Leitungswasser gilt als sicherstes Lebensmittel und wird recht sauber ans Haus geliefert. Doch im Haus kann es unerwünschte Stoffe aus den Leitungen lösen oder gar zur Bio-Gefahr werden. Seit November muss in großen Mietshäusern deshalb die Wasserqualität überprüft werden.
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Mario Beisswenger
So harmlos sehen Legionellenkolonien aus, wenn sie auf Nährböden gezogen werden. Geraten die Erreger in die Lunge können sie schwere Lungenentzündungen hervorrufen. Bild: Eurofins-Institut
Tübingen. Die Wasseranalyse der Tübinger Stadtwerke (SWT) klingt richtig lecker. Angeboten wird Wasser aus dem Bodensee, dem Neckar- und dem Ammertal, mal pur, meist gemischt, je nach Stadtteil und Teilort. Drin ist fast nichts anderes als Wasser. Mit dem Gehalt an Nitrat, lange Zeit in der Diskussion als Gesundheitsgefahr intensiver Landwirtschaft, ist Johannes Fritsche von den Stadtwerken zum Beispiel „absolut zufrieden“. Seit Jahren geht der Anteil zurück. Er liegt jetzt in allen Wässern höchstens um die 25 Milligramm pro Liter.
Auf Schwermetalle und Uran getestet
Unkrautbekämpfungsmittel, auch das lange ein Problem der Wasserwerker, gibt es nur in winzigen, allgemein für unbedenklich gehaltenen Spuren. Das gilt ebenso für Schwermetalle. Selbst auf den Uran-Gehalt haben die Stadtwerke schon ihr Wasser untersucht und weniger als 0,002 Milligramm gefunden. Damit sei Tübingens kühles Nass uneingeschränkt auch für Babys geeignet, sagt Fritsche.
Die Werte gelten allerdings nicht für das Wasser, das zu Hause aus dem Wasserhahn rinnt. „Das Problem ist die Hausinstallation“, erklärt Lars Dohl, Leiter der Trinkwasser-Abteilung bei Eurofins-Institut Jäger in Tübingen. Bleileitungen sollte es zwar nirgends in Tübingen geben, weil der württembergische König diese schon Ende des 19. Jahrhunderts verboten habe. Ältere korrodierte Leitungen aus verzinktem Stahl könnten aber ein Problem sein.
Wenn das Trinkwasser dort lange steht, besteht die Möglichkeit, dass sich Schwermetalle aus dieser Rostschicht im Wasser sammeln. Das Umweltbundesamt rät bei Bedenken, aus der Kaltwasserleitung zu zapfen und nach mehr als vier Stunden Pause so viel Wasser in den Ausguss laufen zu lassen, bis es kalt aus der Leitung quillt. Wenn besorgte Wasserzapfer im Institut Jäger anrufen, werden sie zunächst beraten, ob sie wirklich ihr Wasser untersuchen lasse wollen.
Etwa 50 Euro kostet eine Untersuchung auf die fünf entscheidenden Metalle. Seit November sorgen sich Immobilienbesitzer aber nicht mehr nur wegen der chemischen Wasserqualität. Probleme kann es auch bei der biologischen Qualität geben. „Wenn wenig Wasser läuft, neigt die Hausleitung zum Verkeimen“, sagt Klaus Schröppel, Krankenhaus-Hygieniker an der medizinischen Mikrobiologie des Uni-Klinikums. Gefährlich sind da vor allem die Legionellen (siehe „Bio-Gefahr aus dem Brausekopf“).
Diese nisten sich ein in den Leitungen zwischen Boiler und Zapfstelle, besonders gern in wenig oder ungenutzten Strängen. Seit 1. November müssen deshalb viele Immobilienbesitzer kontrollieren, ob sich in den Leitungen ihrer Häuser die Bakterien breitgemacht haben. Vermieter von Wohnungen in Mehrfamilienhäusern sind in der Pflicht, wenn der Warmwasserkessel zur Versorgung des Wohnhauses mehr als 400 Liter fasst oder die Leitungsstrecke bis zur Dusche eine gewisse Länge überschreitet.
Kosten für die Analyse auf Mieter umgelegt
Sie müssen Proben analysieren lassen und sich versichern, dass alles in Ordnung ist. Die Kosten für diese Untersuchung können die Vermieter übrigens auf die Mieter umlegen, wie der Verein der Haus- und Grundeigentümer mitteilte. Das Problem ist, dass es in vielen Installationen keine Entnahmestellen gibt. „Da muss dann der Installateur ran“, sagt Schröppel. Er untersucht so wie beim Institut Jäger nicht nur das Wasser auf Legionellen-Belastung, er berät, wie dort auch, wie das mit den Proben organisiert werden kann. Bei einem vermieteten Vierfamilienhaus müsste zum Beispiel vor und hinter dem Boiler das Wasser gecheckt werden, und auch in den Steigleitungen. Kostenpunkt für die Untersuchung: Von 100 Euro an aufwärts.
Gegen Legionellen hilft nur Hitze
Wenn sich Legionellen ein Ökosystem im Inneren einer Leitung eingerichtet haben, „hilft dagegen im häuslichen Bereich nur Hitze“, sagt Schröppel. Die Bakterien sind dabei gegen hohe Temperaturen widerstandsfähiger als andere Krankheitserreger. Diese machen bei mehr als 50 Grad schnell schlapp, bei Legionellen müssen es mindestens 65 Grad sein. Wenn die Hausinstallation so hochgeheizt wird, müssen alle Wasserzapfer im Haus gewarnt sein, sonst verbrüht man sich unter der Brause.
Bio-Gefahr aus dem Brausekopf
Legionellen sind Bakterien, deren Gefährlichkeit für die Gesundheit erst vor 35 Jahren deutlich wurde. Ihr Name geht auf das Ereignis zurück, bei dem die Gefährdung entdeckt wurde: Damals erkrankten in den USA eine größere Zahl von ehemaligen Soldaten nach einem Treffen in einem Hotel an Lungenentzündung. Rund 30 von ihnen starben. 2010 erkrankten in Deutschland 690 Menschen an einer lebensbedrohlichen Legionellen- Infektion. Aufsehen erregten Anfang 2010 fünf Todesfälle, bei denen die Infektionen auf eine schlecht gewartete Klimaanlage in Ulm zurückgingen. Der größte Teil der Infektionen bleibt aber wegen ihrem leichten Verlauf unerkannt und läuft unter Grippe oder einfacher Lungenentzündung. Die Uni-Mediziner rechnen mit etwa 10 000 Fällen im Jahr, das Umweltbundesamt mit noch mehr. Gefahr besteht vor allem, wenn man die Erreger mit Wassernebel, zum Beispiel beim Duschen, einatmet. Übers Trinken sind vor allem Personen mit geschwächtem Immunsystem, etwa nach einer Chemotherapie, gefährdet.