewohnten Zuschauer anziehen. Doch die kamen während der zwei Festivaltage zumeist voll auf ihre Kosten. Bilder: Ulrich Metz
Auch typisch Ract: Möglichst viele Jugendkulturen sollen gleichzeitig auf dem Festival-Gelände auf ihre Kosten kommen. Musikalische Scheuklappen sind den 30 Schülern und Studenten vom Organisationsteam fremd. Deshalb spielten parallel zu „No Sports“ die Pforzheimer Rocker „The Rising Rocket“ auf der zweiten Bühne an der Wilhelmstraße. Bei den Gewinnern der „Soundwave Discovery“ 2009 gab es zwar weniger zu tanzen, aber dafür schnelle und mitreißende Hymnen im Stile von Mando Diao oder The Killers.
Die Tübinger „Pantasonics“ fehlen auf kaum einem Festival der Region. Das launige Potpourri aus Reggae, Polka, Ska und Funk brachte am Samstagabend Tausende zum Hüpfen.
Damit die Vielfalt der Bands nicht unübersichtlich wird, hatten die Ract-Macher an beiden Tagen grob nach Genres sortiert: Am Freitag spielten HipHop-Sternchen wie F.R. oder Maeckes neben Indie-Acts wie „Scarlet Drawl“ oder „Empty Beauty“, am Samstag lag das Augenmerk auf Reggae und Rock.
So sinnvoll diese Sortierung für alle Fans war, für das Ract 2010 war sie nicht unproblematisch: In den Jahren zuvor gab es auf drei großen Bühnen an beiden Tagen jederzeit für jeden etwas zu sehen. Nicht ausgeschlossen, dass Jugendliche in diesem Jahr auf einen kompletten Festival-Tag verzichteten. Auch deshalb will das Ract-Team im nächsten Jahr wieder zurück an den Anlagensee: „Die musikalische Bandbreite ist einer der zentralen Gründe, warum die Wilhelmstraße nur eine Übergangslösung bleiben muss“, sagte Anna Kummer vom Organisationsteam am Freitag.
Stolz über das Vollbrachte zeigten sich die Ract-Macher dennoch. „Es macht mich glücklich, wenn sich etwa der Poetry-Slam inzwischen zu einem Zugpferd des Festivals entwickelt hat“, sagte Ruben Neugebauer am Samstag. Der 20-Jährige organisierte den Dichter-Wettstreit, der schon recht früh am Abend den Schiebeparkplatz mit hunderten von Besuchern füllte. Der Tübinger Keno Heyenga konnte das launige Poeten-Turnier unter viel Applaus für sich entscheiden – hiesige Größen wie Jakob Nacken und Harry Kienzler sorgten für weitere Highlights.
Doch Ract sollte auch in diesem Jahr nicht nur Unterhaltung sein. Die Organisatoren vom Verein „Act“ bestehen auf ihrem Anspruch, das Festival als politisches Forum zu konzipieren. So warben am Eingang des Spektakels die „Grüne Jugend“, die „Jusos“, die Piratenpartei und die Partei „Die Linke“ um Aufmerksamkeit. „Hier auf dem Festival ist ja unsere Kernklientel“, sagte Roman Kremer, der örtliche Direktkandidat der Piratenpartei für den Landtag. Die Politik-Frischlinge freuten sich über zahlreiche Gespräche mit den Festivalbesuchern während der lauten Tage. Enttäuscht dagegen war Kremer vom Interesse an seinem Workshop „Privatsphäre im Internet“ – „Eigentlich ein populäres Thema“, findet der 24-Jährige. „Aber zwischenzeitlich haben sich die Workshop-Leiter schon gegenseitig besucht, um etwas zu Erzählen zu haben.“
Bildungs-Häppchen am Rande des Festivals
Die kleinen Bildungstreffen am Rande des Festivals entpuppten sich zeitweilig aber doch als Publikumsmagneten. So wurde es beim Peru-Workshop des Tübingers Lukas Hetzel richtig eng im Zelt. Für Anfänger war das nicht immer etwas. Die jungen Tübinger entpuppten sich teilweise als echte Experten: „Ich würde gerne mal besprechen, wie das in Peru mit der Gewerkschaftsbewegung auf dem Land aussieht“ – so und ähnlich wurde zum Großteil sehr engagiert diskutiert, während draußen auf den Bühnen die Bands rockten.
Bei einem weiteren Workshop brachte der kanadische Songwriter Bruce Millar vor rund 20 Nachwuchs-Musikern poetische Tipps unters Volk. Da wurden Themen diskutiert wie: Soll man in einem Liebeslied den Namen der Angebeteten erwähnen – oder ist das zu speziell? „Achtet darauf, dass ihr es in einem Song nicht unbedingt selbst sein müsst, der spricht“, riet Millar. „Außer natürlich, ihr schreibt den Song für einen anderen Künstler. Dann müsst ihr euch fragen: Was will der Mensch denn eigentlich sagen?“ Auch bei den Workshops allerdings wurde klar, dass das Festival an der Wilhelmstraße nicht ideal aufgehoben war: Die Lautstärke aus verschiedenen Quellen auf dem Gelände war überall so hoch, das sowohl die Bands, als auch die Workshops sich untereinander akustisch ins Gehege kamen.
Damit nicht auch die Anwohner über Gebühr von den wummernden Bässen des Festivals belästigt wurden, führte die städtische Ordnungsabteilung um Rainer Kaltenmark Lärm-Messungen durch. Von den mit Einbruch der Dunkelheit erlaubten 90 Dezibel kamen an der nahen Nauklerstraße noch 80 Dezibel an. „Weder bei uns noch bei der Polizei gab es in den beiden Nächten Beschwerden von Anwohnern“, sagte Kaltenmark am Sonntag. „Sie haben aber zum Ausdruck gebracht, dass das Festival in ihrer Nachbarschaft eine einmalige Ausnahme bleiben soll.“ Auf dem Festivalgelände selbst blieb es am Wochenende friedlich. Das größte Ärgernis dürften die zahlreichen Flaschen und Scherben gewesen sein, die noch am Sonntagvormittag die Wilhelmstraße säumten und sie für Fahrradfahrer zum schwierigen Gelände machten.